ROLLING STONE und MOVIES: Die 60 besten Soundtracks aller Zeiten

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ROLLING STONE und MOVIES: Die 60 besten Soundtracks aller Zeiten

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Ich freute mich darauf, dass er mir etwas Melodisches vorspielen würde“, sagte Steven Spielberg. „Aber John Williams“, und dabei streckte der Regisseur zwei Finger von sich, als wären es zwei alte Socken, „hämmerte mit diesen beiden hier einfach nur auf den tiefen Tasten herum, immer schneller.“ Spielberg sei damals in Lachen ausgebrochen. Dies sollte das Titelthema von „Der weiße Hai“ werden? Heute zählt diese Melodie von Williams zu den Klassikern der Filmmusik. Das Jagdmotiv verursacht noch immer Unwohlsein, mehr als 40 Jahre nach der Kinopremiere. Es ist ein Meisterwerk der Effektivität.

John Williams

Musik nimmt Einfluss auf die Beurteilung eines Geschehens. Sie verstärkt oder mildert ab, was wir sehen – sie manipuliert. Der Hai im Wasser wird schneller, weil der Takt es vorgibt. Klang und Bild formen dann gemeinsam unseren Eindruck, aus dem Erinnerung wird. Nichts verdeutlicht dieses Zusammenspiel besser als jener Film, den John Williams zitiert: Alfred Hitchcocks „Psycho“. Natürlich funktioniert die Dusch-Szene, in der Marion Crane von Norman Bates mit dem Messer gemeuchelt wird, auch ohne Musik – ein guter Film muss ja auch ohne Musik funktionieren. Aber die Messerstiche entfalten größeren Horror, weil der Komponist Bernard Herrmann sie mit Stakkato-Streichern illustriert. Als Leighs Blut Richtung Abfluss fließt, stößt der zähflüssige Klang eines Cellos hinzu. Als wäre es diese Gesamtheit aller Töne, die für den Tod verantwortlich ist und dann alle Spuren verwischt.

Und was ist nach Fertigstellung dieser weltberühmten Szene passiert? Es entstand ein tiefer Graben zwischen dem Regisseur und seinem Hauskomponisten. Hitchcock wollte den Duschmord ohne instrumentale Begleitung, wollte wohl nur die Messerstiche hören. Wäre „Psycho“ dann aber noch genauso gut geworden? Man mag nicht daran glauben. Der Wunsch nach Musik ist zu groß, das Wissen, dass sie Bilder einfach besser machen muss.

Manchmal macht einem das Gedächtnis auch einen Strich durch die Rechnung. Davor sind nicht mal die Musiker selbst gefeit. Als einen seiner größten Triumphe, gab Ennio Morricone zu Protokoll, betrachtet er die Anfangsszene von Sergio Leones Spaghetti-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ein Blutbad, so der Meister, zu den Klängen des „Man with a Harmonica“. Wir kennen die Mundharmonika-Melodie, das Problem aber ist: Sie taucht in jenem von Morricone zitierten Moment gar nicht auf. Der Beginn kommt sogar ganz ohne Score aus. Morricone hat sich falsch erinnert – aber die Musik ist derart eng mit dem Film verknüpft, dass man denkt, sie laufe darin in Dauerschleife.

MOVIES hat die 60 besten Soundtracks ausgewählt. Berücksichtigt haben wir solche, die aus überwiegend eigens komponierten Stücken bestehen, oder aus Adaptionen vorhandenen Materials (etwa Walter Carlos’ „Clockwork Orange“). Nicht mit eingeflossen sind Sampler längst veröffentlichter Hits („Pulp Fiction“, „Trainspotting“) sowie Scores, zu denen der Film eher ein Begleitwerk war – statt umgekehrt, wie es sich für einen Soundtrack gehört (wodurch Prince’ „Purple Rain“ entfällt). Alle Scores sind chronologisch geordnet.

Vom Winde verweht (1939)

Max Steiner

Die weltberühmte Schlussmelodie, Rhett verlässt Scarlett, sie bricht auf den Stufen der Plantage zusammen, wird irrtümlich als Liebesthema gehandelt. Sie ist jedoch dem Landsitz „Tara“ gewidmet – derart opulent war Steiners zweieinhalbstündiger Soundtrack: Sogar Gebäude wurden gewürdigt. Bei den Oscars 1940 waren zwölf „Original Scores“ nominiert, Steiner verlor gegen Herbert Stotharts „Zauberer von Oz“.

Fahrstuhl zum Schafott (1958)

Miles Davis

Regisseur Louis Malle betrachtete es als Coup, Davis für seinen Jeanne-Moreau-Film engagiert zu haben – für den Trompeter war es eine Auftragsarbeit, beendet nach zwei Tagen. Die fünfköpfige Band improvisierte zu einer Leinwandprojektion des Films. Bemerkenswert, wie Davis die Evolution des Jazz betrieb. Aus Cool Jazz wurde dieser frei flottierende Modal Jazz – der wiederum eine Vorstufe zum Free Jazz bildet.

Ben Hur (1959)

Miklós Rósza

Die Mutter aller epischen Scores, und mit mehr als drei Stunden Musik (bei einer Filmdauer von 212 Minuten) der angeblich längste Soundtrack aller Zeiten. Für sein Drama um einen gefallenen Prinzen, der sich als Sklave zurückkämpft, engagierte Regisseur William Wyler mit dem Ungarn Miklós Rósza den Top-Komponisten seiner Zeit, bekannt durch die Zusammenarbeiten mit Hitchcock und Billy Wilder.

Psycho (1960)

Bernard Herrmann

Die „legendäre Dusch-Szene“ müsste in jedem Handbuch für Filmmusik stehen: Herrmann setzte auf Stakkato-Streicher, akzentuierte Hitchcocks schnell geschnittenen Mord. Der Verdacht, die schrillen Töne seien elektronisch erzeugt, wurde entkräftet: Die Mikros waren dicht an den Instrumenten platziert. Hitch wollte die Sequenz ursprünglich ohne Musik, was zum Zerwürfnis zwischen Regisseur und Komponist führte.

Ausser Atem (1960)

Martial Solal

Die grandiose Irritation bestand darin, dass Godards auf Realismus angelegter Nouvelle-Vague-Pionierfilm überhaupt einen Jazz-Soundtrack erhielt, der eben weniger erzählerisch war, sondern sich selbst genügte. Pianist Solal, heute 90 Jahre alt, verlieh der pulsierenden Großstadtatmosphäre Paris’ mit seinem flirrenden Tastenspiel und zusätzlichen Streichern die passende Hektik.

West Side Story (1961)

Leonard Bernstein

Als musikalischer Direktor der New Yorker Philharmoniker war Bernstein die logische Wahl für die Leinwandadaption des Broadway-Hits. Der Film der Regisseure Robert Wise und Jerome Robbins ist populärer noch als die Bühnenfassung, Bernstein und sein Lyriker Stephen Sondheim engagierten dreimal so viele Musiker wie vorgesehen. Ein Orchester-Spektakel, als könnten Instrumente tanzen.

Lawrence von Arabien (1962)

Maurice Jarre

Jarre erhielt seinen ersten Oscar, und die Allianz mit Regisseur David Lean sollte zu weiteren Academy Awards („Doktor Schiwago“, „Reise nach Indien“) führen. Das Dreamteam bildete die Inspiration für Steven Spielberg/John Williams. Es steckte alles drin: die Weite, die Exotik, die Einsamkeit, das Wunder des Lebens. „Lawrence von Arabien“ begründete den Soundtrack als Naturgewalt.

Der rosarote Panther (1963)

Henry Mancini

Die Titelmelodie ist zwar dem Juwelendieb Phantom (David Niven) gewidmet – aber natürlich denkt jeder bei dem Lied, das samtpfotige Neugier mit Schock-Bläsern kontrastiert (Gefühl: ertappt!), an den Vierbeiner, der später in einer Comicserie verewigt wurde. Nebenbei etablierte Komponist Mancini seinen beispiellosen Symphonic Jazz mit Latino-Anleihen.

A Hard Day’s Night (1964)

The Beatles

So wie „Magical Mystery Tour“ (1967) steht das dritte Studioalbum der Fab Four für sich, wird auch ohne den Film (Regie: Richard Lester) gewürdigt. „And I Love Her“ und „Can’t Buy Me Love“ waren Hits, die Weiterentwicklung der Band zeigte sich im Titelstück, das die Beatle­mania beklagt. Harrisons legendärer Eröffnungsakkord steht für den Wahnsinn. Er klingt schief und irgendwie doch nicht schief.

Meine Lieder – meine Träume (1965)

Richard Rodgers

Natürlich ist „Edelweiss“ nicht die Nationalhymne Österreichs, aber Robert Wises ebenso verträumte wie politische Musicalverfilmung (sie behandelt den Anschluss des Alpenstaats an Nazideutschland) ist auch in der Popkultur angekommen. Björk verweist in „Dancer In The Dark“ darauf, Christian Bruhn erinnert mit seiner „Heidi“ daran. Rodgers „The Sound Of Music“ (Originaltitel) ist schönster Eskapismus.

Tanz der Vampire (1967)

Krzysztof Komeda

Er hätte der begehrteste Komponist Hollywoods werden können, doch der 37-Jährige verstarb 1969 an den Folgen eines Sturzes bei einer Party. Komeda stattete Roman Polanskis Blutsauger-Groteske mit diabolischen Chören aus, mit osteuropäischer Folklore, bei der sich alle Haare aufstellen – aber auch mit einer Hymne auf die schöne Sharon Tate („Sarah In Bath“).

Spiel mir das Lied vom Tod (1968)

Ennio Morricone

Die Melodie kennt wohl jeder, aber es ist der zweite Teil von „Man With A Harmonica“, der stilprägend wurde: Ein himmlischer, stolz marschierender Chor deutet die blutrünstigen Cowboys in glorreiche Kämpfer um. Das Antihelden-Motiv überdauerte den Spaghetti-Western, und wann immer etwa Tarantino seine Killer, die für ihn Erlöser sind, loslässt, hat er Morricone im Sinn.

In der Hitze der Nacht (1967)

Quincy Jones

Als Polizist, der in einer rassistischen Südstaatengemeinde einen Mord aufklären soll, erhielt Sidney Poitier, erster schwarzer Hollywood-Superstar, musikalische Unterstützung von Quincy Jones und im Titelsong von Ray Charles: „Stars with evil eyes stare from the sky …“. Eine Win-Win-Win-Situation, die Norman Jewisons Drama fünf Oscars einbrachte – aber keinen für die drei Afroamerikaner.

Bullitt (1968)

Lalo Schifrin

Neben John Barry galt Schifrin, heute 85, als der Mann für Agentenmusik. Mit „Mission Impossible“ und Peng!-Peng!-Orchester feierte der Pianist den Durchbruch, aber der Score zu Peter Yates’ Cop-Thriller war sein Meisterwerk. Spannungsgeladener Bläser-Zack, lauernder Bass, perkussives Dauerfeuer. Der Argentinier spielte ihn mit der WDR Big Band im Jahr 2000 neu ein.

Im Geheimdienst Ihrer Majestät (1969)

John Barry 

Barrys elf Bond-Scores sind allesamt spektakulär, dieser hier überwältigt durch den Mut, das Titelmotiv als rein instrumentale Mischung aus Band und Orchester aufzubereiten sowie durch Louis Armstrongs göttliches „We Have All The Time In The World“. Die anderen Stücke finden sich heute auf Cocktail-Jazz-Samplern sowie als Einspielmusik für Rocko Schamonis Shows.

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David Strick Getty Images
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