Wilco: Ashes Of American Flags (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Wilco Ashes Of American Flags


Warner


von

Ein Konzert- und Essay-Film, eine Überlandfahrt und eine Reflexion über das Unterwegs-Sein, die Dynamik einer Band, das Songschreiben und Amerika. Die Kamera folgt Wilco entlang der Tournee durch den Mittleren Westen nach Alabama, New Orleans, in die Grand Ole Opry in Nashville, Tennessee und dann nach Washington- und mit den Orten ändern sich auch die Temperatur und das Temperament der Auftritte, die Wilco auf der Höhe ihrer Kunst zeigen.

In Tulsa, Oklahoma spielen sie in der noch leeren Halle „Ashes Of American Flags“, in Mobile, Alabama gehen sie auf den großartigen Gitarrenflug von „Impossible Germany“. Der geniale Gitarrist Nels Cline spielt sein Solo, als wäre er direkt an den Strom seines Instruments angeschlossen, Jeff Tweedy steht stämmig im Zentrum, John Stirrat zupft stoisch den Bass, Glenn Kotche trommelt wie ein Derwisch. Nicht die Häufigkeit der Auftritte sei so aufreibend, erzählt Tweedy aus dem Off- wohl aber deren schiere Länge.

Man sieht, wie Kotche seine lädierten Hände wäscht und balsamiert. Nels Cline berichtet von Zusammenbrüchen und der großen Leere nach Auftritten. Und während der Bus die Weite des Landes durchquert (wie man es in Filmen über Magnolia Electric Co., Neil Young und Low ähnlich sehen kann), hört man Jeff Tweedys ruhige, kluge Ausführungen: wie das Songschreiben die Natur nachahmt und spiegelt, was eine Band im Innersten zusammenhält, wie er auch mit anderen Besetzungen weitermachen würde- aber nicht ohne John Stirrat, den einzigen Musiker, der ihn von Beginn an bei Wilco begleitet.

Es ist selten, dass eine Dokumentation so eindrucksvoll die Auftritte einfängt, das Reisen und die Landschaft- und zugleich ein gescheiter Traktat ist über die Bedingungen, unter denen das stattfindet, was in bodenlosem Euphemismus Rock’n’Roll genannt wird. Wilco sind die bedeutendste Band dieser Zeit, weil sie das Spiel aushalten, ohne sich seinen Regeln zu unterwerfen. In der- auch musikalischen- Dekonstruktion liegt eine Brüchigkeit von ergreifender Anmut. „Via Chicago“, „Pieholden Suite“, „Side With The Seeds“, „Sky Blue Sky“ sind Songs über eine langsame Heimkehr, die Wilco um die ganze Welt führt.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Pinegrove :: „11:11“

Vielseitige Arrangements, mehr Kontur im Indie-Rock

Jeff Tweedy :: Love Is The King

Herrlich kaputter Country- Rock vom Wilco-Chef - im Corona-Lockdown mit Familie aufgenommen.

Wilco :: Ode To Joy

Jeff Tweedy grübelt über den Tod und das Leben


ÄHNLICHE ARTIKEL

Wie schreibt man eigentlich einen Song, Jeff Tweedy?

Wilco-Songwriter Jeff Tweedy erklärt in seinem neuen Buch „Wie schreibe ich einen Song“, dass das Geheimnis seiner Kunst gar kein Geheimnis ist. Im Gespräch mit seinem Übersetzer, dem Songwriter Philip Bradatsch, philosophiert er über den kreativen Prozess, den Mythos der göttlichen Eingebung und den Weg zur Inspiration

Wilco feiern Jubiläum von „Yankee Hotel Foxtrot“ mit Mega-Reissue

Zum 20. Geburtstag des Wilco-Meisterwerks gibt es bis zu 82 unveröffentlichte Songs im Box-Set.

Die ★ ★ ★ ★ ★ -Band: Alle Alben von Wilco im Ranking und bewertet

Die Band um Songwriter-Mastermind Jeff Tweedy veröffentlicht eine einzigartige Platte nach der nächsten, zuletzt das großartige „Ode To Joy“. Zeit für eine Bestandsaufnahme.