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Sun Kil Moon Benji


Caldo Verde


von

Schon auf der ersten Platte der Red House Painters von 1992 wunderte Mark Kozelek sich darüber, dass er die Welt und das Leben noch nicht verstanden hatte. Damals war er Mitte 20 und begann in seinen Songs alles festzuhalten – die Erinnerungen, die Sehnsüchte, die Tragödien –, so als entstünde im Singen schließlich der Sinn. Das Staunen und Sich-Wundern sind ihm all die Jahre geblieben. „And in the midst of all the awkwardness, all my growing pains, somehow the wonder of life always remains“, sang er im vergangenen Jahr auf einem gemeinsamen Album mit Jimmy LaValle, und ein paar Monate später fügte er auf einer Platte mit seinen Freunden von Desertshore hinzu: „At the age of 46/ I’m still one fucked-up little kid/ Who cannot figure anything out/ Who gets upset and stomps and pouts.“ Seine Sinnsuche scheint ihn in den letzten Jahren immer näher an seinen Ursprung in Massillon/Ohio zu führen. „Benji“, das neue Album unter dem Pseudonym Sun Kil Moon, ist Trauerarbeit und Familienchronik.

Kozelek beginnt mit Carissa, einer Cousine zweiten Grades, die ums Leben kam, als beim Müllverbrennen (wie wir noch sehen werden, eine in Ohio übliche Form der Abfallbeseitigung) eine Sprühdose explodierte:

„I didn’t know her well at all/ But it don’t mean that I wasn’t meant to find some poetry/ To make some sense of this/ To find a deeper meaning in this senseless tragedy.“ Die Poesie dieser oft in karge akustische Arrangements gewandeten Geschichten liegt in der lakonischen Aneinanderreihung von Absurditäten und Tragödien, Zufällen und Banalitäten. Wenn Kozelek etwa von der Beerdigung eines Onkels berichtet, der auf gleiche Weise ums Leben kam wie Carissa, klingt das so: „The sky was deep purple/ Babies were cryin’/ Kentucky Fried Chicken was served/ And that’s how he would have wanted it.“

Der Sänger erzählt vom besten Freund seines Vaters, der erst aus Mitleid seine kranke Frau tötete und dann an einem Selbstmordversuch scheiterte, vom Serienmörder Richard Ramirez, der eines natürlichen Todes starb, und von James Gandolfini, von dessen Tod Kozelek erfuhr, als er eine japanische Nudelsuppe aß und dazu grünen Tee trank. Er erinnert sich daran, wie er weinte, als er im Kindergarten neben einem Albino sitzen musste, worauf sein Vater ihm eine LP von Edgar Winter vorspielte, und er erzählt vom ersten Sex, vom ersten Mal „The Song Remains The Same“ anschauen und „Benji“. Und all diese Short Stories ergeben eine Familie, eine Stadt, ein Land, eine große amerikanische Erzählung. „I’ll go to my grave with my melancholy“, singt Kozelek. „And my ghosts will echo my sentiments for all eternity.“ Gute Unterhaltung!


Harry Nilsson: Leben und Tod eines Egozentrikers

Als Harry Nilsson am 15. Januar 1994 im Alter von 52 Jahren an Herzversagen starb, ging eine der wohl meistunterschätzten Stimmen des vergangenen Jahrhunderts von uns. Eigentlich aber war sie zu diesem Zeitpunkt schon längst verstummt. 14 Jahre war es her, dass Nilsson ein Album veröffentlicht hatte. „Flash Harry“ (1980) erschien außerdem nur auf dem europäischen Markt und nicht in seiner Heimat, den USA. Live-Shows gehörten für Harry Nilsson in den 90ern ohnehin der Vergangenheit an. Und doch reichten zehn Jahre zwischen 1967 und 1977, um zu beweisen, wozu er fähig war. Neben Randy Newman oder Van Dyke Parks gehörte…
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