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Kate Bush Remastered


Warum ist Kate Bush ein cooles englisches Vorbild, Morrissey dagegen nicht? Weil sie zwar stolz ist – aber nicht nationalistisch. Bush zelebriert Heimatgefühle ohne Großmachtfantasie, ohne Geltungsbedürfnis. Beim Debüt, „The Kick Inside“ (★★★★), war sie erst 19, doch ihr Barock-Pop erschien wie der weiseste Historienführer Großbritanniens, klang gleichermaßen nach Landadel und Landstreicher, Bush war Musical-, Operetten- und Rocksängerin in einem.

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Die Single „Wuthering Heights“ huldigte Emily Brontës Roman, den Namen Heathcliff sang sie, als ­wäre der ein Gott. Und Bush stammte aus Bexleyheath – britischer geht’s nicht. „The Man With The Child In His Eyes“ entstand, als sie 13 Jahre alt war, trug aber nur einen vermeintlich altklugen Titel. Bush mutete wie eine Frau an, die schon in vielen Körpern gelebt, das Gefühl von Trennung hundertfach erlebt hatte.

„Lionheart“ (★★★★½) demonstrierte eindrucksvoll – wie zuvor nur Bowies „Low“ und „Heroes“ – die Möglichkeit zweier Klassiker im selben Jahr. Somit gab es 1978 allein 23 große Bush-Songs. Die Vorabsingle hieß diesmal schlicht „Wow“, ein ironischer Bruch mit den Erwartungen, die das litera-
rische „Wuthering Heights“ geweckt hatte.

„Oh, das ist kein Gesang“

Johnny Rotten, Ex-Nationalheld der Subkultur, verehrte sie: „Kate musste durch dieselbe Scheiße wie die Sex Pistols: ‚Oh, das ist kein Gesang‘, sagten sie. ­Ihre Stimme war fast hysterisch.“ Wie in „Symphony In Blue“, das Spiritualität, Motivations­psychologie und Biologie vereinte – und jene verstummen ließ, die Bush nicht für erwachsen hielten: „The more I think about sex, the better it gets/ Here we have a purpose in life/ Good for the blood circula­tion/ Good for releasing the ten­sion/ The root of our re­incarnations.“

„Never For Ever“ (1980,★★★★) und „The Dreaming“ (1982,★★★) waren Weiterentwicklungen, Bush sang über Atomkrieg („Breathing“), spielte Post-Punk („Sat In Your Lap“). Aber es sollte „Hounds Of Love“ (1985,★★★★) sein, das ihr bis heute gültiges Image formte: das der Märchen­erzählerin. Durch vernebelte Wiesen ging es zum Moor, jenem britischsten Natur­element, wo in tiefen Schichten Hexen lauern. LP-Seite 2 besteht aus einer 26-minütigen Suite mit Schamanengesängen („The Ninth Wave“). Das Werk erschien 1985 wie eine Zeitkapsel aus der Ära Lovecrafts und Kiplings.

„The Sensual World“ (1989,★★½) wirkte, trotz vier Jahren Anlaufzeit, wie eine Kopie. „The Red Shoes“ (1993,★★) war Volksmusik plus Beats. Die Rückkehr mit „Aerial“ (2005,★★★) war geschickt. Für ihre Lebensbeschreibung musste Bush das Haus nicht mehr verlassen: Es ging um Elternglück und die Vererbung von Wissen. Sie sang nicht nur über, sondern wie Vögel auf dem Fensterbrett, imitierte dazu das Schleudergeräusch ihrer Waschmaschine. Als Konzeptkünstlerin setzte sie sich gegenüber der Plattenfirma durch: „Aerial“ wurde als Doppel-CD gepresst, obwohl es auf eine gepasst hätte.

Ähnlich intim das Klavieralbum „50 Words For Snow“ (2011,★★★½). Zwar ist das Thema unglücklich visualisiert: Auf dem Cover küsst eine Frau einen lebenden Schneemann, und Bush musste sich den leider naheliegenden Einordnungen „Pop-Elfe“ und „Eiskönigin“ stellen (und nein, Eskimos kennen keine 50 Wörter für Schnee). Aber die Medita­tionen – inzwischen war Bush nicht bei Songs, sondern bei Meditationen angelangt – führten zum in ihren Kanon eingegangenen, elfminütigen Geisterblues „­Lake Tahoe“.

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„Remastered“ beinhaltet mit „Before The Dawn“ (★★★) auch ihr Live-Comeback von 2014, natürlich als Musiktheater. Das lässt sich angenehmer anhören als ansehen, denn auf Bushs Bühne tummelten sich Menschen in Fantasiekostümen wie bei „Tabaluga“. Hoffentlich enthält das nächste Boxset die fehlende Aufnahme: „Live At Hammersmith Odeon“. Im London von 1979 liefen auf den Straßen noch immer Punks herum. Drinnen sang Kate Bush „Oh England My Lionheart“ – sie sang von den Spitfire-Kampffliegern, die die Deutschen einst vom Himmel schossen.


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