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Tipp: Her Regie: Spike Jonze


Warner Kinostart: 27.3.


von

Als es in der guten, alten Science-Fiction noch um den Kampf zwischen guten und bösen Systemen ging, war die Zukunft meist sehr weit weg. Die Helden trugen lustige Anzüge, hantierten mit seltsamen Geräten, meist Waffen, und bewegten sich in der Regel schwebend fort. Doch mittlerweile hat sich eine neue Variation des Genres herausgebildet, die uns zeitlich und technisch wesentlich näher ist, um nicht zu sagen: Sie wird intim mit uns. Emo-Sci-Fi könnte man diese in der nahen Zukunft spielende Form des Futurismus nennen, in der es meist um die ziemlich aktuellen Fragen der Individualität und der Privatsphäre geht. Dave Eggers’ aktueller Roman „The Circle“ wäre ein Beispiel für diese Gattung, und „Her“, der neue Film von Spike Jonze („Being John Malkovich“), ist ebenfalls Emo-Sci-Fi in Reinform.

Theodore Twombly (Joaquín Phoenix) arbeitet als professioneller Ghostwriter für ein Unternehmen namens beautifulletters.com. Die Korrespondenzen, die er erledigt, sind rein privater Natur. Er sitzt am Computer und diktiert anderer Leute Liebesbriefe, die dann von einer Software in der Handschrift des jeweiligen Auftraggebers gesetzt und ausgedruckt werden. Überhaupt scheint in dieser nahen Zukunft alles über Spracherkennung zu laufen – die Auswahl der richtigen Musik, die Organisation des Terminkalenders, und auch E-Mails werden auf Aufforderung von einer Computerstimme vorgelesen.

Theodore steckt gerade mitten in einer Scheidung, hat außer seiner langjährigen Freundin Amy (Amy Adams) und ihrem Ehemann Charles (Matt Letscher) kaum soziale Kontakte und verbringt seine Freizeit mit Internetpornografie und Videospiel-Hologrammen. Als er ein neues Betriebssystem auf Rechner und Mobiltelefon (oder besser: sein Leben) installiert, hat es – so scheint es ihm zumindest – ein Ende mit der Einsamkeit. Sein Computer spricht nun mit einer verführerischen weiblichen Stimme (Scarlett Johansson), die so programmiert ist, dass sie über Intui-tion verfügt sowie durch Interaktion mit ihrem User und NSA-mäßiger Auswertung aller ihn betreffenden Daten immer Neues von ihm und über ihn dazulernt. Samantha – so nennt sie sich – weiß bald alles über Theo­dore: Sie kennt seinen Humor und sei-

ne Vorlieben, albert herum, hört zu, betreibt Eins-a-Smalltalk, hilft mit Enthusiasmus bei Terminplanung und Rechtschreibprüfung, spart nicht mit Anerkennung und hat fast den gleichen Blick auf die Welt wie er (ihr Auge, die Kamera des Mobiltelefons, linst aus seiner Brusttasche). Theodore erkennt in ihr die ideale Partnerin, und sehr bald sind die beiden ein Paar. Trotz Samanthas Körperlosigkeit funktioniert das ziemlich perfekt – jedenfalls so lange, bis das Reale in

Person seiner Ex-Frau Catherine (Roo­ney Mara) in die imaginäre Beziehung einbricht. Doch selbst die Krisen, die er anschließend mit seiner programmierten Partnerin hat, ähneln anfangs noch denen einer „normalen“ Zweierbeziehung – Probleme im Bett, Eifersucht, Selbstzweifel, Entfremdung.

Jonze zeigt in „Her“ eine Welt, in der Empathie eine Dienstleistung geworden ist, die berühmten drei Worte „I Love You“ zum Neologismus „iLove“ zusammengeschnurrt sind und das Gegenüber von einer narzisstischen Spiegelung ersetzt wird. Was als amüsant-leichtes Spiel mit Projektionen à la „Rendezvous nach Ladenschluss“ beginnt, wird zu einer melancholisch tiefgründigen Reflexion über Ein- und Zweisamkeit, Körper und Geist, Begriff und Abstraktion. Seinem Protagonisten hat Jonze nicht umsonst den Nachnamen Twombly gegeben – nach dem 2011 verstorbenen abstrakten Maler Cy Twombly, der eine geheimnisvolle kindlich-krakelige Metaschrift entwickelte, die rein auf den Gestus beschränkt ist. Das spielt eine Rolle bei der, nennen wir es: metaphysischen Wende, die die Beziehung zwischen ihm und Samantha am Ende erfährt. 

Dieser Theodore mit dem Malernachnamen, dessen Hemden im Verlauf des Films angefangen vom satten Rot immer heller werden, bis sie schließlich das unschuldige Weiß erreichen, ist ein weiterer Verlorener im Figurenkabinett des Joaquín Phoenix. Er spielt ihn subtiler, weniger physisch als zuletzt den Freddie Quell in Paul Thomas Andersons „The Master“, ja, manchmal hat man gar das Gefühl, er sei der eigentlich Körperlose in diesem Film, während man bei seinem virtuellen Gegenüber durch Scarlett Johanssons unverwechselbare Stimme natürlich gleich ein ziemlich klares, ziemlich körperliches Bild vor Augen

hat. Und diesen Wiedererkennungswert, der unsere Imagination ankurbelt, braucht es auch. Die erste Besetzung der Samantha mit der bezaubernden, aber weniger markanten Emily Mortimer hat nicht funktioniert, denn in „Her“ hat man zwar die ganze Zeit ihn vor Augen, man sieht aber sie.


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