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Ja, Panik Libertatia


Staatsakt

So ein Video wie das zum Titelsong  muss man sich erst mal trauen: Nur von einem Halstuch und einer überraschend stabilen Schaumkrone zwischen den Beinen bedeckt, posiert Andreas Spechtl in einem engen WG-Badezimmer, seine beiden ebenfalls nackten Kollegen führen dazu eine alberne Minimal-Choreografie auf. „Wo wir sind, ist immer Libertatia/ Worldwide befreit von jeder Nation“, singt Spechtl, und es klingt enorm lässig, selbstverständlich und wahr.

Nach dem grüblerisch-grandiosen Brocken „DMD KIU LIDT“ ist das fünfte Ja, Panik-Album „Libertatia“ durchzogen von einer großen Leichtigkeit und einem Melodienreichtum, der an den gehobenen Pop der 80er-Jahre erinnert: Monochrome Set, Pale Saints, auch ein Hauch von Kim Carnes’ „Bette Davis Eyes“ ist dabei und die Laszivität von Roxy Music.

Ja, Panik appellieren mehrfach an die „Brothers & Sisters“, sehen sich als Teil einer Community und in der Tradition von Gospel und Soul – wie einst Heaven 17 mit der Forderung „Brothers, sisters, we don’t need this fascist groove thang“. Spechtls Texte sind allerdings subtiler, verrätselter und durchzogen vom Glauben an die Notwendigkeit einer Utopie. Er spricht nicht mehr aus der Perspektive der Negation, des wütenden Revoluzzers, der kaputt machen will, was ihn kaputt macht. Kein sinnlos selbstzerstörerisches Anrennen gegen die Mauern des Systems der Repräsentation. Stattdessen geht der Blick kühn nach vorn, wie in der grandiosen, mit Saxofon verzierten Hymne „Radio Libertatia“: „We’re not naked, we have the radio on“. Und gegen die schlechte Politik der Europäischen Zentralbank sollten wir antanzen, fordern Ja, Panik in „Dance The ECB“ zu einem funky Beat. Einer der schönsten Songs ist das melancholische „Alles leer“, das von Einwanderung, Ausweisung und dem Traum einer grenzenlosen Welt handelt: „Give me a call, ich freu mich sehr/ Denn mein Bett, meine Wohnung, meine Stadt, das steht alles leer.“

Was Jochen Distelmeyer und Blumfeld in den Neunzigern waren, das sind Andreas Spechtl und Ja, Panik für die Gegenwart: Der Versuch, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen, Pop und Politik sinnlich zu verbinden. Viva „Libertatia“!


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