The Low Anthem: Oh My God, Charlie Darwin (Kritik & Stream) - Rolling Stone






The Low Anthem Oh My God, Charlie Darwin



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Wahrscheinlich hat den Witz schon jemand gebracht, aber: So low ist die Hymnik der diesjährigen Fleet Foxes gar nicht. Ähnlich wie bei jener Folk-Konsensband ist es auch hier ein stetes meditatives Schwelgen, ein Rausch der Entschleunigung. Bei „Cage The Songbird“ etwa oder bei „To Ohio“. Natürlich kommen The Low Anthem von der Ostküste, natürlich haben sie diese Platte während eines kalten Winters aufgenommen, natürlich floss der Bourbon in Strömen.

Neil Young und Tom Waits hat ihnen hat ihnen der Produzent John Paul Gauthier aber bereits bei den Aufnahmen ihres Debütalbums vor drei Jahren vorgespielt. Von letzterem haben sie nicht nur seine Interpretation des Jack-Kerouac-Textes „Home I’ll Never Be“, sondern vielleicht auch den Mut zum Krakeelenden von „The Horizon Is A Bellway“. Ähnliches hatte man zuletzt von den Felice Brothers gehört – natürlich kein Zufall. Denn es ist ja eine neue Generation The Band-sozialisierter Americana-Künstler, von der wir hier sprechen, die den Indie-Rock ihrer Jugend im Geiste stets mitdenkt und schon so zu einem anderen ästhetischen Entwurf kommt als die Überväter.

Evolution ist ein gutes Stichwort, denn „Oh My God, Charlie Darwin“ nennt man eine Platte auch nicht nur mal eben so. Top-Vorgabe fürs Feuilleton, schon klar, aber ehe man sich eine überlegene Einstiegsmetapher ausgedacht hat, merkt man: Es geht doch meist nur um „Mary Anne“ („Ticket Taker“) und Hobo-Romantik („Don’t Tremble“).

Trotzdem gibt es eine Art Konzept: Inhaltliche Klammer sind das eröffnende „Charlie Darwin“ und der Titelsong an vorletzter Stelle dieser Platte. Hier begeben sich auch The Low Anthem auf ein Boot oder jedenfalls eine Art Forschungsreise, doch was sie dort finden, stimmt sie wenig zuversichtlich: „And who could heed the words of Charlie Darwin/ Fighting for a system built to fail“, fragen sie sich.

Meist werden die großen Themen jedoch unaufgeregt im Subtext der Songs verhandelt, mehr als Ahnung denn als konkrete Beschreibung. In „To The Ghosts Who Write History Books“ etwa, einer herrlich zerdehnten Meditation über die Frage, wer unser Schicksal bestimmt – sofern es denn überhaupt eines gibt. Die Mythen der alten Lieder hallen wieder, wenn The Low Anthem sich wehmütig auf die Fahrt begeben. Zu anderen Ufern/ Menschen/ Ländern – am Ende aber natürlich vor allem zu sich selbst.


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