RS-History



Die Mauer steht wieder: Roger Waters und „The Wall“


von

Mit seiner ungenierten Megalomanie war „The Wall“ das rote Tuch für die Punk- und New-Wave-Bands jener Jahre – der Prototyp dessen, was sie „Dinosaurier-Rock“ nannten. Die laufende Tour, die am 15. September in Toronto begann, will allerdings mehr sein als nur ein Jurassic Park auf Rädern. Waters hat das Konzept überarbeitet und mit explizit politischen Botschaften gespickt: gegen Krieg in jeder Form, gegen jedwede Unterdrückung der Menschenrechte. Die Lyrics zu „Mother“ beispielsweise sind zwar unverändert, aber das begleitende Video mit seinen omnipräsenten Überwachungskameras thematisiert nicht mehr die dominierenden Eltern, sondern einen repressiven Staat. „Im Prinzip ist es die gleiche Show, aber die Botschaft steht nun auf einer breiteren Basis“, so Fisher. „Wir mussten die Tatsache berücksichtigen, dass es nicht mehr ein Mann in seinen Dreißigern ist, der auf seine Jugend zurückblickt, sondern ein Mann in seinen Sechzigern.“

"The Wall" in Berlin (1990)

Die Show profitiert natürlich auch vom technologischen Fortschritt der letzten 30 Jahre, nicht zuletzt in Form des Ultra-High-Definition-Videos, das auf die Mauer projiziert wird. Waters feierte zum Tourstart seinen 67. Geburtstag – und ist sich ziemlich sicher, dass dies seine letzte große Tournee sein wird. „Es ist ein gigantisches Unternehmen, und ich war mir nicht sicher, ob ich der Aufgabe gewachsen bin“, sagt er, wirkt dabei aber nicht überzeugend: Man spürt, dass er sehr wohl davon überzeugt ist, die Aufgabe meistern zu können.

Während die Limo durch Manhattan rollt, holt Fred sein Handy heraus und liest laut Messages vor, die ihm seine Töchter geschickt haben – bis wir ihn bitten, damit doch lieber bis zur nächsten roten Ampel zu warten. („Leute, die beim Fahren texten, stauche ich normalerweise zusammen“, sagt Waters mit neuer Milde.) Es stellt sich heraus, dass eine der Töchter zufällig im Fitnessstudio heute Morgen „The Wall“ gehört hat. „Vielen Dank, dass Sie Ihre Töchter indoktriniert haben“, sagt Waters, sichtlich belustigt. „Die Kinder brauchen also offensichtlich doch eine, education‘. Ich lag völlig daneben.“

Fred ist inzwischen voll in seinem Element: „Ja, aber sie brauchen keine, thought control‘.“ Er hält für einen Moment inne. „Und wie geht noch mal die nächste Zeile?, No dark sar …‘ Wie heißt das?“ „Sarcasm“, sagt Waters. „Die Leute singen bei Songs immer die falschen Wörter, aber in diesem Fall haben wir die fucking Autorität ja gleich hier zur Hand.“

„Mir war zwar nicht bewusst, dass ich in puncto fucking die große Autorität bin, aber trotzdem danke“, sagt Waters. Kurz darauf nimmt er sogar Freds Visitenkarte entgegen und verspricht, ihm Tickets für die Show zukommen zu lassen.

Waters bespuckte einen Fan

34 Jahre zuvor, bei einem chaotischen Pink- Floyd-Gig im Stadion von Montreal, hatte ein weitaus uncoolerer Waters eine weniger erquickliche Begegnung mit einem Fan. Der letzte Gig auf ihrer „Animals“-Tour 1977 stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Das Soundsystem war viel zu schwachbrüstig, um sich gegen ein angetrunkenes und randalierendes Publikum durchzusetzen. (Auf einem Bootleg von dem Konzert hört man, wie Waters schrie: „Verdammt noch mal, hört endlich auf, Raketen abzuschießen und so viel Lärm zu machen – ich versuche zu singen.“) Doch stattdessen kletterte prompt ein Fan über das Absperrgitter und sprang auf die Bühne. Waters spuckte ihn an.

Im Nachhinein war Waters selbst entsetzt. Wie war es möglich, dass er sich dazu hinreißen lassen konnte? Was lief in seinem Kopf nur so verquer? Er war 33 Jahre alt und der Protagonist in der größten psychedelischen Band der Welt. Sicher, seine erste Ehe war gerade in die Brüche gegangen – und auch mit der Band ging es rapide bergab: Er und David Gilmour wurden sich mit jedem Tag fremder. Waters war reich und berühmt, aber trotzdem verbittert und unzufrieden – und offensichtlich unfähig, die Probleme seiner Kindheit aufzuarbeiten. Probleme, die nicht zuletzt damit begannen, dass sein Vater fünf Monate nach Rogers Geburt im Zweiten Weltkrieg sein Leben verlor.

„Ich war wohl ziemlich beängstigend“, sagt Waters heute. „Ich hatte die Eigenschaft, selbst bei Bagatellen wild um mich zu schlagen.“ (Auch in diesem Punkt muss er eine radikale Wandlung durchlaufen haben: Als im Backstage-Bereich Lasagne für die Crew serviert wird, beißt er plötzlich auf eine lange Schraube, die der Caterer irgendwie auf seinen Teller gezaubert hat. Nachdem er für einen Moment entgeistert aus der Wäsche schaut, fasst er sich schnell und nimmt die Sache mit Humor – zumindest in meiner Anwesenheit.)

Das letzte große Konzeptalbum

Waters wollte unter seine Vergangenheit einen Strich ziehen und begann mit einer Therapie, die sich über zwei Jahrzehnte hinziehen sollte. Doch zunächst einmal machte er das, was Rockstars damals zu tun pflegten: Er verkroch sich in seiner Villa im Grünen, legte sich einen Synthie zu und schrieb eine Rock-Oper. Beim Songschreiben noch einmal unterstützt von David Gilmour, sollte es das letzte große Konzept-Album ihrer Generation werden. „Ich versuchte, in meinem Leben einen Sinn zu finden“, sagt Waters, „und bis zu einem gewissen Grad ist mir das wohl auch gelungen.“

Beim Komponieren hatte er immer schon visuell gearbeitet (nicht ohne Grund zog es den 18-jährigen Waters auf eine Architektur-Hochschule, wo er die späteren Floyd-Mitglieder Nick Mason und Rick Wright kennenlernte), und auch diesmal legte er seinem Projekt eine Skizze zugrunde. Sie zeigte eine riesige Mauer, die in einer Sporthalle aufgestellt worden war. Zunächst sollte die Mauer aufgebaut werden, während Pink Floyd auf der Bühne spielten; mit dem Verlegen des letzten Quaders sollte auch der letzte Ton erklingen. Doch als die Idee eine Eigendynamik entwickelte, wurde ihm klar, dass die Mauer am Ende irgendwie einstürzen musste. „Natürlich muss es einen Grund gegeben haben, warum ich überhaupt auf die Idee kam, zwischen mir und dem Publikum eine Mauer zu bauen. Auf einer unbewussten Ebene muss es mir gedämmert haben, wie verunsichert ich war.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite alles über die wichtigsten Einflüsse für „The Wall“

Rob Verhorst Redferns