Bruce Springsteen

Magic

Nostalgisch-romantischer Home-Run mit der E Street Band

Sah es vor zehn Jahren so aus, als wäre Bruce Springsteens Karriere zum Erliegen gekommen, so ist er jetzt geschäftig wie allenfalls 1973. Schon muss man das Bonmot bemühen, es handele sich nicht um ein Comeback, weil er ja niemals weg war. Und Mann, mehr da als mit dieser Platte war er selten. „Magic“ ist, knapp gesagt, das Album, das nach „Born In The U.S.A.“ erwartet wurde. Ja, es ist die E Street Band, es ist wieder I98off, und alles ist wieder versammelt – Clarence Clemons‘ Saxofon, Danny Federicis Orgel, später Roy Bittans Piano, Max Weinbergs Dreschflegel, Tonnen von Overdubs, unter lustvollem Bombast begrabene Gitarren. Ich weiß nicht, was Jon Landau unter „light on its feet“ versteht. Vielleicht einen Kettenpanzer mit Glockenspiel.

Die schiere Wucht von „Radio Nowhere“, von Brendan O‘ Brien produziert wie ein Stück seiner Klienten Pearl Jam, ist dann doch schwer zu fassen. „You’ll Be Comin‘ Down“ ist ein schwarzgalliges Divertimento über das jähe Unheil um die Ecke; „Livin‘ In The Future“ explodiert als übermütiger Nostalgie-Rock’n’Roll wie „Hungry Heart“ oder „Glory Days“; „Your Own Worst Enemy“ ist eine schwerblütige, weihnachtsgefühlige Meditation über den Verlust der Sicherheit; am Ende läuten tatsächlich Kirchenglocken. „Gypsy Biker“ klingt, als würden tausend Indianer auf Dudelsäcken den Hügel hinabreiten, eine Variation von „Born In the U.S.A.“; „Sister Mary sits with your colors/ Brother John is drunk and gone.“ Der Gypsy Biker kommt tot nach Hause, sein Motorrad verbrennen sie in den Hügeln. „Now Fm countin‘ white lines/ Countin‘ white lines and gettin‘ stoned.“

Wer jetzt noch keine Träne verdrückt hat, der wird es bei „Girls In The Summer Clothes“ tun, einem Sixties-Schmachtfetzen mit dem Aroma von „Downbound Train“ und „Bobbyjean“. Überall Reminiszenzen:

„Frankie’s diner, an old friend on the edge of town/ The neon sign spinnmground/Like across over the lost and found/ The fluorescent Hghts flick over Pop’s Grill/ Shaniqua brings the coffee and asks ,Fill?'“ Bei Springsteen gibt es keine halben Tassen.

Heftiges Piano-Spiel und Clemons‘ Kanne treiben „I’ll Work For Your Love“, das noch einmal Springsteens emotionales Ethos verkündet. Mit irisierenden Streichern und sarkastischem Text ist „Magic“ ein ungewöhnlicher Springsteen-Song, derein wenig an Warren Zevons „For My Next Trick I’ll Need A Volunteer“ erinnert: „I got a shiny saw blade/ All I need’s a volunteer/ I’ll cut you in half/ While you’re smiling from ear to ear.“

Es folgt die Abteilung der ernsten Groß-Stücke: „Last To Die“, eine bittere Kriegs-Reflexion, gesungen mit dem bebenden Heroismus der Songs von „Born Tu Run“: „We took the highway till the road went black…/ Who‚ll be the last to die for a mistake…“ In „Long Walk Home“ kehrt der Junge aus „My Hometown“ heim, doch kennt er die Gesichter nicht mehr. Aber er erinnert sich an die Worte seines Vaters: „Son, we’re lucky in this town/ It’s a beau tiful place to be born/ It just wraps its arms around you/That flag flying over the courthouse/ Means certain things are set in stone/ Who we are, what we’ll do and what we won’t.“ In „Devil’s Arcade“ werden zu kreiselnden Gitarren bedrängende Bilder vom Kriegsschauplatz gegen den Traum von Heimat gesetzt: „A house on a quiet street, a home for the brave/ The glorious kingdom of the sun on your face…“ Das letzte Stückais hidden track,ist ein zartes Requiem für Springsteens Freund Terry Magovern, der Lmjuli starb. „Terrys Song“ gemahnt mit Harmonika, akustischer Gitarre, Piano und Orgel an „Nebraska“ und „Tunnel Of Love“.

Und ist es nun Magie? Nein. Der große alte Chansmatikerund seine Knappen werfen noch einmal ein Gewinnerblatt auf den Tisch. Bruce Springsteen arbeitet für unsere Liebe.