Loudon Wainwright III High Wide & Handsome (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Loudon Wainwright III High Wide & Handsome



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Seit den mittleren 80er, manche meinen: den mittleren 70er Jahren hofft die schüttere Gemeinde auf Platten von Loudon Wainwright, die es nicht nur mit dem Witz, sondern auch mit der schieren Songschreibekunst seiner ersten vier Alben aufnehmen können. In der Zwischenzeit zogen erst Sohn Rufus, dann auch Tochter Martha an dem früher meistens abwesenden Vater vorbei. Sogar Kate McGarrigle, bewunderte Mutter der begabten Kinder, bekam für ihre wenigen Arbeiten mehr Lob als der alte Sarkastiker, der immerhin von dem Grobkomiker Judd Apatow entdeckt worden war.

Mit dem „Charlie Poole Project“ würdigt Loudon Wainwright nun jenen Banjo-Picker und Sänger, der in den 20er Jahren mit seinen North Carolina Ramblers beträchtlichen Erfolg hatte (und, wie Wainwright für kurze Zeit, bei Columbia unter Vertrag stand). Der erratische Lebemann Poole wuchs in der Zeit um die Jahrhundertwende auf, als die Südstaaten noch immer unter dem verlorenen Sezessionskrieg litten. Viele Arbeiter schufteten in den Baumwollmühlen, und dort unterhielt Poole die Malocher mit einem von ihm selbst gebauten Banjo. Später unterhielt er ganze Familienfeiern gegen Kost und Logis, reiste nach Virginia und Minnesota, heiratete, zeugte einen Sohn und war selten daheim in North Carolina (noch eine Parallele zu Wainwright). Poole war ein berüchtigter Trinker, den die Nachricht vom Ruf nach Hollywood zu einem wochenlangen Gelage inspirierte. In der Filmstadt kam er nie an. Charlie Poole starb 1931 – wahrscheinlich an Gelbsucht oder Leberzirrhose – mit 39 Jahren.

Auf zwei CDs spielt Loudon Wainwright die Songs, die Poole damals im Programm hatte – und einige, die er mit dem Produzenten Dick Connette sozusagen als Anverwandlung komponiert hat. Die gesamte Wainwright-Familie (und einige aus der Familie Roche) singen und spielen mit, vor allem aber der grandiose Banjo-Mann Chaim Tannenbaum. Der hatte Wainwright schon Anfang der Siebziger mit Pooles Musik vertraut gemacht, woraufhin sich der junge Loudon allzu sehr mit dem charmanten Randalierer identifizierte und saufend und schimpfend durch London zog.

„High Wide & Handsome“ dokumentiert mit Essays (darunter ein Text von Greil Marcus), historischen Fotos, patinierten Materialien und wunderbar poetischen Folk-Songs wie „No KneesC“, „If I Lose“ und „Goodbye Booze“ das Vermächtnis des Americana-Pioniers, dessen Kunst später von Bill Monroes Bluegrass weitergeführt wurde. Und Loudon Wainwright schwingt sich noch einmal auf zu höchster Musikalität, bitterster Komik und erschütterndster Traurigkeit.


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