Exile :: Etwas zu ernste Elektro-Schlager und theatralische Hymnen

Til Schweiger wählte nicht von ungefähr ihr „Stay“ als Titelsong für seinen Film „Kokowääh“: Hurts berühren von allen europäischen Seelen die deutsche ganz besonders. Das Duo durfte auch Rosenstolz remixen und im Berliner Hotel „The Weinmeister“ ein nach ihnen benanntes Zimmer einrichten, während im Trophäenschrank der Bambi blitzt. Ihre an den Sound der 80er-Jahre anknüpfenden Elektro-Schlager erinnern leider nicht an die Glanztage von Manchester – ebenso gut könnten die Botschaften aus Bietigheim-Bissingen stammen. Hurts sind also eher die Kinder von Camouflage als – sagen wir – A Certain Ratio.

Ohne jetzt die Geschichte Großbritanniens und Deutschlands aufbröseln zu wollen: In ihren Songs wirken Hurts immer ernsthafter, als sie sich wahrscheinlich im wirklichen Leben geben, und diese Bedeutsamkeit ist es möglicherweise, die hierzulande anspricht. Mit der Kunst des Augenzwinkerns hält man es in Kontinentaleuropa bekanntlich nicht ganz so. Auf ihrem zweiten, wiederum von Jonas Quant produzierten Album holen Theo Hutchcraft und Adam Anderson nun noch einmal richtig aus. Es fliegen einem zwar nicht wie auf „Beauty Stab“ kreischende Gitarren um die Ohren (ABC hatten 1983 auf dem Nachfolger des perfekten Popklassikers „The Lexicon Of Love“ die Welt damit geschockt), doch die bereits bekannte Theatralik wird nun mit jeder Menge Bombast untermauert. Dazu gesellen sich neuerdings hin und wieder dezente R&B-Spielereien. So manche ihrer durchaus charmanten Melodien gehen dabei etwas verloren – an einem Tresen kippen Hurts immer einen Wodka mehr, als ihnen gut tut. Genau das ist es aber, was sie wieder zu „Wetten, dass..?“ katapultieren wird.

Wie die Eröffnungshymne des neuen Maya-Zeitzyklusses agiert schließlich das als Pianoballade beginnende „Help“, in dem sich die beiden mit ihren Lotus-Eaters-Frisuren plötzlich auf Coldplay-Territorium wiederfinden. Wenn dann der große finale Chor einsetzt, schießen auch den britischen Bierbäuchen die Tränen in die Augen. Mit feuchten Winkeln lässt es sich schlecht zwinkern. (Sony) Frank Lähnemann

Criolo

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