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Highlight: 20 Jahre ROLLING STONE: 20 ewig legendäre Orte des Pop

ROLLING STONE wird 20. Unsere Helden, Teil 15: Tom Waits

Eine Lieblingserinnerung: der Ort des Interviews zu „Real Gone“ (2004). Waits wartet in einer Kaschemme eine gute Stunde außerhalb von San Francisco, an einer Landstraße im Sonoma County, wo er mit seiner Ehefrau und Co-Komponistin Kathleen Brennan lebt. Das Lokal wird von einem zahnlosen deutschen Auswanderer geführt (an der Wand Hirschgeweih und Budweiser-Plakate) und wirkt wegen seiner skurrilen Schäbigkeit, als wäre es die Kulisse eines Waits-Songs. Waits redet von obertonsingenden ozeanischen Eingeborenen und ringt um Worte, um seinen künstlerischen Idealzustand zu beschreiben: eine Art Bewusstlosigkeit, ein intuitives Grapschen. Der zahnlose Wirt führt uns in die Küche, wo er einen fettverschmierten, von Christo handsignierten Bildband aufbewahrt: 1976 baute der Verpackungskünstler die 40 km lange Installation „Running Fence“ mitten durch seinen Garten in Sonoma County. Die Kunst und das fleckige Leben sind bei Waits immer nah beieinander.

Die Gespräche mit ihm sind schlicht ein Privileg: Bald jeder Satz trieft vor Kreativität und Inspiration, die aus Waits herauszulaufen scheint, als wäre er als Kind in einen Topf mit Zaubertrank gefallen. Die herrlichen Lügengeschichten – in seinem Garten haben Breschnew und Reagan den Kalten Krieg verhandelt, er kann Hühner hypnotisieren und hat als Kind eine Schere verschluckt (deshalb die zerkratzte Stimme) – gehören zu den Interviews, die zu einem guten Teil Stand-up-Performances sind, in denen der Frager seine Rolle möglichst gut spielen muss. Man will die absurden Anekdoten hören, weil sie witzig sind und weil Waits seine sonderbar schräge Welt durch sie erkennbar macht. Die Wahrheit, sagt der Künstler, werde weitgehend überschätzt. Doch diese Gespräche sind keine Show – der Performer und der Privatmann sind nicht streng getrennt, die Grenze verläuft fließend.

Mitunter bricht die Realität herein, zum Beispiel beim Treffen 2011: Ein Nachbar kommt an den Tisch und redet über einen Satz neuer Reifen. Kathleen ist am Telefon, weil Waits zu spät zum Essen kommt. Jetzt aber schnell. Waits, der immer auch an seinem Gegenüber interessiert ist, malt auf eine Serviette eine Art Beatnik-Trail durch San Francisco, wo der Journalist den nächsten Tag verbringen wird. Sehenswürdigkeiten: der City Light Bookstore, legendärer Treffpunkt der Beat Poets. Geschichtsträchtige Bars und Cafés wie Tosca, Trieste und Specs’, allesamt im Stadtteil North Beach. Und ein obskures Geschäft in Chinatown, in dem es laut Waits nur Dinge gibt, von denen man nicht weiß, wofür sie gut sind.



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