ROLLING STONE Weekender, der Samstag: Anna Calvi, Element of Crime, Motorpsycho und mehr


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Breeders-Auftritte leben ja immer von Stimmspielereien, komödiantischer Vokalakrobatik, und das zeigt sich in den neuen Songs des Albums „All Nerve“ genauso wie in den Klassikern der Ende der 1980-Jahre gegründeten Band. „Cannonball“ von 1993 war ihr größter Hit und erfolgreicher als jede Single derjenigen Gruppe, mit der Kim Deal eigentlich populär wurde, den Pixies. „Cannonball“ ist auch 25 Jahre später ein Wunderwerk aus Versatzstücken, von denen man nie glaubt, dass sie so gut zusammenpassen dürften: eine wie betrunken laufende Basslinie (dessen Melodie bis heute keiner kopiert hat) und jener verstörende Weckruf Deals, der an die Gesänge der Ewoks genauso erinnert wie an die der Palastwachen aus dem „Wizard of Oz“.

Kim Deal ist nicht mehr Bassistin wie bei den Pixies, sie spielt jetzt, wie ihre Schwester Kelley, Gitarre (Kims Mikroständer ist auch deutlich dichter am Ständer Kelleys platziert als an dem des zusätzlichen Saitenmanns Jim McPherson – sie sucht die Nähe zu ihrer eineiigen Zwillingsschwester). Aber sie verleugnet die Geschichte nicht. Die Breeders spielen die Pixies-Hymne „Gigantic“, eine der wenigen Kompositionen, die Deal damals bei Black Francis durchbrachte, und die heute noch jeder „Indie-Fan“ kennt.

In dem Song geht’s um große Penisse, und Kim Deal lacht beim Singen darüber noch immer.

Sassan Niasseri

Anna Calvi – des Wahnsinns schöne Beute

Anna Calvi

Der Andrang vor dem Baltic-Saal bedeutet unmissverständlich: Man muss Anna Calvi gesehen haben. Die Emotionskunst, hier wird sie Ereignis. Alles bei Anna Calvi ist Ausdruck: Sie spielt ihre Gitarre fast gewaltsam. Sie schmettert, sie jodelt, sie wispert, sie schreit. Sie steht vorn an der Bühne, sie kann nicht anders. Ein Keyboarder und ein Schlagzeuger genügen ihr für den Drang und die Verzierungen ihrer Musik. Es ist eine merkwürdige Dichotomie von Intimität und Bombast, sengendem Bekenntnislied und greller Oper, getrieben von den Trommelschlägen und immer zum Hymnus strebend.

Anna Calvi schüttet sich aus. Es liegt in der Natur ihrer Sache, dass die Songs sich zwischen Aufbruch, Ausbruch und Auflösung bewegen, ein Countdown zur Ekstase. Es gibt Gitarrensoli, aber es gibt keine Kontemplation. Das Expressive erinnert an die Brutalität der jungen PJ Harvey und an Diamanda Galas, das schwelgerische Pathos der Selbstentäußerung und das Theatralische des Gesangs an Jeff Buckley: Das Virtuose der Darbietung ist nicht Reittier des Songs, sondern die Sache selbst. Anna Calvi ist umwerfend, aber sie lässt keinen Raum zum Atmen.

Sie spielt die Songs ihres neuen Albums, „Hunter“, dessen Voraussetzung und Pointe ist, dass sie sich als Mann imaginiert. Es sind galoppierende Jagdgesänge: des Wahnsinns schöne Beute. Ihrem Auftritt eignet eine gewisse anmutige Klotzigkeit, etwas fast sportiv Spektakuläres. Wie von einem Würgeengel gepiesackt, treibt Anna Calvi ihren Gesang und ihre Gitarre zu immer neuen Höhen, bis der Reigen in einer Kakophonie der Erschöpfung endet. Der rückhaltlosen Atemlosigkeit des Vortrags entspricht seine Knappheit: Nach einer Stunde verbeugt sich Anna Calvi, seltsam konventionell und artig. Keine Ansagen, keine Animation, keine Anbiederung.

Eine vulkanische Erscheinung.

Arne Willander

Car Seat Headrest – Rockgott auf Socken

Car Seat Headrest

Martin von den Driesch
Kai Marks


Howlin' Wolf: Gefühl und Gefährlichkeit

Howlin' Wolfs fast überirdisches Krächzen auf "Smoke Stack Lightning" (1956) und "Back Door Man" (1961) faszinierte englische Bands wie die Yardbirds und die Rolling Stones ebenso wie Fogertys eigene Band Creedence Clearwater Revival: "Wir verfolgten seine Karriere so aufmerksam wie später die von Elvis und Buddy Holly." Wolfs wichtigstes Erbe ist eindeutig der Mix aus Gefühl und Gefährlichkeit, an den Sänger wie Fogerty heranzukommen versuchten. "Als ich Howlin' Wolf hörte", meinte der legendäre Sun-Produzent Sam Phillips, "wusste ich: ,Das ist meine Musik. Das ist der Ort, an dem die menschliche Seele niemals stirbt." https://www.youtube.com/watch?v=9Ri7TcukAJ8 GEBURTSTAG: 1o. Juni 1910 († 10.…
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