Madness

„The Liberation Of Norton Folgate“

Primrose Hill, Roastbeef an Sonntagen, das Haus in der Straßenmitte, das blauhäutige Biest aus dem Fernsehen: Das war „The Rise & Fall“, Erinnerungen an die Kindheit im Norden von London, ein Album von Madness aus dem Jahr 1982. Wir in Deutschland begriffen, dass England zwar glorios, aber in Wahrheit genauso spießig ist wie unser Dorf- und dass man doch jeden Krähwinkel vermisst, wenn man über ihn spricht.

Und nun hören wir tränenblind die Stimme Graham McPhersons, „I held your hand and then I knew/ I was the only one for you“, und schon die Art, wie er „I found a job in MorksnSpencah’s“ singt, bringt alles zurück. Mike Barsons Rummelplatz-Piano irrlichtert durch den Reggae von „Forever Young“, Bläser und Streicher jubilieren, „see the freshness of your young face“, Chris Foremans Gitarre sägt, das Trademark-Saxofon trötet.

In „That Close“, dem Ausflug in einem rostigen Schrottmobil, kommt das ganze Ingenium dieser melancholischen Galgenvögel zusammen: Barsons kirmesbuntes Klimper-Arrangement, Suggs‘ Cockney-Gesang, die Traurigkeit der kleinen Geschichte hinter der Burleske: „Remember them summer days/ And we took whatever came our way and get away…“

In „On The Town“ und „Bingo“ feiern sie laut und tumultös heimische Freuden, um sich mit „Africa“ in die postkolonialen Weiten zu verabschieden. „NW5“ und „Clerkenwell Polka“ sind Verbeugungen vor den lokalen Unterschieden, bevor das längste Madness-Stück aller Zeiten, „The Liberty Of Norton Folgate“, zehn Minuten lang von einem früheren Vorort der Vogelfreien und Ausgestoßenen erzählt. Ich würde noch mehr Sterne vergeben, aber dann würde ich zum Hasenbergl gejagt. (Lucky Seven)

Arne Willander