Kritik: „Die Verlegerin“ – Hollywoods Ohrfeige für den Präsidenten

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Vielleicht wollte Spielberg zur richtigen Zeit den richtigen Film drehen, weil er seinen ersten Oscar seit 20 Jahren erhalten möchte, und drehte seinen schnellsten Film aller Zeiten: begonnen im Februar, im Dezember für die Berücksichtigung der kommenden Award-Season fertig – for your consideration, dear Academy.

Vielleicht wollte Spielberg aber einfach nur die richtigen Zeichen setzen, weil die Zeiten so schlimm sind. Damals und heute, USA unter Nixon, USA unter Trump. Lügen, Vertuschung. In der Administration von 1971 und wohl auch in der Administration von 2017. Ein Ringsprecher würde es so ankündigen: der mächtigste Regisseur Hollywoods gegen den mächtigsten Mann der Welt.

„Pentagon-Papiere“

Über die Rechtmäßigkeit des Drucks der geleakten, so genannten „Pentagon-Papiere“ urteilte der Oberste Gerichtshof damals: Journalisten müssen den Regierten dienen, nicht den Regierenden, auch die Wahrheit muss den Regierenden dienen, nicht den Regierten.

Die „Washington Post“ brachte also rechtmäßig eine Auswertung der 7000 geheimen Dokumente des US-Verteidigungsministeriums. Die „Post“ und die „New York Times“ enthüllten, dass die Regierung ihr Volk in Bezug auf Strategien im Indochina- und Vietnamkrieg belog.

Amerikanische Soldaten wurden nach Fernost geschickt und starben, obwohl Analysten längst zum Ergebnis kamen, dass der Dschungelkrieg nicht zu gewinnen war. Doch der Präsident und sein Verteidigungsminister Robert McNamara wollten nicht als Verlierer dastehen und machten gegen die Kommunisten weiter. Die Kunst dieses Films besteht auch darin, uns mit den Fakten der tausende Seiten dicken Polit-Lüge nicht zu erdrücken, sondern sie aufs Menschlichste zu reduzieren. Daniel  Ellsberg (soverän wie immer: „The Americans“-Star Matthew Rhys) erklärt den Hintergrund des Kriegs so: „10 Prozent um den Südvietnamesen zu helfen, 20 Prozent um die Kommies zu stoppen – zu 70 Prozent bleiben wir nur dort, um unser Gesicht nicht zu verlieren.“

Steven Spielberg ist Steven Spielberg, also nicht Tom McCarthy, Regisseur des 2016 als „Bester Film“ mit dem Oscar ausgezeichneten Investigativ-Dramas „Spotlight“. Nüchternheit ist nicht sein Ding. Als die „Washington Post“ und mit ihr die „New York Times“ vor Gericht siegen, gibt’s die John-Williams-Fanfaren und die überkreuzten, hemdsärmeligen Arme jubelnder Journalisten, der Richterspruch wird ins Großraumbüro gerufen. Der erzählerische Höhepunkt – drucken wir die Story oder nicht? – spielt sich rund um die obligatorische Druckerpresse ab, an der leicht verölte Mechaniker im Countdown um Mitternacht in letzter Sekunde die Produktionsknöpfe drücken dürfen, damit Wahrheit tausendfach vertrieben wird.

Recht auf Pressefreiheit

Aber das Pathos tut gut, denn es lohnt sich immer wieder, dies in Erinnerung zu rufen: Wie wichtig es ist, dass Rechtsprechung unabhängig bleibt, und dass moralischer und rechtlicher Missbrauch von Macht bestraft wird. Meryl Streep spielt mit der nötigen Zerrissenheit „Post“-Verlegerin Kay Graham, die erste amerikanische Frau an einer Zeitungsspitze. Würde sie ihren verstorbenen Ehemann hintergehen, einst Verlagschef, wenn sie für sich selbst Gefängnis riskiert, indem sie vermeintlich illegal publiziert? Und riskiert sie mit der Veröffentlichung den wirtschaftlichen Ruin des Traditions-Blattes?

Streep zur Seite steht Tom Hanks, vielleicht etwas zu arg mit rollendem, whiskeygetränktem Schauspielschulen-„Rrrr“ am Fluchen, in der Rolle als Chefredakteur Ben Bradlee. Ein Journalist, für den die Geschichte wichtig ist, nicht, die neuen Blatt-Investoren einzulullen. Schon zu Beginn der Recherchen kokettiert Bradlee damit, dass es zu seinem Berufsstand gehört, am Rande der Legalität zu arbeiten. Das muss natürlich auch so sein, wenn die eigentlichen bad guys überführt werden sollen. Die größten Reporter-Phrasen werden von Spielberg umschifft: Nur ein einziges Mal ruft Bradlee verzweifelt nach dem „Recht auf Pressefreiheit“.

Lediglich der unvorteilhafte deutsche Filmtitel rückt in den Hintergrund, dass nicht nur die Verlags-Chefin, sondern etliche bei der Zeitung Arbeitende mit der Veröffentlichung der „Pentagon-Papiere“ ihre berufliche Existenz aufs Spiel setzten. Dies ist kein Biopic. Dass beim ruhmvollen Namen „Post“ später jeder an die „Washington Post“ denken würde, liegt auch an den vielen unerschrockenen Journalisten.

Spielbergs Leistung und die seiner Autoren Liz Hannah und Josh Singer (der schon an „Spotlight“ mitschrieb) besteht auch darin, Graham und Bradlee mit einem Drang ausstatten: Sie machen ihren Job eben nicht für sich, sondern mit Blick auf die große Tragik, den Tod der Soldaten und Zivilisten in Vietnam. Bruce Greenwood bietet als Robert McNamara die vielleicht überzeugendste Ensemble-Darstellung; es ist auch seine unterdrückte Wut auf den „Hurensohn“ und Partner in Crime Nixon, die den Film trägt. Schade ist es um Carrie Coon, die im TV-Jahr 2017 dank „The Leftovers“ und „Fargo“ wie keine andere Schauspielerin brillierte, und hier als Pulitzer-Preisträgerin (und spätere „Post“-Chefredakteurin) Meg Greenfield zu selten auftrumpfen darf. Womöglich wurde Coon ein Opfer des Schnitts.

Dschungelkampf

Nicht alles funktioniert in der „Verlegerin“. Der Prolog mit Dschungelkampf soll die Motivation des G.I.s und späteren Verteidigungsministeriums-Mitarbeiters Ellsberg erklären, der später die Beendigung der Vietnam-Intervention ins Rollen bringt. Für einen Film, der danach die ungeheuerlichen, aber eben nur vorgelesenen geheimen Regierungsaussagen in den Mittelpunkt rückt, wirken die Kriegsszenen befremdlich. Die Überleitung zum „Watergate“-Skandal am „Post“-Ende wiederum soll der Lust Rechnung tragen, Richard Nixon noch im Laufe des Films stürzen zu sehen. Der US-Präsident trat zurück, später, 1974, aber das wäre Stoff für einen anderen Film.

Bei den „Golden Globes“ ist „Die Verlegerin“ bereits in den wichtigsten Kategorien (u.a. Film, Regie, Drehbuch, Hauptdarstellerin, Hauptdarsteller) nominiert. Ein Siegeszug bei den Oscars scheint möglich. Gerade bei der Würdigung des „Besten Films“ berücksichtigte die Academy-Awards-Jury zuletzt Werke, die den Zeitgeist widerspiegelten. Rassismus („12 Years a Slave“), die überfällige Anerkennung afroamerikanischer Filmemacher nach berechtigter „Oscars So White“-Kampagne  („Moonlight“), oder eben Ehrung investigativ-journalistischer Arbeit in der Ära der „Fake News“-Vorwürfe, wie in „Spotlight“.

Die Tragikomik bei einem „Verlegerin“-Triumph in diesem Jahr besteht darin, dass Trump wahrscheinlich diesen Film, in dem ein verlogener Präsident eine Rolle spielt, gar nicht auf sich beziehen würde. Die Dinge liegen da für ihn ganz einfach. Trump selbst wird ja schließlich nicht namentlich erwähnt, so könnte er das sehen.

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