ROLLING STONE Beach, der Samstag: Als fressen einem Seepferdchen aus der Hand

Elbow

Natürlich sind Elbow die Art von Konsens-Band, die ein Festival am Schluss zusammenführt. Das große Herz, die großen Melodien, die großen Hits – das alles hat die Band aus Manchester und ist deshalb für jeden Samstagabend ein Glücksgriff. Aber beim Beach machen Elbow es uns zunächst mit weniger gefälligen Songs nicht ganz leicht. Denn das ist das aktuelle Bekenntnis der Band: Das neue Werk, „Giants Of All Sizes“, verzichtet weitestgehend auf Weltumarmung, ist dunkler, politischer und komplexer in den musikalischen Strukturen.

Gleich am Anfang des Sets auf der Zeltbühne steht „Dexter & Sinister“, ein Sieben-Minuten-Prog-Ding und eine der Brexit-Reflexionen des Albums. Unfassbar, wie muskulös, plastisch und transparent der Sound vom ersten Ton an dasteht; besser hat niemand auf dem diesjährigen Festival geklungen. Gleich danach „Fly Boy Blue / Lunette“, das Lied mit dem Vocoder-artigen Harmoniegesang und dem monströsen Mittelteil, man hört jetzt besser die alte englische Psychedelik, die Elbow in den Akkorden verstecken.

Vor „Empires“ spricht Guy Garvey vom Brexit und verabschiedet sich schon mal von uns: „Thank your for having us. We enjoyed being European“. Das Lied mit der massiven Farfisa-Orgel ist eine Resignation vor dem Blödsinn der Geschichte. So geht es eine Weile weiter, und es ist eine schöne Herausforderung, sich die neuen Songs zu erschließen und aus direkter Nähe zu erleben, was sich Elbow, die im Kern eine Prog-Rock-Band sind, ausgedacht haben.

Und wie schön das alles ist und wie überzeugend und bei aller Komplexität gleichbleibend warm! Dann kommen freilich doch die Hits. „Magnificient (She Says)“ spielt die Band in einer sanften Akustikgitarrenversion, „Lippy Kids“ legt sich auf das Zelt wie ein stiller Trost, und „One Day Like This“ bringt dann das eingangs erwähnte große Herz ganz laut zum Schlagen. Um es mit Guy Garveys Lieblingswort zu sagen: beautiful.

Jörn Schlüter

Blumfeld

Blumfeld

Ich bleibe dabei, Jochen Distelmeyer schrieb 1992 einige der besten Protest-Songs, er schrieb sie auch 1994, dann 1999, sowieso 2001, selbstverständlich 2003, ohne Frage 2006 und zweifelsohne 2009. Also mit jedem neuen Blumfeld- oder Soloalbum. Vor zehn Jahren erschien seine letzte Platte mit neuen Stücken, „Heavy“. Die Zeiten sind hierzulande so schlimm wie seit Jahren nicht  – wann veröffentlicht er endlich ein neues Werk?

„Andre geloben mehr Demokratie“, singt Distelmeyer in „Tics“ vom „Verbotene Früchte“-Album, „Problem ist nur, keiner glaubt noch an sie“. Er ist 52, und er hält mit alten Liedern die Fahne hoch für den Frieden – wo sind die jüngeren Rocksänger, die den Rechtsruck so präzise in Worten angehen? „Wohin mit dem Hass?“, „Diktatur der Angepassten“: Distelmeyer nahm vor bald 20 Jahren vorweg, was kaum einer so konkret heute in Songzeilen auszudrücken vermag.

Als Einspieler läuft vor dem Konzert „Servus, Gruezi und Hallo“ von Maria und Margot Hellwig. Das Lied vom Band wird, als Blumfeld die Bühne betreten, per Effekt unsanft abgewürgt. Der Volksmusik-Schunkler steht für Willkommenskultur in drei Dialekten, nun wirken die Begrüßungen wie ein bitterer Kommentar zu einem Land, in dem der Fremdenhass größer geworden ist.

Wann also kommt das nächste Blumfeld-Album?

Sassan Niasseri

Retro: John Spencer & The Hitmakers und Nick Waterhouse

Nico Ackermeier / www.facebook.com/honeymilkphotography

Wer am Samstagabend von der Zeltbühne zum Baltic Saal schlenderte, konnte zwei Arten amerikanischer Retro-Popkultur erleben, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Im großen Rund des Zelts mühte sich Jon Spencer mit seinen leidlich groovenden Schepperrock erzeugenden Hitmakers um korrekte Kaputtness, ließ den Geist der New Yorker Lower Eastside durch das geduldige, wenig enthusiastische Publikum wehen, während Minuten später Nick Waterhouse im gedrungenen Baltic Saal wie ein „Mad Men“-Charakter ca anno 1962 auf der Bühne stand, inmitten einer so lässigen wie perfekten, den Mood des Prä-British-Invasion-Pop rekonstruierenden Band, und hier wehte der heiße Wind aus Kalifornien.

Timing, Chorus, Twang, alles sitzt tadellos wie Waterhouse‘ Tolle. Und während er in seinen Lederslippern über die Bühne surft, ist man einmal mehr verwundert, dass diese herrlich swingenden Spätfünfziger- und Frühsechziger-Perlen überwiegend Eigenkompositionen sind, Eigenkompositionen, die wie die Singles einer 1962 in Memphis vergessenen Jukebox klingen.

Nick Waterhouse

Beeindruckend die Leichtigkeit, mit der die Akteure dieses Schauspiels agieren: ausgezeichnete Musiker allesamt, bei denen das Fingerschnippen nicht weniger virtuos ist als die kurzen, präzisen Soli der Bariton-Saxofonistin Paula Henderson, die auch schon bei The Roots, TV on The Radio und Melvin Van Peebles wirkte, und, wenn man Waterhouse‘ verwuschelte Ansage richtig verstand, bei Sun Ra in der Küche saß.

Souveräne Könner und ein detailversessener Oberstyler mit dem Talent für soulfulen, jazzifizierten R&B und R’n’R der Premiumklasse. Können einen Saal zum Tanzen bringen – und einen Ballsaal hätte man Nick Waterhouse gewünscht.

Die tiefergelegte Betonbutze passte so gut zur Retroeleganz der Waterhouse-Combo wie der überdimensionierte Zelt zum Hinterhofgeschepper von Jon Spencer.

Sebastian Zabel

Villagers

Villagers

Conor O’Brien ist so eine Art Trojanisches Pferd, allerdings in friedlicher Absicht: Er sieht ganz harmlos aus, wie ein argloser Schulbub mit Schnauzbart, doch wenn man ihn reinlässt und ihm eine Gitarre gibt, kommen erstaunliche Inhalte zu Tage. Die Elektronik des letzten, grandiosen Albums „The Art Of Pretending To Swim“, spielt live keine allzu große Rolle, ein bisschen Soul erlaubt er sich zwar, aber im Grunde bleibt es Folk, was O’Brien macht, und dennoch ist seine Musik ganz und gar zeitgemäß in der Mischung aus Sinnsuche und Zweifel, Abenteuerlust und Weltschmerz.

Manchmal schien er fast Angst zu haben, mit seiner Stimme die zarten Melodien zu übertönen. Dann traute er sich doch, und dann holte er sogar noch die Trompete raus, bis die Lieder schließlich zu ungenierten Hymnen explodierten. Es geht bei ihm immer um alles: „You have no one to blame but yourself“, es ist unser Leben, wir müssen das Beste daraus machen, kein anderer kann uns wirklich helfen. „What can I say? I’m a man of the faith“, gab er in “A Trick Of The Light” zu, und mit “Nothing Arrived” und “Courage” holte er das Publikum endgültig auf seine Seite.

Die Falten, von denen er da sang, waren zwar nicht zu sehen, aber die Worte rangen lange nach: „Courage/ In harmony with something other than your ego/ Courage/ The sweet belief of knowing nothing comes for free.“

Birgit Fuß

Teenage Fanclub

Teenage Fancub

Sie waren der schottische Aussenposten der Harmonieseligkeit, Verehrer der Jingle-Jangle-Herrlichkeit der Byrds, von Crosby, Stills, Nash & Young und, vor allem, Big Star. Ein Verein der Plattensammler und Liebhaber: Teenage Fanclub. In einem seltsamen Moment der Gleichzeitigkeit von fliessender Nostalgie und absoluter Gegenwart waren sie 1991 mit ihrer Platte „Bandwagonesque“ unbesiegbar. Dann kamen die Stars des Britpop, vergangenheitssüchtig auch sie, aber charismatisch, grossmäulig, smart. Und das waren die fünf jungen Männer vom Teenage Fanclub nicht. Sie waren ja selbst Publikum. Sie waren unsere grossen Brüder. Die Herzen beben lassen konnten mit ihren Melodien und Harmoniegesängen.

Nun stehen die alten Jungs auf der Zeltbühne, drei von ihnen schollernd in einer Reihe, Norman Blake singend in der Mitte. Der Bandname hat eine andere Art von Ironie angenommen, an die sie vor 30 Jahren nicht gedacht haben. Die Band ist so uneitel, dass sie wahrscheinlich auf die Verstärkung ihrer Musik verzichten würde, wenn man sie dennoch hören könnte. Ah, der hymnische Harmonierausch, die süsse Redundanz, das Sonnengefühl! Power-Pop, der Begriff ist trügerisch – es ist ein wohliges Klingeln, ein Sehnen.

Es gibt Posen, es gibt Show, und es gibt Teenage Fanclub. Sie stehen und spielen, dass es eine Art hat. Die alten Songs von „Thirteen“ und „Grand Prix“ und „Howdy“, die ja immer schon wehmütig aus einer früheren Zeit herübertönten. Und schliesslich bringen sie Neil Youngs „Don‘t Cry No Tears“, eine Plattenliebhaberwahl, man kommt nicht so leicht darauf. „We‘re Teenage Fanclub“, sagt Norman Blake zum Schluss. Ach, übrigens! Und schon sind sie weg, flüchtig wie der Schönklang der Rickenbacker.

Arne Willander

Mark Lanegan

Mark Lanegan

„You might think I’m Jesus Christ or some ugly son of a bitch.“ Viel besser kann man ein Konzert gar nicht beginnen – auch wenn es erst kurz nach fünf war, für Rockstars eigentlich keine geeignete Uhrzeit. Das Zelt war trotzdem ziemlich voll, und Mark Lanegan sorgte mit seinen schlechtgelaunten Songs sofort für gute Stimmung.

Zwar konnte man sein Gesicht nur erahnen, die Gestalt wurde meist von hinten mit schummrig rot-blauem Licht angestrahlt, doch an der tiefen Stimme erkannte man den Schmerzensmann jederzeit. Wie Gebete an einen gemeinen Gott wirkten seine Lieder, die Schwermut schwappte über die Bühne, und dabei hatte der Auftritt nichts Schleppendes, eher etwas Erhebendes.

Mehr Kraft, als die letzten Alben vermuten ließen – was auch der energischen Band zu verdanken war, vor allem der Schlagzeuger klang, als hätte er seit den seligen 80er-Jahren durchgetrommelt. Man könnte es Bluesrock nennen, wenn das nicht so nach Joe Bonamassa klänge.

Birgit Fuß

Billie Marten

Bei Billie Martens Auftritt auf der Alm-Bühne gibt es zunächst ein Sound-Problem: Die Stimme ist bei den ersten zwei Songs kaum auszumachen. Die britische Sängerin hat mit sanftem Neo-Folk-Gesang ungefähr zwischen Laura Marling, Lucy Rose und Phoebe Bridgers auf sich aufmerksam gemacht – eben diesen Gesang möchte man unbedingt hören.

Beim dritten Lied schält er sich dann aus dem Playback hervor, und dann ist es plötzlich da, das Billie-Marten-Gefühl. Marten ist kaum zwanzig Jahre alt, und die Jugend steckt in ihren Liedern, die manchmal fast unbeteiligt wirken, wie Nick Drake einst unbeteiligt wirken konnte, als wäre all das Singen nichts. Für die aktuelle Tour, die beim ROLLING STONE Beach endet, begleitet Marten sich selbst auf einer elektrischen Gitarre, dazu spielt ein Schlagzeuger. Ein Bass ist auch zu hören, aber man weiß nicht, woher er kommt. Es ist der Sound des aktuellen, zweiten Albums, bei dem Billie Marten auf ihre eigenen Stärken setzt; das Debütalbum war üppiger, studiotechnisch raffinierter.

Einige Songs weiter hinten im Set singt Marten zu einem Fingerpicking, dann ist die Stille betörend, nichts steht der nun schön hörbaren Stimme im Weg. Das besagte aktuelle Werk heißt „Feeding Seahorses By Hand“ und wirklich, Seepferde würden Billie Marten aus der Hand fressen.

Jörn Schlüter

Nico Ackermeier / www.facebook.com/honeymilkphotography
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Luc Coiffait


ROLLING STONE Beach, der Freitag: Surfen auf der Krone des Taifuns

The Specials Am Rande sah man ihn doch, den ausholenden Tanzschritt, den vorgebeugten Oberkörper, eine Bewegung, als würde der Tänzer auf der Stelle rennen. Vor 40 Jahren, als die Specials ihr von Elvis Costello produziertes Debütalbum veröffentlichten, war Skanking der Stil der Stunde; jetzt, vier Jahrzehnte später, erinnert das skankende Trio im Gedränge zwischen Bar und VIP-Tribüne im großen Zelt an den Überschwang, den die Specials von Coventry aus über die britische Insel brachten. Die zweite Welle des Ska rollte Ende der 70er wie ein Taifun durch die Clubs und die Specials surften auf der Krone. Es gab nie eine…
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