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Tipp: 20.000 Days On Earth Regie: Iain Forsyth / Jane Pollard

Rapid Eye Movies Kinostart: 16.10.

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Für sein Handbuch „Der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit“ konnte KLF-Gründer Bill Drummond Ende der 80er-Jahre auf Erfahrungen aus erster Hand zurückgreifen. Kurz zuvor hatten er und Jimmy Cauty es mit „Doctorin’ the Tardis“ an die Spitze der britischen Charts geschafft. Drummonds Gebrauchsanweisung ist auch über 25 Jahre später noch ein pointierter Kommentar auf die Mechanismen des Pop-Geschäfts, praxisnah vorgeführt an seiner kleinsten unzerstörbaren Einheit: dem Song. Wenn Nick Cave über sein Songwriting spricht, zieht er noch ganz andere Register. „Beim Schreiben“, erzählt er in der Dokumentation „20.000 Days On Earth“ von Iain Forsyth und Jane Pollard, „kommt es auf den Kontrapunkt an. Man stellt zwei disparate Bilder nebeneinander und schaut, wie die Funken fliegen. Als würde man ein kleines Kind mit einem, sagen wir, mongolischen Psychopathen in einen Raum sperren. Man lehnt sich zurück und wartet, was passiert. Dann schickt man einen Clown auf einem Dreirad rein. Und wieder wartet man und schaut zu. Und wenn das zu nichts führt, erschießt man den Clown.“ Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Cave, während er dieses anschauliche Bild malt, bei seinem Therapeuten im Wartezimmer sitzt. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.

Natürlich hat Nick Cave nie den Anspruch gehabt, einen Nummer- eins-Hits zu schreiben. Umso bizarrer mutet rückblickend sein Auftritt mit Kylie Minogue bei „Top of the Pops“ an: ein einziges Mal durfte Nick Cave am Pop-Olymp kratzen. „Hast Du Angst davor, irgendwann vergessen zu werden?“, fragt er Minogue bei einer nächtlichen Autofahrt durch Brighton – eine Frage, die länger im Raum steht, als ihre Antwort dauert. Der kurze Dialog ist erhellend hinsichtlich Caves Selbstverständnis als Künstler – und seines Verhältnisses zur Popmusik. Er monologisiert viel über böse Geister und transformative Erfahrungen. Minogue erklärt er, dass „diese Mischung aus Ehrfurcht und Angst, die man auf eine kleine Gruppe von Menschen ausüben kann, Energien freisetzt, die die Persönlichkeit eines Menschen verändern.“ Zu Hause angekommen, sitzen er und seine Zwillinge dann Pizza mampfend vor dem Fernseher und gucken gemeinsam, wenig überraschend, „Scarface“. Ein weiterer Tag geht zu Ende. Der 20.000ste im Leben von Nick Cave.

Die meisten seriösen Musikerbiografien sind ein Gräuel. Niemand weiß das besser als Cave, der sich künstlerisch immer gegen jede Form von Institutionalisierung – auch die des Punk – gewehrt hat. Als Iain Forsyth und Jane Pollard mit ihrer Idee für eine Dokumentation an ihn herantraten, war klar, dass sie kein gewöhnliches Musikerporträt im Sinn hatten. „20.000 Days On Earth“ nimmt eher die Form einer Ballade an, erzählt mit dem predigerhaften Dröhnen aus Caves Romandebüt „And The Ass Saw The Angel“. Sein hartgekochtes Film-Noir-Voiceover bildet den atmosphärischen Hintergrund für einsame Autofahrten durch ein graues Südengland. Manchmal sitzt ein alter Bekannter auf dem Beifahrersitz: erst der britische Schauspieler Ray Winstone, dann Blixa Bargeld, am Ende Kylie. Forsyth und Pollard gelingt das Kunststück, einen Film über das Jetzt zu machen, obwohl permanent über Vergangenes geredet wird. Die ersten 19.999 Tage im Leben von Nick Cave werden in knapp drei Minuten in Form einer kakophonischen Multi-Screen-Installation durchgespielt: das audiovisuelle Konzentrat aus Karrierehöhepunkten, verblassten Erinnerungen und historischen Momenten, durchsetzt mit scharfen Punk-Splittern. Der Rest spielt zwischen Psychiaterpraxis, Auto, Konzertproben und dem Küchentisch von Warren Ellis.

Man muss kein ausgesprochener Cave-Fan sein, um „20.000 Days On Earth“ zu mögen. Aber der Film erfordert definitiv eine hohe Toleranz für pompöse Musiker-Egos. Ein Nick Cave überlässt niemandem die Historisierung seines Lebens, dafür ist allein er zuständig. Und besäße er nicht diesen blumigen Fatalismus, der die Erzählung immer wieder ironisch bricht, ein Tag mit ihm wäre wohl schwer erträglich. Das quälende 20-minütige Therapiegespräch scheint wie eine Parodie auf Tony Soprano, ein längerer Besuch im Archiv offenbart dagegen irrwitzige Fundstücke: ein Testament aus Caves Heroin-Hochphase, in dem er die Gründung eines „Nick Cave Memorial Museum“ verfügt. 

Forsyth und Pollard versuchen gar nicht erst, dem Mythos auf die Spur zu kommen. Sie schreiben ihn lieber gleich fort. Der Narzisst Cave am Piano, wie er mit seinen Klunker-behangenen Fingern seine Mitmusiker anleitet. Der Teufel Cave, der die weiblichen Fans in der ersten Reihe um den Finger wickelt. Der Tormentor Cave, der mit seiner dräuenden Todeslyrik seine Dämonen austreibt. Die famose Selbstinszenierung eines wandelnden Gesamtkunstwerks.

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