Chet Baker Let's Get Lost (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Chet Baker Let’s Get Lost



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Das faltige Gesicht strahlt, die Augen sind geschlossen, zwei junge Frauen haben sich an ihn geschmiegt: Chet Baker fährt in einem Cabrio einen Palmenboulevard hinunter. Wir sehen das in Schwarzweiß, eine Jazz-Trompete tönt wie verweht, es könnte ein Moment in den 50er Jahren sein. Aber als Bruce Weber 1987 seinen Film über Chet Baker drehte, war der Musiker seit Jahrzehnten abhängig von Heroin, er hatte im Gefängnis gesessen; früher war er in den USA, dann in Frankreich ein Star gewesen, der in Filmen auftrat und von Robert Wagner verkörpert wurde; er hatte die Frauen geliebt, hatte geheiratet und Kinder gezeugt und mindestens zwei Comebacks in Europa erlebt. Nun, mit 56 Jahren, spricht er mit leiser, müder Stimme von seinem Leben, macht Pausen, inhaliert den Rauch der Zigarette wie ein Elixier. Singt noch einmal im Studio mit seiner hohen, flehentlichen Stimme.
Bruce Webers Film, der 1989 in den Kinos lief, ist selbst improvisiert wie ein Jazz-Stück: Man sieht die alten Fotos, die Filmausschnite, es äußern sich Bakers Frauen und einige Musiker; viele Freunde hatte er nicht mehr. Die Mutter zögert, bevor sie sagt, ihr Sohn sei bei allem Ruhm eine Enttäuschung für sie gewesen. Schickte keine Postkarten, kümmerte sich um nichts, reiste in Europa umher, kam von der Sucht nicht los. Als Kind in Oklahoma war er ein Sonnenschein; schon beim Militär galt er als psychisch labil, aber er sah blendend aus, wurde Anfang der Fünfziger berühmt, spielte mit Charlie Parker. Dann verglühte Bakers Stern langsam; er hatte Probleme mit dem Kiefer und den Zähnen, wechselte von Trompete zu Fügelhorn und spielte und spielte, noch zwei Wochen vor seinem Tod bei einem Konzert in Hannover. Und diesen elegischen Ton wird jeder sofort erkennen, der je ein Solo von Chet Baker gehört hat.