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The Walking Dead – Kompendium 3: Das Zeitalter des neuen Menschen hat begonnen

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Foto: Cross Cult

The Real Deal, das wissen “Walking Dead”-Fans, ist nicht die immens erfolgreiche TV-Serie, sondern immer noch die Comic-Grundlage. Während Fernsehzuschauer jüngst wochenlang bangten, das Internet mit Diskussionen geradezu in die Knie zwangen, ob Glenns Bauch nun von Zombies aufgerissen wurde, oder ob der Mann sich nur unter einem fremden, aufgerissenen Körper versteckt und überlebt – die Auflösung würde erst Episoden später gebracht werden –, kennen Leser eine andere traurige Wahrheit längst. Ein viel schlimmeres Schicksal, das Glenn in der TV-Fassung noch blühen könnte. Falls die Serie jemals die Höhen erreicht, die die Vorlage seit dem ersten Band an hält.

“Walking Dead”-Schöpfer Robert Kirkman hatte sich gerade für die meistgeliebten Figuren ja schon einige Strafen ausgedacht. Was aber mit dem Sympathieträger zu Beginn von Band 17 geschieht, sprengt alle Dimensionen. Als Glenn erledigt am Boden liegt, bleiben Schock, Trauer, auch etwas Ekel zurück. Und Wut auf den neuen Bösewicht der Reihe, Negan.

Kleiner Schritt bis zur Barbarei

“Fear The Dead. Fight The Living”, heißt eine schöne Tagline zur TV-Serie, und sie bringt die mittlerweile zur Binsenweisheit geratene Entwicklung der Geschichte auf den Punkt. Die tumben Zombies machen uns Angst, aber die Überlebenden, die ihre Zivilisation neu definieren müssen, sind viel gefährlicher. Die Handlungen der Untoten kann man kalkulieren, die der Menschen bleiben unberechenbar. Nur eines ist sicher, unter den Lebenden zählt das Recht des Stärkeren. Bis zur Barbarei ist es nur ein kleiner Schritt.

Das dritte Kompendium der Reihe vereint auf fast 1100 Seiten die Bände 17 bis 24. Rick Grimes und seine Gefolgschaft dürfen darin in größeren Maßstäben denken denn je. Sie errichten um Alexandria eine kleine Stadt und bauen aus dem Handel mit landwirtschaftlichen Gütern ein Wirtschaftssystem zwischen ihrer und anderen Gemeinschaften auf. Sie reisen mit Kutschen hin und her. Im Grunde erinnert das an die bäuerlichen Gesellschaften des Mittelalters, und es macht fast Spaß, aus einer Art Gottperspektive dieses Wachstum zu betrachten.

Allerdings sind die Stories, Kirkman weiß das, nur halb so viel wert, wenn die menschlichen Antagonisten nicht funktionieren.

Mit Draht umwickelter Baseballschläger

Der sogenannte “Governor” war ungemein charismatisch, ein neurotischer Hänfling im Che-Guevara-Look. Ein echter Hillbilly, der dank neuer Weltordnung zum Chef aufstieg. Er war so wirkungsvoll, dass die “Walking Dead”-Chronik einige Bände benötigte, um sich nach dessen Ableben wieder sammeln zu können. Kein Bösewicht sollte zunächst den Platz des Governors einnehmen. Nach ihm kam die ersten Gegner Ricks in Wellenbewegungen und verschwanden schnell.

Mit Negan fährt Kirkman nun, zumindest was dessen Physis betrifft, ein schweres Geschütz auf. Ein Schrank von Mann, Kinn wie ein Schneeschieber, und seine beste Freundin ist “Lucille” – ein mit Draht umwickelter Baseballschläger. Dennoch verblasst der Kerl neben dem Governor. Ihm fehlt die Hintergrundgeschichte. Blake, wie der Governor eigentlich hieß, hielt die zombifizierte Tochter im Haus gefangen, glaubte an eine Heilung, der Vater übertrug deshalb seinen Zorn auf die Lebenden.

Seiner neuen Figur des Negan aber scheint Kirkman nicht recht zu trauen. Statt dessen Bösartigkeit Schritt für Schritt zur Schau zu stellen, lässt er seinen Übeltäter schon beim ersten Auftritt ein – im wahrsten Sinne des Wortes – Totschlag-Argument liefern. Hassobjekt leichtgemacht.

Negan bleibt blass, wir erfahren über sein Wesen lediglich, dass er schlechte Witze reißt; das aber zumindest so packend, dass er einen mit Angriffen überraschen kann. Er sieht aus wie ein überdimensionierter, mit Luft aufgeblasener Superman. Eine Karikatur des amerikanischen Helden. Der Governor glaubte noch, zumindest im Wahn, ein Staatsdiener zu sein. Er entwarf für die Einwohner Woodburys sogar eine Art Kulturprogramm, Gladiatorenkampf mit Zombies. Der neue Antagonist Negan dagegen ist ein gänzlich unbekümmerter Anarchist.

Der Krieg zwischen Ricks und Negans Leuten führt, inklusive Psychotricks, immerhin zu einigen beeindruckenden Aufeinandertreffen. Die beiden Anführer beschnuppern sich, infiltrieren das Lager des anderen, verteilen erste Schläge. Negan hat sein Quartier nicht in einer kleinen umzäunten Stadt aufgeschlagen, er beherrscht lediglich eine Fabrik, hat aber eine fähigere Armee. Außerdem setzt er Zombies als Schutzschilde ein und hält sich im obersten Stockwerk seiner Basis einen Harem aus geraubten Frauen, deren Männer weiter für ihn schuften müssen.

Knast: keine Ideallösung

Die interessantesten Fragen sind die, in denen es um das Justizsystem der neuen Gesellschaftsordnung geht. Was tun mit Gefangenen, was mit Verrätern? Die Protagonisten haben darauf unterschiedliche Antworten. Negan macht gar keine Gefangenen, Maggie entscheidet sich für die Hinrichtung eines Attentäters, statuiert also das berüchtigte Exempel. Rick tötet seinen ärgsten Widersacher nicht, er verurteilt ihn zu lebenslanger Haftstrafe im Kellergefängnis. Von dort versprüht er aber immer noch sein Gift und macht die Einwohner Alexandrias nervös, er zeigt keine Reue. Also auch der Knast: keine Ideallösung.

Für seinen Armstumpf erhält Rick einen greiferartigen Aufsatz, kann also aktiver agieren. Dabei hatte die Behinderung, in einem schönen amerikanischen Kniff der Story, nie seiner Autorität im Weg gestanden. Er ist der geborene Anführer. Aber es passiert jetzt etwas mit Rick, in ihm. Er wird jähzorniger und auch nachlässiger. Er wird älter. Auch wenn es in “The Walking Dead” nie Verweise auf die verstrichene Zeit seit der Apokalypse gibt, so dürfen wir jetzt annehmen, dass der Anführer mittlerweile um die Mitte fünfzig ist. Rick erinnert nun, auch dank seines Vollbarts, ein wenig an den Farmbesitzer Hershel – eine immer noch fähige Hauptfigur, die jedoch einen Schritt zum Rand hin rückt.

Wenn Robert Kirkman in Interviews immer wieder betont, dass jeder im “Walking Dead”-Kosmos jederzeit sterben könne, lachen die Fans zwar meist nervös auf: “Aber doch nicht Rick!” Doch das könnte, auch das zeigt dieser Band, früher der Fall sein, als einem lieb ist.

Lecken über die Augenhöhle

Es deutet sich eine Wachablösung an, Ricks Sohn Carl ist für wesentliche, wenn auch impulsiv verursachte Entwicklungen zuständig. Todesmutig schmuggelt er sich in die Fabrik Negans ein, und er wird das Bindeglied zu einer neuen Gruppe von Menschen, deren Agenda zunächst unklar ist. Noch immer trägt der zum Teenager gewordene Carl zwar den Sheriffs-Hut seines Vaters, doch irgendwann hat er genug Selbstbewusstsein um zumindest die Sonnenbrille wegzulassen. Er zeigt der Welt seine freigelegte, schrecklich anzusehende, aber irgendwie auch cool skelettierte rechte Augenhöhle, Resultat eines Kopfschusses.

Der offene Schädel ist auch eine stete Erinnerung daran, dass seit Ausbruch der Zombie-Pandemie kein Charakters so viel hat durchmachen müssen wie der junge Carl. Ausschlaggebend für sein neues, souveränes Auftreten ist eine Gleichaltrige, in die er sich verliebt. In der wohl verstörendsten, aber auch faszinierendsten Szene des Kompendiums appelliert das Mädchen an sein Ego. Sie leckt ihm beim Liebesspiel über die Augenhöhle.

Die Begegnung mit Lydia hat schlimme Konsequenzen, und “Walking Dead”-Macher Robert Kirkman ist clever genug, nach dem Governor und Negan als nächsten Feind nicht einen eben noch größeren, noch muskulöseren, noch cholerischeren Mann aufzufahren. Stattdessen hat er mit der Frau, die sich Alpha nennt, die bislang bedrohlichste Figur der Reihe erschaffen. Eine Mutter mit grausamen Prinzipien: Sie betrachtet sich gar nicht mehr als Frau und lässt sich von ihrer Tochter Lydia nur noch als “Alpha”, die “Erste” anreden. Sie würde ihr Kind opfern, tritt seelenruhig auf und ist kahl rasiert. Entmenschlicht.

Alpha versteht sich als die Erste einer neuen Gattung, eine Art Mischwesen aus Zombie und Mensch, ihre Gemeinde kleidet sich in die Häute der Untoten. Nicht nur, weil der Gestank die Zombies täuscht und ihnen Ruhe vor den Beißern gewährt. Sondern weil sie die Kreaturen bereits als Teil der Umwelt akzeptieren. Es geht ihnen um eine geteilte Lebenssphäre. Alpha und Gefolgschaft leben frei im Wald, die gated communities von Rick und den anderen lehnen sie ab. Wer solche Risiken im Überlebenskampf eingeht, und trotzdem tausende Menschen um sich schart, der kann eigentlich gar nicht mehr verlieren.

Das Ende des Homo Sapiens

Für Alpha markiert die Apokalypse einen Schritt in der Evolution. Kirkman bedient sich hier bei Richard Matheson, der in seinem bahnbrechenden Roman “Ich bin Legende” auch die vom Menschen aufgestellte Hierarchie in Frage stellte: Was berechtigt uns zu glauben, niemand dürfe in der Nahrungskette über uns stehen? Warum sollten wir überhaupt glauben, dass es den Homo Sapiens auf ewig geben dürfe? Nur, weil es uns länger gibt als die neue Spezies, eine Mutation?

Der Sammelband endet, das zeigt, wie gut er zusammengefügt ist, mit einem harten Cliffhanger. Bislang war das Ende von Kompendium eins die Messlatte – der Angriff des Governors auf das Gefängnis, in dem Rick und Co sich verschanzt hatten. Das wird zwar vielleicht unerreicht bleiben, denn jene zwei aufeinander folgenden Angriffe auf das scheinbar sicher umzäunte Areal waren damals perfekt komponiert. Die erste Attacke war ein tolles dramatisches Theater, dem eine öffentliche Hinrichtung voraus ging; die zweite war ein verzweifelter shock-and-awe-Überfall, von dem klar sein würde, das danach für beide Seiten alles aus ist.

In der wohl berührendsten Szene der frühen Saga, dem Tod von Lori und ihrem Baby Judith, hatte der Leser vielleicht eine ganz leise Ahnung davon bekommen: Wie schlimm es für Familienmitglieder sein muss, im Krieg innerhalb von Sekunden Entscheidungen zu treffen, sich ohne Abschied zu trennen, damit zumindest einer überlebt. Einen kurzen Blick auf die niedergeschossene Frau und Tochter hatte Rick riskiert, ohne dann Gewissheit über ihren Tod zu haben. “Renn weiter, schau nicht zurück”, rief er augenblicklich seinem Sohn zu, beide flüchteten in die Wälder.

Grenzen ziehen auf die harte Tour

Für seinen Showdown im Gefängnis dezimierte Kirkman einst seine Heldentruppe um gut ein Drittel der beliebtesten Figuren. Ganz so hart wird der Aderlass bei diesem dritten Kompendium nicht, aber auch hier müssen wir uns von angestammten Charakteren verabschieden, deren Weg noch nicht zu Ende erzählt schien. In einem brutal zusammengefügten Kontrast sehen wir die Leichen – und im folgenden Bild deren nächsten Angehörigen und wie sie, nichtsahnend, noch ihrem friedlichen Alltagsgeschäft nachgehen. Eugene etwa, der Träumer, legt Karten auf dem Fußboden aus; wie sollte er auch wissen, was mit seiner Freundin geschehen ist.

Aber das Ende ist umso verstörender, weil Alpha nicht mordet um Siegerin zu sein, um Schutzgeld einzustreichen oder sich als Regierende zu fühlen. Sie will einfach klare Grenzen schaffen, zwischen ihren Leuten und Ricks Leuten. Und wie sie diese Grenzen zieht, ist ein echter Schocker.

The Walking Dead – Kompendium 3, 1088 Seiten, Cross Cult Verlag, 50 Euro

Die bei Cross Cult verlegte Edition erscheint im Gegensatz zur amerikanischen Version auf schönem Hochglanzpapier. Das Kompendium lohnt sich auch im Preis: Sieben Bände für 50 Euro. Die Einzelbände kosten je 16 Euro.

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