Time Is On My Side – The Jerry Ragovoy Story 1953 – 2003


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Bonnie Raitt kultivierte von Anfang an die Macke während ihrer Warner Bros.-Ära, für jedes Album einen neuen Produzenten zu verpflichten. Nur nach dem Erfolg von „Home Plate“ engagierte sie nochmal denselben Paul Rothchild- mit dem Ergebnis, dass „Sweet Forgiveness“ ihre erfolgreichste LP jener Jahre wurde.

Für das vierte Album hatte sie einen Veteranen engagiert, der zuvor schon die Karriere von Janis Joplin maßgeblich beeinflusst hatte – allerdings als Songlieferant. Einen Song – „Ain’t Nobody Home“ -steuerte dieser Jerry Ragovoy zu den Sessions von „Streetlights“ auch bei. Das Soul-Stück absolvierte Miss Raitt aber nur ungewöhnlich routiniert, das lag ihr irgendwo nicht, viel weniger jedenfalls als John Prines „Angel From Montgomery“. Verblüffend ist trotzdem, dass er die Sängerin nicht durchweg animieren konnte, zu Bestform aufzulaufen.

Das war ihm vorher viele Jahre lang bei anderen „Klienten“ immer wieder gelungen. Darauf bildete er sich auch ziemlich viel ein. Die Liner Notes dieser CD zitieren ihn am Ende mit der ganz unbescheidenen Aussage: „Bei jedem Sänger, mit dem ich je gearbeitet habe, war ich wie Hitler, wenn es um die Vocals ging. Wann immer ich etwas produzierte, war das, als ob ich mir selber noch irgendwas beweisen müsste. Jede Note, jeder Song, jedes Projekt, auf die ich mich einließ und in die ich mich vertiefte – egal, ob Arrangements oder was immer – waren immer wieder eine neue Herausforderung.“

Das war – von dem sehr unglücklichen Vergleich mal abgesehen – nun zweifellos bei Phil Spector, George Martin, Jerry Wexler oder Jack Nitzsche so viel anders auch nicht. Mit netten Fragen wie „Is it rolling, Bob?“ (Dylan an seinen Produzenten vor „To Be Alone With You“) ließen es die Qualitätsfanatiker der Zunft nicht bewenden, die wollten von behutsam bis cholerisch auch den Gang der künstlerischen Dinge mitbestimmen.

Im Fall von Jerry Ragovoy kam hinzu, dass er als Komponist von populärem Liedgut – am Ende mehrere Dutzend Hits! – natürlich in höchstem Maße daran interessiert war, die auch in ganz fabelhaften und seiner Meinung nach optimalen Interpretationen zu hören. Bevor Janis Joplin von Vorlagen wie „Cry Baby“, „Get It While You Can“, „Piece Of My Heart“ oder „My Baby“ die berühmtesten Fassungen einspielte und auch bei „Try (Just A Little Bit Harder)“ im Konzert immer zu Hochform auflief, hatte er einer anderen Sängerin zu Weltruhm verholfen.

Wie, ist noch einmal in den Liner Notes nachzulesen: Im Frühjahr 1967 rief Warner Bros.-Chef Mo Ostin an und sagte, er schulde dieser Sängerin Miriam Makeba noch ein Album, ob er sich nicht darum kümmern könne. Frau Makeba wollte unbedingt eine Platte mit amerikanischen Balladen (neudeutsch wohl: Standards) aufnehmen, weil sie sich davon einen gewaltigen Popularitätsschub versprach. Nachdem er noch am selben Abend ihren Konzertauftritt – mit ausschließlich afrikanischer Folklore – gesehen hatte, war er zu der Auffassung gelangt, aus diesem „Pata Pata“ könne man einen ganz hübschen Ohrwurm machen. Also schrieben sie das gemeinsam (mit einer von Ragovoy eingeflochtenen Erklärung, was es überhaupt mit dem ganzen Pata Pata auf sich habe) um, und fertig war der Welthit. Zwei Monate später nahm Dusty Springfield von seinem „What’s It Gonna Be“ ihren großen Pop-Klassiker auf. Zu der von Ragovoy produzierten Session waren auch die als Begleitsänger ins Studio gebetenen Carole King, Madeline Bell, Valerie Simpson und Nick Ashford brav erschienen. Schließlich hatte Ragovoy gerufen.

Ähnlich legendär ist die Session, in der „Time Is On My Side“ eingespielt wurde. Wohlgemerkt das Original mit dem dänischen Posaunisten Kai Winding und Cissy Houston, Dionne und Dee Dee Warwick als Sängerinnen. Windings Manager hatte angerufen, weil ihm noch ein Song für dessen nächste LP fehlte. Ragovoy schrieb „Time Is On My Side“ binnen einer Stunde, spielte das dem Kollegen übers Telefon vor und schrieb- inständig gebeten – postwendend auch das Arrangement und das Posaunen-Solo. Ein Jahr später nahmen Irma Thomas davon die beste, wiederum ein Jahr nach ihr die Rolling Stones die berühmteste Version auf.

Anders als Miss Thomas hatte die Kollegin Garnett Mimms mit „Cry Baby“ vorher auch einen ausgewachsenen Hit gehabt (Pop Nr. 4, wochenlang Nr. 1 der R&B-Hitparade). Das hatte er zusammen mit Bert Berns unter seinem bisweilen benützten Pseudonym Norman Meade geschrieben (bzw., um’s genauer zu sagen: Berns hatte nur ein paar Ideen beigesteuert, wie man den Song endlich zu Ende bringen könnte). Was sie schließlich als „White Kings Of Soul Music“ (Al Kooper in seinen Liner Notes) in der Branche berühmt machte.

Ragovoy leugnete nie, dass er – mit klassischer Musik und Big- Band-Jazz aufgewachsen und ein sehr ehrgeiziger Teenager, dem Debussy, Strawinsky und Ravel nicht fremd waren – immer großen Gefallen an opulenten Arrangements fand, wenn er die für passend hielt und sich die Gelegenheit bot. Die ergriff er beim Schopf, als Frank Sinatra 1966 eine Session absagte, das 46-Mann-Orchester aber schon engagiert und auch zu bezahlen war. Als man Ragovoy anbot, die kostenlos zur Verfügung zu haben, schleppte er zwei Tage später Lorraine Ellison ins Studio und nahm das symphonisch arrangierte „Stay With Me“ auf. So sicherte er ihr- wie auch dem von ihm produzierten Soul-Sänger Howard Tate und ein paar anderen – einen kleinen Kult-Status.

Klar, dass hier all seine Klassiker in den Ur-Versionen auftauchen. Al Kooper über den von ihm bewunderten Vetera-en: „He still plays KILLER piano!!!“ (Ace/Soulfood)


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