Highlight: Musikempfehlungen von Hunter S. Thompson: Die wichtigsten Alben der Sechziger

Mercury Rev Snowflake/Midnight


(V2/Universal)

Jonathan Donahue hat uns endgültig verlassen. Zumindest möchte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man „Snowflake/Midnight“, das neue Album seiner Band Mercury Rev hört. War noch „The Secret Migration“ ein zwar mitunter schwulstiges, aber dennoch Song-orientiertes, an den entscheidenden Stellen fokussiertes Prog-Werk gewesen, so kann man sich nun gar nicht mehr vorstellen, es immer noch mit derselben Band zu tun zu haben, die einst die „Deserter’s Songs“ schrieb.

Auch früher sang der erratische Donahue gerne von Einhörnern, er fand dazu aber wenigstens memorable Melodien. Nun sind es „Butterfly’s Wings“. Naive Blumenlyrik, Chaos-Theorie? Wir wissen es nicht. Es gibt kaum zusammenhängende Liedtexte, stattdessen ergeht sich Donahue in endlosen Repetitionen von Songtiteln wie „Senses On Fire“. Oder „Runaway Raindrop“ mit Tonbandschleifen, Sequenzern – überhaupt ist hier alles ziemlich elektronisch- und einmal mehr der Frage, was das alles soll. „Dream Of A Young Girl“ folgt dann ansatzweise einem zusammenhängenden Konzept, und hier singt Donahue auch einen Text: „In the green grass a young girl dreams, she’s a flower in the field/In my dream you are real“. Ach hätte er es doch gelassen! Dazu ein paar House-Zitate, ein im Orkus verhallendes Kinderlachen.

Bei konzeptionell angelegten Platten wie dieser meint man ja immer, es gäbe unter der Oberfläche ganze Welten zu entdecken, wenn man nur genau hinhöre. Aber so oft man „Snowflake/Midnight“ auch auflegt: Es bleibt doch endlos mäandernder, nie zum Ziel findender Eso-Quark. Von Dave Fridmann ähnlich synthetisch produziert wie der Vorgänger, schwebte der Band wohl die Vertonung eines Luzidtraums vor. Die Minuten zwischen Schlafen und Wachen gehören ja eigentlich zu den segensreichsten des irdischen Daseins. Donahue aber verrät diese heiligen Momente der Wonne und gibt sie banalstem Kitsch preis.

Und weil das alles an Gigantonomie und uferloser Selbstüberschätzung offenbar nicht genug ist, wird es sogar noch ein weiteres neues Mercury Rev-Album geben: „The Strange Attractor“ steht Interessierten am Tag der Veröffentlichung von „Snowflake/Midnight“ zum kostenfreien Download bereit. Diesem Gaul schauen wir durchaus ins Maul.


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