Camera Obscura: "My Maudlin Career" (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Camera Obscura „My Maudlin Career“



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Diese hinreißenden Songs sind eigentlich ein Fall für Manufactum: Die guten Dinge, es gibt sie noch, aber leider nicht mehr an jeder Ecke, weil dort schon längst ein Katy-Perry-Klon oder ein Pink-Ableger auf minderjährige Käufer wartet. Camera Obscura sind weder blutjung noch total hip, sie sind einfach nur fantastisch gut in dem, was sie tun.

Auch das vierte Album der Band aus Glasgow ist eine wehmütige, aber dennoch (oder deshalb?) ganz wunderbare Erinnerung an den Pop-Begriff der Sechziger: Hier finden sich der Soul von Al Green, die Arrangements von Phil Spector und glamouröse Melodien, wie sie einst Dusty Springfield sang. Auf dem letzten Album „Let’s Get Out Of This Country“ gab es mit „Lloyd, I’m Ready To Be Heartbroken“ auch eine wunderbar schwelgerische Antwort auf den Lloyd-Cole-Song „Are You Ready To Be Heartbroken“. Tracyanne Campbell, Songschreiberin und Sängerin von Camera Obscura, schwärmt ganz offensichtlich für ihren Glasgower Kollegen.

„My Maudlin Career“
wurde, wie der Vorgänger, von Jari Haapalainen produziert. Man kennt ihn möglicherweise von seiner Arbeit mit den Concretes oder mit Peter, Björn & John. Beim schwelgerischen „The Sweetest Thing“ singt im Hintergrund ein weiterer Schwede, der Songwriter Nicolai Dunger. „You Told A Lie“ ist angeblich von Lou Reeds „Coney Island Baby“ beeinflusst, doch man hört eher den Rummelplatz, der sich dort einst befand, als das cool kaputte New York der Siebziger.

In „Away With Murder“ reisen Tracyanne Campbell und ihre Band nach Nashville, wir hören Pedal-Steel-Gitarre, Fiedel und die Weite und Wehmut des Westens. Das dunkelste und unheimlichste Stück des Albums. Dafür poltert der Refrain von „Swans“ so fröhlich und Eierpunsch-trunken wie der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten.

„Careless Love“ dagegen handelt vom ewigen Drama des Auseinandergehens, dem Ende einer Beziehung. Man glaubt die Tränen zu hören, die die Sängerin zurückhält, während die Streicher brausen wie der Wind in einem alten Melodram. Der Titelsong fährt dann noch einmal alle Instrumente auf, sogar das Grand Piano von Abba kommt zum Einsatz- ohne den aufgesetzten Frohsinn der schwedischen Pop-Titanen.

My Maudlin Career“ gehört zu jener Sorte sophisticated pop, die das legendäre Label „él“ in den Achtzigern veröffentlichte: klug, stilbewusst und mit einer spielerischen Haltung gesegnet, die sich weigert, die Dinge allzu ernst zu nehmen. Ein wunderbar erwachsenes Vergnügen. (4AD/Beggars)

Jürgen Ziemer


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