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Gianfranco Rosi Seefeuer



Der 12-jährige Samuele durchstreift eine karge Landschaft auf der Suche nach einem geeigneten Ast, aus dem sich eine Zwille bauen lässt. Seine Tante Maria steht in der Küche und bereitet das Mittagessen vor. Es ist ein ganz normaler Sonntag. Im Radio kommt eine Meldung, dass vor der Küste erneut Flüchtlinge ertrunken sind. Auch das ist Alltag auf Lampedusa. In den letzten 20 Jahren kamen hier rund 400.000 Flüchtlinge an, die nur 20 Quadratkilometer große Insel ist die größte Transitzone Europas und mittlerweile ein Synonym für die Flüchtlingskrise. Regisseur Gianfranco Rosi hat für seinen Dokumentarfilm „Seefeuer“, der auf der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären gewann, ein Jahr lang mit der Kamera das Leben auf der Insel beobachtet. An der Seite des Fischersohns Samuele erkundet er den Alltag der Inselbewohner. Zugleich gelang es ihm, eine Drehgenehmigung für die Auffangstation zu bekommen. Dort werden die Flüchtlinge registriert, untersucht und ein paar Tage später aufs Festland befördert. Der dritte Fokus liegt auf einem italienischen Marineschiff, das zur Seenotrettung unterwegs ist.

Rosi versucht die Komplexität des Universums Lampedusa zu vermitteln, und gerade das Nebeneinander von scheinbaren Banalitäten einerseits und den wiederkehrenden Tragödien andererseits machen den Film so einzigartig. Samuele wird nicht nur zur Identifikationsfigur, er dient zugleich als Symbol für ein gelähmtes Europa: Er ist auf einem Auge fast blind, er muss wieder lernen zu sehen; er schießt mit der Steinschleuder auf Kakteen und „verarztet“ sie danach; er hat Angst vor der Angst. Dem gegenüber stehen die routinierte Abfertigung der Flüchtlinge, aber auch ihre Erschöpfung, ihre Verzweiflung, ihre Trauer, ihre Angst.

Rosi verdeutlicht das Ausmaß der Tragödie und scheut dabei weder Schönheit noch Schrecken. „Seefeuer“ verbindet völlig selbstverständlich erhabene Ästhetik und moralische Empörung. Dieser Film hat die Kraft, die Menschlichkeit zu wecken.


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