Maria Taylor  Overlook


Affairs Of The Heart/Indigo


von

Beim Opener ihres neuen Albums pumpen die Trommeln unverhältnismäßig, als wolle Maria Taylor uns aufscheuchen. “ Did you have a masterplan?„, fragt Taylor, und das könnte heißen: Wenn ihr glaubt, ihr kennt mich, habt ihr euch getäuscht. Das Lied unter dem Trommelwirbel ist eigentlich typisch für dieses Œuvre – ätherische Gitarren, traumweiche Melancholie, dazu Taylors sanfte Stimme. Doch etwas rumort in der Künstlerin, die sich mit ihrem vierten Soloalbum – und ein Jahr nach dem eher verzichtbaren Azure-Ray-Comeback – nicht neu erfindet, aber so zielstrebig klingt wie nie.

Auf das verwirrend schöne „Masterplan“ folgt das ebenso gelungene „Matador“, ein mit großem Hall ausgestatteter 60s-Pop-Western. Vielleicht ist dieses Lied der legitime Nachfolger zu „Song Beneath The Song“, „Good Start“ und „Time Lapse Lifeline“? Auf jedem Album von Maria Taylor finden sich ein, zwei zwingende Popmusiklieder.

Die zwei folgenden Kompositionen – „Happenstance“ und „Like It Does“ – verweisen mit ihrer knorrigen Country-Langsamkeit vielleicht auf Taylors neuen/alten Wohnort. Nach ihrer Zeit in Athens, Omaha und Los Angeles kehrte sie zurück nach Birmingham, Alabama, nah heran an Familie und alte Freunde. Dass es auf „Overlook“ nicht zuletzt ums Ankommen und Älterwerden geht, hängt vermutlich mit der Heimkehr zusammen. “ Tell me what I’m searching for/ Don’t lead me to another door/ Opened to a perfect world but not for me„, singt Taylor in der herzensschweren Ballade „Idle Mind“. 

„Overlook“ heißt also: Atem holen, innehalten, nachsinnen. Der ruhende Blick lässt Taylor das vollständigste und souveränste Album ihrer Karriere schreiben. War früher mancher Song bei aller Liebe etwas uferlos, ist diesmal jedes Lied klar konturiert und voneinander unterschieden. Wie schön dann das Repertoire wird! Taylor verzichtet insgesamt auf 80s-Klänge und Sarah-McLachlan-Verweise und mischt ihrer Musik eine ungewohnte Americana-Staubigkeit unter.

Als das Album schon fast vorbei ist, kommen zwei weitere wunderschöne Lieder. In dem sphärischen „Along For The Ride“ wird Taylor zu sakral anschwellenden Keyboards in ein Rosenbett im Himmel entrückt. Davor, in dem zirpenden Songwriter-Folk von „This Could Take A Lifetime“, hatte Taylor das Thema des Albums noch einmal auf den Punkt gebracht. “ I’ve been waiting at the Greyhound station/ I’ve been trying to find someone like you/ I’ve been trying to change my pattern/ So I could love someone like you/ But I never do/ This could take a lifetime/ To believe in something true.“ Eigentlich dauert alles ein Leben lang.


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