Tipp: Mawil Kinderland

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Schon die erste Seite dieses Comics offenbart Mawils volle Größe als Set-Bildner. Ein Regal mit Pittiplatsch, Schnatterinchen und dem Ostsandmännchen. Darunter ein Rennwagen, eine Indianerfigur, ein Schlumpf. Auf dem Schreibtisch ein „Mosaik“-Heft und eine selbst gebaute Batterielampe. Ein Poster von der Olsenbande an der Tür. Das ist ein Jungszimmer, ganz klar. Hinterm Fenster ein Sommersonnenaufgang über der Großstadt. Sechs Panels, sechs Schnappschüsse reichen fast schon aus, um die Hauptperson zu beschreiben und zu lokalisieren. Ein paar Seiten später weiß man, dass der Junge Mirco Watzke heißt, in Ostberlin wohnt und gerade der heiße Sommer 1989 angebrochen ist.

Biblische sieben Jahre hat der Berliner Comicautor Mawil, der bürgerlich Markus Witzel heißt, an seinem Opus magnum „Kinderland“ gesessen, wenn er nicht gerade Strips für den „Tagesspiegel“ oder am Videoclip für „Guten Tag“ von Wir sind Helden gezeichnet hat. In diesen sieben Jahren hat er sein erzählerisches und vor allem zeichnerisches Können noch einmal sublimiert. „Kinderland“ wird Preise bekommen, so viel steht fest.

Wie in „Schneckenmühle“, dem Roman seines Freundes Jochen Schmidt, mit dem er gelegentlich auch schon zusammengearbeitet hat, lässt Mawil die Wende fast unbemerkt in einen – wie immer! – nicht gerade einfachen Schüleralltag hineinplatzen. Mirco wird von den anderen Schülern gern gehänselt, er ist klein, sensibel, eher ängstlich, noch dazu Ministrant in der katholischen Kirche, was man in der DDR lieber verschweigt. Als er beim Pausentischtennis erstmals mit einer richtigen Kelle anstelle des Schulbuchs spielt und den Ball verschlägt, sagt eine Mitschülerin den Satz, den der Leser sofort als Stigmatisierung verstehen soll. „Der Watzke kann nur mit Büchers.“

Bald jedoch erspielt er sich einen gewissen Ruf an der Platte. Unter tätiger Mithilfe von Torsten, dem Neuen, der wegen Insubordination an Mircos Schule strafversetzt wurde, und nach Übertretung diverser Schulvorschriften erkämpft sich der Bücherwurm doch noch seinen Platz im Rudel, lässt sich sogar von den Schulschlägern nicht mehr so einfach das Wasser abgraben.

Mawil hat sich schon in seinen Vorgängercomics „Wir können ja Freunde bleiben“, „Die Band“ und „Action Sorgenkind“ als skrupulöser, detailversessener Dokumentarist des Profanen erwiesen. „Kinderland“ ist bei aller Verve, mit der er seinen Coming-of-Age-Plot hier abspult, ein wahres Exerzitium in Alltagsbeobachtung. Die Kleidung der Schüler, ihre Sprüche, der doktrinäre Jargon der Parteitrompeterin, die Interieurs, Straßenzüge, die Schilder und Autos, die Geräusche beim Öffnen einer Omnibus-Tür – das Buch lässt das Ostberlin der späten Achtziger hier so authentisch wiederauferstehen, dass Zeithistoriker diesen Comic als 1-a-Quelle benutzen können.

Mawil hat den totalen Blick für das sprechende Detail. Wie er einen ganzen Sonntagsbesuch bei der Oma auf dem Dorf in ein paar Panels rafft, mit gemeinsamem Kaffeetrinken, Kirchen- und Friedhofsbesuch, dem kleinen, heimlichen Geldgeschenk für den Enkel kurz vor der Verabschiedung, der gähnenden Rückfahrt in der Dunkelheit, das ist alles so wahrhaftig, berückend genau beobachtet und warmherzig, dass Worte hier gar nicht mehr gebraucht werden. Und immer wieder fällt einem noch ein kleines, zuvor unbemerktes Attribut auf, das die jeweilige Person genauer profiliert. Etwa der Verband der lieben „Oma Lindner von nebenan“. Offenbar leidet sie an einem „offenen Bein“.

Mawils Zeichentechnik ist weitaus wandlungsfähiger geworden. Sein typisch kruder, karikaturhafter Funny-Strich hat sich zwar erhalten, aber wenn es nötig ist, etwa wenn Plattenbaupanoramen sich in Busfenstern spiegeln, gewinnt der plötzlich fast fotorealistische Qualitäten. Die durchgehende Kolorierung, auch das ein Novum in seinem Werk, tut ihr Übriges. In dem zentralen, gut 30-seitigen Pingpong-Match gegen die beiden Schulhoftyrannen – Mircos Initiationsritus, der seine neue Stellung in der Gruppe festschreibt – zieht Mawil alle Register seiner Zeichenkunst, die Kleinigkeiten wie die Gesetze der Physik dann auch schon mal weit hinter sich lässt.

Grandioserweise sind die Worte in genauso adäquater Weise da, wenn die Situation sie erfordert. Etwa wenn Mawil einen Familienstreit am Esstisch intoniert und Vati ein Machtwort spricht. Wenn Mirco die Erwachsenen belauscht, wie sie in geselliger Runde eine eventuelle Republikflucht ventilieren. Wenn die kleine Schwester Mimi in ihrer rudimentären Kleinkindersprache drauflosplappert. Oder wenn er morgendliche Schulhofszenen einfängt. Bei Mawil reden, zanken, schreien und schimpfen keine Pappfiguren, sondern tatsächlich Schüler mit unterschiedlichem Bildungsstand und sozialem Hintergrund. Mawil ist ihr getreuer Biograf. Einen besseren wird man so bald nicht finden. (Reprodukt, 29 Euro)

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