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Die Liebesfälscher  Regie: Abbas Kiarostami


Alamode Film

Auch auf die Gefahr hin, dass diese Frage klingt wie aus dem Sonntagabendprogramm des ZDF: Was sind eigentlich echte Gefühle? Und warum müssen sie immer gleich für immer sein? Tatsächlich wird das Individuum in seiner Sehnsucht von zu vielen Einflüssen und Erwartungen geplagt, als dass es das romantische Diktat von der einzig wahren Liebe erfüllen könnte. Nichts ist eindeutig. Alles verändert sich. Der iranische Regisseur Abbas Kiarostami, der 1997 in Cannes für „Der Geschmack der Kirsche“ die Goldene Palme gewann, hat dafür in seinem dialektischen Drama „Die Liebesfälscher“ eine beeindruckend passgenaue Form gefunden.

Bei einem Vortrag des englischen Autors James Miller (William Shimell) über Originale und Fälschungen in der Kunst setzt sich eine Frau (Juliette Binoche) auf einen der reservierten Plätze. Sie strahlt, lacht herzhaft über die Bonmots, verlässt aber, noch bevor der Schriftsteller zum Ende gekommen ist, mit ihrem Sohn den Saal – nicht ohne eine Nachricht für ihn zu hinterlassen allerdings. Ihr Spross neckt sie hinterher beim Essen, sie würde doch auf Miller stehen. Der erscheint am nächsten Morgen denn auch im kleinen Antiquitätengeschäft der Französin in Arezzo. Sie wirkt etwas aufgekratzt, er eher abgeklärt. Man beschließt, irgendwo einen Kaffee zu trinken.

Die Frau, deren Name nie fällt, hat gleich mehrere seiner Bücher gekauft und lässt sie signieren, obwohl sie seinen Thesen nicht zustimmt. Erste Misstöne schleichen sich ein, als aus dem akademischen Geplänkel ein emotionales Streitgespräch wird, bei dem vor allem er die Fragen der Kunst aufs Leben überträgt. Sie beklagt sich über ihre Schwester, die keinerlei Ambitionen habe und einen stotternden Mann geheiratet hat. Er beneidet sie dagegen um ihr einfaches Glück und meint, für sie sei ihr Mann eben ein Original.

Die Frau fährt mit ihm nach San Gimignano, eines jener verträumten toskanischen Bergdörfer, die in Reiseprospekten meist als „malerisch“ bezeichnet werden – trotz der Touristen aber authentisch sind. Die pittoresken Gassen stellen dabei einen sinnlichen Kontrast zu den Dialogen dar. Als sie in dem Wallfahrtsort für Heiratswillige in einer Trattoria einkehren, hält die alte Wirtin sie für ein Ehepaar. Ihre Meinung über Männer und Frauen ist altmodisch, aber von lakonischer Klarheit – und führt schließlich zu einer hintersinnigen Wendung.

Plötzlich werden die beiden Ausflügler persönlich, machen sich gegenseitig Vorwürfe, sprechen Vergangenes an. Der Ton schwankt zwischen Bitterkeit, Wehmut und Zorn, kurzzeitig flammt Euphorie auf. Sind sie ein Paar, das sich nach langer Zeit wiedersieht? Haben sie einen Sohn? Oder spielen sie alles nur? Und wenn sie improvisieren: Sind es eigene oder fiktive Erfahrungen? Ist all das echt oder falsch? Und ist nicht die Fälschung vielleicht am Ende sogar besser als jedes Original?

Für die Beantwortung dieser Fragen gibt Kiarostami viele Anregungen, doch er löst das Vexierspiel nicht auf. Die Wahrheit ist nicht entscheidend. Entgegen dem jugendlichen Flirt in Richard Linklaters „Before Sunrise“ symbolisiert dieses Paar alle, die in der Liebe gescheitert sind. Binoche, die für ihre Rolle im vergangenen Jahr in Cannes als beste Darstellerin geehrt wurde, brilliert dabei in allen Gefühlslagen, während der britische Opernsänger Shimell in seinem Filmdebüt den rationalen, kühlen, sarkastischen Intellektuellen gibt.

Am Ende bleibt schließlich die ewige Frage nach dem falschen Leben im richtigen. Oder wie es die Wirtin weise ausdrückt: „Soll man sein Glück opfern für eine Idealvorstellung?“


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