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Romane: Alle Bücher von Thomas Harris im Ranking

02. The Silence of the Lambs (1988, deutsch: „Das Schweigen der Lämmer“)

Bücher sind meist besser als ihre Verfilmungen, vielleicht gilt das selbst für die Kinofassung von „Das Schweigen der Lämmer“, die 1992 zu Recht, aber überraschend mit den fünf wichtigsten Oscars (Bester Film, Beste Regie, Bestes Drehbuch, Beste Hauptdarstellerin, Bester Hauptdarsteller) ausgezeichnet wurde.

Regisseur Jonathan Demme und Schauspieler Anthony Hopkins hatten die Figur des Hannibal Lecter verstanden, wie sie vielleicht kein Leser im Kopfkino sehen konnte: Der Serienmörder war nicht klassisch schön, er trug auch keine Brille. Er war besonnen, er war im erotischen Alter eines Fünfzigjährigen, der gerade noch kein Fett ansetzte. Vor allem war er undurchdringlich. Wenn er lächelte, bog sich die Lippenschnur nur leicht. Dass er im Kino wie Anthony Hopkins aussehen konnte, der kein A-Star war damals, das aber hätte keiner gedacht.

Er war auch kein kleiner Kasper, der vor allen Streiche spielen wollte, wie Brian Cox in der Rolle des Lecter aus Michael Manns „Roter Drache“-Verfilmung von 1986. Aus ihrer Figur der Clarice Starling machte Jodie Foster wiederum eine FBI-Schülerin, die nicht ganz so sehr Büffelnde im Wohnheim war, wie die aus Harris’ Roman („Mr. Crawford, bitte schicken sie mich nicht in die Schule zurück“). Auch sie hatte viele Fragezeichen im Gesicht, war aber patenter als alle anderen Cops.

„Das Schweigen der Lämmer“ ist also nicht besser, aber heute berühmter als seine literarische Vorlage. Und doch ist Thomas Harris’ Erzählung, die vor 31 Jahren erschien, eine unabdingbare Lektüre. Lecter ist darin, viel konkreter als auf der Leinwand, ein Vater. Starling eine Tochter. Erst im Roman verstehen wir auch die Abscheulichkeit des Gefängnisleiters Dr. Chilton, verstehen wir die Melancholie des Beamten und baldigen Witwers Jack Crawfords, für die in 138 Filmminuten weniger Raum war. Schade nur, dass der flüchtende Chilton im Nachfolger „Hannibal“ erfolgreich im Verborgenen bleiben darf, und an dessen Stelle des Scheusals der FBI-Mann Krendler trat. So mies war Krendler in den „Lämmern“ noch gar nicht.

Und der Käfig, der Kubus aus Stahl, in dem Lecter in der Mitte eines Raumes gefangen gehalten wird, jener wie ein Altar herausgeputzter, perfekt ausgeleuchtete Käfig, danach aus unzähligen Serienmörder-Filmen (oder im Bond-Vehikel „Skyfall“) bekannt – von dem gab es auch in diesem Werk zum ersten Mal zu lesen. Das Gehege wurde zum Prototypen für Film-Räume, die klar machen sollten, dass ihr darin Gefangener der gefährlichste Bösewicht der Welt ist.

Rache für den Vater

„Clarice schläft tief, im Schweigen der Lämmer“, heißt es am Ende. Jame Gumb alias Buffalo Bill ist tot, sie hat ihn gekriegt, Hannibal Lecter lieferte den entscheidenden Hinweis. Mit dem abgeschlossenen Fall hat die FBI-Agentin, scheint es zunächst, ihr Kindheitstrauma abgelegt. Damals wurde ihr Vater, ein Wachmann, der es nicht zum Cop geschafft hatte, von Junkies auf seiner Patrouille erschossen. Er zog nicht schnell genug, die Waffe hatte sich verheddert. Ein trauriger Tod. Nach Ansicht Hannibals ein peinlicher Tod.

Als Starling Jahre später Buffalo Bill erledigte, steckte dahinter der Wunsch, ihr Vater hätte das getan.

Roman und Film betreiben eine oberflächliche Psychoanalyse (Psychoanalyse ist eine „tote Religion“, findet Lecter). Wahrscheinlich ist das auch richtig, denn Ursachenforschung zerstört den Zauber des Bösen. Wenn „Hannibal“ die italienische Abenteurer-Geschichte ist und „Hannibal Rising“ das Pulp-Drama mit den SS-Kollaborateuren, ist dieses Buch ein Kammerspiel. Es sind die Recherchen, die die Ermittler auf die Spur führen, die vielen Gespräche. Das „Schweigen“ behandelt das „wie kommen wir zur Lösung?“ – die zwei Folgeromane, „Hannibal“ und „Hannibal Rising“, ein „Wie kommen wir aus dem Schlamassel raus?“

Hannibal Lecter liebt Clarice

„Das Schweigen der Lämmer“ liefert auch eine Notiz, die mit Blick auf Roman und Film oft in den Hintergrund gerät: Dass schon der Titel die Suche nach Frieden in den Mittelpunkt rückt, von der Stille keine Bedrohung mehr ausgeht. Denn das Schweigen der Tiere auf der Farm Clarice‘ Vaters ist nicht auf deren Schlaf zurückzuführen, sondern auf ihre Schlachtung. Der Titel beschreibt eine Ruhe, der Tötung voranging.

Die Liebesgeschichte, die im nächsten Harris-Roman, „Hannibal“ elf Jahre später, ihren Anfang nimmt, wird hier schon angedeutet. Nach seiner Flucht teilt er Starling den Aufenthaltsort nicht mit, er schreibt nur: „Einige unserer Sterne sind dieselben.“ Starling wehrt sich noch, denkt, ihr Überleben hängt mit der Tatsache zusammen, dass Hannibal sie noch nicht langweilig genug fände.

Sie weiß nicht, was Hannibal für sie empfindet, weil er sie, den „Bauerntrampel“ zunächst verletzen will. „Quid Pro Quo“, die berühmte Dialogzeile aus dem Film, die im Roman nicht existiert: Ich sage Dir etwas über mich, Du dafür etwas über Dich. Aber die letzten Worte vor dem Nimmerwiedersehen, die die zwei aneinander richten, Lecter sitzt da noch in seiner Zelle, sind: „Danke, Clarice“ – „Danke, Dr. Lecter“. Harris hätte den Welterfolg dieser Beziehung im Entstehungsjahr des Romans 1988 sicher nicht absehen können – und dass Agentin und Killer sich für den Fortsetzungsroman „Hannibal“ noch einmal sehen werden.

Wie Thomas Harris, 78, zur Psychiatrie steht, ist wenig erforscht. Seit Jahrzehnten hat er kein Interview mehr gegeben. Vielleicht spricht Dr. Lecter aus ihm, wenn der seine Abneigung gegenüber jeglicher Forschung zum Ausdruck bringt. Im Roman wird das noch deutlicher als im Film. Lecter ist ein Mann, für den die individuelle Bewertung zählt, so viel steht fest, vor allem, wenn er selbst untersucht werden soll: Wer ihn zur reinen Messdatum machen will, bekommt ein Problem. Qualitative Analyse ja, quantitative nein.

Daraus entstand, in abgewandelter Form, eines der berühmtesten Zitate des Kinos: „Einmal hat mich ein Volkszähler zu quantifizieren versucht. Ich habe seine Leber mit Faba-Bohnen und einem großen Amarone verspeist. Gehen sie zurück in die Schule, kleine Starling.“ Für Clarice sind psychologische Unterteilungen von Menschen fundamental, für ihn natürlich simplifizierend.

Lecter hasst den Behaviorimus, die Grundannahme, dass Verhalten erlernt ist. Er glaubt an das gegeben Gute und an das gegeben Böse. Wer den jungen Hannibal Lecter aus Harris’ letztem Buch „Hannibal Rising“ kennenlernt, kann dessen Glauben an Determinismus kaum nachvollziehen. Es sind seine furchtbaren Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, die ihn prägen, das steht außer Frage. Thomas Harris hat hier entweder die Geschichte des späteren Kannibalen umgeschrieben – oder die Figur seines mörderischen Psychiaters verdrängt hier etwas. Was die Kriegswaise aber auf jeden Fall früh lernte: Es gibt keinen Gott. Als Erwachsener sammelt Lecter Berichte über Kircheneinstürze, bei denen die Gläubigen unter Schutt begraben werden. Für ihn die perfekte Ironie.

Harris verführte seine Leser wie wenige Autoren vor ihm, er schaffte Sympathien für eine Bestie, weil die Bestie half eine anderer Bestie zu erledigen. Lecter unterstützt Starling. Aber unser Mitgefühl für Hannibal Lecter hing auch mit dessen unfassbarer Intelligenz zusammen. Man ertappt sich beim unangenehmen Gedanken, wie schade es doch ist, dass ein Genie weggesperrt wird (auch, wenn es in der Geschlossenen gelegentlich noch den einen oder anderen wissenschaftlichen Artikel verfassen darf).

Penis eingeklemmt

Harris’ Serienkiller sind oft Menschen mit einer von der Mehrheit abweichenden Sexualität. Zu Recht wurde er für seine gelegentlich sensationsheischenden Darstellungen kritisiert (manchmal baut auch der deutsche Verlag Mist, in „Red Dragon“ wurde aus dem Mörder-Spitznamen „Tooth Fairy“ die „Zahnschwuchtel“). Im „Schweigen der Lämmer“ ist Jame Gumb ein Mann, der sich eine Geschlechtsumwandlung wünscht. Er tötet Frauen und häutet sie, weil ihm die Operation verweigert wurde.

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Aus Jonathan Demmes Verfilmung ist vor allem die Szene im Gedächtnis geblieben, in der Gumb (Ted Levine) sich vor dem Spiegel aufbaut, seinen Penis zwischen den zusammengepressten Beinen versteckt, so tut, als sehe man nur eine Vulva, und zu den Klängen von „Goodbye, Horses“ tanzt („Clerks 2“ zeigt später eine Parodie davon, und den verstörenden Effekt, einen harmlosen Popsong mit Gewalt zu kontrastieren, haben später Tarantino und David Fincher genutzt).

Harris gibt sich Mühe, Transsexuelle nicht zu stigmatisieren. Am Ende lässt er Ärzte vernünftig sprechen, wissenschaftliche Fachzeitschriften berichten über Gumb, und in keinem Fach-Artikel tauchten Wörter wie „verrückt“ oder „böse“ auf. Ein Mediziner bespricht mit Starling Einwände, Gumbs gestörte Psyche überhaupt mit Transsexualität in Verbindung zu bringen.. Etwas steif, fast zum Mitschreiben, formuliert er Forschungsergebnisse: „Dies sind anständige Menschen mit einem echten Problem. Ein Zusammenhang zwischen Transsexualität und Gewalttätigkeit ist mir bisher noch nie untergekommen.“

Das Haus als Struktur der Psyche

Jame Gumb bleibt etwas im Verborgenen, im Roman wie im Film, Harris und Regisseur Demme wussten, dass die Figur des Hannibal Lecter das größere Spektakel bietet. Die letzten Worte des sterbenden Gumb sind so faszinierend wie unangenehm, er flüstert Starling zu, „Was ist es für ein Gefühl so schön zu sein?“

Gumb hat sich in einem dunklen, Labyrinth-artigen Haus eingerichtet, in dem er seine Opfer stundenlang jagen kann. Das Anwesen ist, ähnlich wie in Hitchcocks „Psycho“, wie ein Gebilde von Freud eingerichtet. Es gibt das obere Stockwerk („Über-Ich“, die Mutter), das Erdgeschoss („Ich“) und den Keller, wo buchstäblich die Leichen liegen (das „Unbewusste“). Mit jedem Mord wächst sein Selbstvertrauen. Seine Bedürfnisse will er irgendwann nicht mehr in den entlegenen Bereichen seines Kellers befriedigen.

In der heutigen Zeit des Deep Web bzw. Dark Net gibt es Foren für jede Art kriminellen Tuns, aber 1988 waren Geheimbünde wahrscheinlich schwieriger zu organisieren. Es ist eine Kunst, wie Thomas Harris, quasi beiläufig, von den Gleichgesinnten Gumbs berichtet, die seine Hautkostüme bewundern: „Er weiß von Orten, Kreisen, wo seine Bemühungen sehr bewundert würden – es gibt gewisse Jachten, auf denen er sich herausputzen könnte.“

Als Vorbild für Hannibal Lecter, schrieb Harris in einem Vorwort zur Neuauflage von „Das Schweigen der Lämmer“ 2013, seiner ersten schriftlichen Notiz zum eigenen Werk seit vielen Jahren, diente ein in Mexiko inhaftierter Arzt Namens Dr. Salazar. Harris lernte ihn im Gefängnis während seiner Arbeit als Gerichtsreporter kennen. Zu Salazar notierte er eine poetische Beobachtung, die auch in die Beschreibung Lecter einfloss, seine „Augen sind kastanienbraun, und sie reflektieren da Licht in Nadelspitzen aus Rot. Manchmal scheinen die Lichtpunkte wie Funken in sein Innerstes zu fliegen.“

Es ist unklar, wie weit Thomas Harris mit seinem Hannibal planen wollte, aber das Ziel seiner Flucht wird vielleicht schon sehr früh im Roman verraten, im ersten Kapitel. Der Doktor will zu seinem Sehnsuchtsort.

In seiner Zelle blätterte er in der „Vogue“, der italienischen Ausgabe.

01. Hannibal (1999)

Ist Ridley Scott ein guter Regisseur? Finden nicht alle, der Autor dieser Zeilen eingeschlossen. Aber in seiner filmischen Umsetzung von „Hannibal“ hat Scott zweifelsohne vieles richtig gemacht. Er hat Harris‘ Humor verstanden. Beim Namen Hannibal denkt doch heute keiner mehr an den Feldherrn, sondern an den Kannibalen. Dieser Hannibal ist ein Popstar geworden. Ein Jet-Setter. Ein Abenteurer, ein Held. „Das Schweigen der Lämmer“ war groß, die Verfilmung vielleicht noch größer – Scott und sein Hauptdarsteller Anthony Hopkins haben erkannt, dass sie den Thrill der „Lämmer“ nur übertreffen können, wenn sie Lecter larger than life machen.

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Und das ist ihnen gelungen. Wie ein James Bond, wie ein Indiana Jones reist Hannibal durch die Welt, quer durch Amerika, und anfangs in Italien. Er kennt keine Eile. Von New York aus schickt er Ausstellungs-Kataloge an seinen Cousin in Frankreich, den „berühmten Maler Balthus“, und mit dieser Nebensächlichkeit in Harris‘ Erzählung wird uns überhaupt erst gewahr, dass es noch weitere Lecters auf dieser Welt gibt. Furchterregend.

Doch Hannibal reist nicht wirklich, erstmals wird er gejagt, auch wenn das keinen Einfluss auf sein Tempo hat. Der Multimillionär Mason Verger, sein ehemaliger Patient, will ihn schnappen. Der Doktor hatte ihn im Drogenrausch dazu gebracht, sich zu verstümmeln und seine Haut den Hunden zum Fraß vorzuwerfen. Jetzt ist er ans Bett gefesselt und erschrickt jeden, der ihn zum ersten Mal sieht, zu Tode.

Im „Hannibal“-Film verkörperte Gary Oldman den perversen Tyrannen Verger. Er lässt sich Kindertränen in seinen Martini mixen, die Kinder weinen ja, zuvor wurde den in seine Obhut gebrachten Kleinen erklärt, sie sähen ihre Eltern nicht wieder. Auch Oldman bewies Sinn fürs Absurde. Er, der in den Neunzigern gemeinsam mit Dennis Hopper das Feld des Overacting souverän besetzte, verschwand komplett hinter der Maske eines Monsters.

Der erste Teil des Romans, Lecters geheimer Aufenthalt in Florenz, Starlings Degradierung nach einem verpatzen Einsatz sowie die Planungen des Häschers Verger, zählen sicher zum Atemberaubendsten, was Harris bislang zur Papier gebracht hat. Hannibal, einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt, befindet sich natürlich am Ziel seiner Träume, in der italienischen Kunstmetropole. Er tarnt sich als „Doktor Fell“, Kurator der Capponi-Bibliothek, der erste Ausländer, der den Job über – mörderische – Umwege bekommen hat, und nebenbei ein herausragender Pianist, dessen Töne nachts durch den Wohnpalast in die Nacht schallen, über die leeren Kopfsteinpflaster hinweg. „Hier hat er seinen Frieden gefunden, den er sich bewahren will“, beginnt einer der so vielen grandiosen Beschreibungen. „Er hat während seines Aufenthalts in Florenz kaum jemanden getötet, sieht man einmal von seinem Vorgänger ab.“

Harris gibt sich keine Mühe, seinen Stolz auf einen der berühmtesten Bösewichte der Popkultur zu verbergen. Hannibal, der Superheld: „Sein Ego, ebenso wie sein Intelligenzquotient und der Grad seines Denkvermögens entziehen sich herkömmlichen Bewertungskriterien. Innerhalb der Analytikerzunft herrscht nicht einmal darüber Übereinstimmung, ob Dr. Lecter überhaupt als Mensch zu bezeichnen ist.“

Man kann sich leicht vorstellen, wie viel Spaß Thomas Harris bei seinen Recherchen in Florenz gehabt haben muss, wie er, aus schamlos touristischer Perspektive, in jeder verwinkelten Gasse einen romantischen Mord vermutete. Wir wissen augenblicklich, wer „Dr. Fell“ ist, erkennen Lecters Gang, seine Größe, seine Art zu sprechen, doch Harris gönnt sich den Luxus, ihn als „Dr. Lecter“ erstmals auf Seite 157 (deutsche Übersetzung) vorzustellen.

Hannibal spielt mit uns. Alle seine Jäger scheitern an ihm, dreckige Kleinkriminelle, und zum obersten Kleinkriminellen wird ausgerechnet ein Florentiner Kommissar selbst, der dreckigste Methoden anwendet, und den Harris mit jener – verhängnisvollen – Motivation ausstattet, die so viele seiner Figuren prägt: der Wunsch, der Beste seines Stammbaums zu werden, eine Familienschuld zu tilgen, die Unvermeidbarkeit einer bestimmten biografischen Entwicklung entgegenzuwirken.

Opfer für Scheitan

Inspektor Pazzi also identifiziert Dr. Fell als Dr. Lecter, aber er kommt nicht an ihn heran. Harris bedient sich auf wunderbare Weise jenen mit Italien verbundenen Klischees um Mafia und Katholizismus. Pazzi wird verflucht, weil er den Tod eines Diebes verschuldet, den er auf Lecter angesetzt hat. Die Zigeunerin Esmeralda weiß von dieser Schuld. „Mit Augen so schwarz wie Kalamata-Oliven schaute sie ihm tief in die Augen. ‚Du hast Gnocco Scheitan geopfert‘, sagte sie ruhig. ‚Gnocco ist tot‘. Esmeralda beugte such ungelenk nach vorn, als beugte sie sich über ein Huhn auf dem Hackbrett, und spuckte voller Inbrunst auf Pazzis Schatten.“ Ein Satz scheinbar wie aus einem Dreigroschen-Roman, einer Räubergeschichte wie von Karl May und auf dem falschen Kontinent, und doch irgendwie einer der vielen unsterblichen Beschreibungen in diesem großen Märchen.

Doch geht es nicht wirklich um Pazzi. Wer beherrscht hier eigentlich wen, Hannibal Clarice oder Clarice Hannibal? Harris lässt uns selbst laut denken, wenn er den wohl lustigsten Satz dem wütenden und ungeduldigen Mason Verger in den Mund legt. Der Lecter-Jäger will Ergebnisse sehen und berät sich mit seinem Profiler: „Dr. Doemling, will er mit ihr vögeln oder sie töten, oder will er sie fressen oder was?“ Alles drin, was die Beziehung zwischen Killer und Agentin ausmacht.

Es ist aber etwas komplizierter als das, es gibt keine einfachen Antworten. Hannibal hofft in der FBI-Agentin seine im Kindesalter verstorbene Schwester Mischa wiederzufinden. Das Mädchen wurde im russischen Winter des Zweiten Weltkriegs von verhungernden Nazi-Kollaborateuren aufgegessen, der junge Lecter konnte ihr nicht helfen.

Mischa, eine Hauptfigur im späteren Roman „Hannibal Rising“, kommt hier erstmals vor (was dem Gerücht widersprechen würde, Kino-Produzent Dino de Laurentiis hätte Harris indirekt zu einer Fortsetzung gezwungen, vielmehr schien Hannibals Lebensgeschichte schon ausgelegt). Es sind die Momente der Gedanken an die Schwester, die Hannibal menschlicher machen. Er wacht, eine seltene Darstellung seiner Gefühle, nachts schreiend aus dem Schlaf auf, und „Mischa“ ist auch sein einziges Wort, als ihn der Narkosepfeil von Vergers Häschern trifft.

Wie realistisch ist es, dass der große Analytiker Hannibal Lecter aufgrund eines Kindheitstraumas versucht, die Vergangenheit ungeschehen zu machen, indem er aus Clarice Starling Mischa macht? Man muss sich auf solche Fantastereien einlassen können. Clarice weiß, dass er sie vielleicht nur am Leben lassen wird, solange er dieser Illusion hinterher hängt, und sie nutzt ihre Chance, ausgerechnet, indem sie einen angeblichen Ödipuskomplex anspricht: „Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, dass Sie die Brust ihrer Schwester überlassen mussten? Diese hier brauchen Sie nicht aufzugeben“, und zieht sich dann aus. Starling hat sich zwei Vorteile gegenüber dem Biest herausgearbeitet. Unvorhersagbarkeit und Selbstständigkeit.

Gerüchten zufolge wollte Jodie Foster, die Starling in „Das Schweigen der Lämmer“ verkörperte und dafür einen Oscar bekam, aufgrund brutaler Gewaltszenen nicht in „Hannibal“ mitspielen. Aber es dürften auch diese Implikationen verbotener Sexualität gewesen sein, die unbehaglich waren.

Zeit zurückdrehen

Es ist ein Zeichen Hannibals großer Schwäche, aber auch ein Motor seines Lebens: der Wunsch, die Schwester zurück ins Leben zu rufen. Er studiert die String-Theorie und die Quantenphysik, will die Umkehr des Zeitpfeils, zurück zur Klärgrube in Litauen, wo die ausgeschissenen Milchzähne des Mädchens Mischa liegen. Vielleicht muss man Theoretischer Physiker sein, um Sinn oder Unsinn von Lecters Gedanken zu verstehen, aber vertrauen wir mal den Recherchen Harris‘, dass zumindest die Theorien nur etwas mehr sind als Fantasie.

Lecter möchte an Stephen Hawkings Idee glauben, dass das Universum aufhören könnte sich auszudehnen und sich stattdessen zurückentwickelt, dass Hannibal seine Mischa also wieder in die Arme schließen kann, weil die Vergangenheit zurückkehrt. Lecter demonstriert das an der am Boden zerschellenden Tasse. Eben noch heil, dann in etliche Stücke zersprungen – die „Zunahme von Unordnung oder Entropie ist das, was die Vergangenheit von der Zukunft unterscheidet, indem sie der Zeit eine Richtung gibt.“

Aber es sind nicht nur Hannibal und Clarice, denen Thomas Harris in seinem – chronologisch betrachtet – letzten Lecter-Roman einen gebührenden Abschied schenkt. Der Mentor der FBI-Agentin, Jack Crawford, ist gemeinsam mit dem Kannibalen die dienstälteste Figur im Kosmos des Schriftstellers, von Hannibal verhöhnt, von Clarice oft bedauert, und wie Lecter seit dem „Roten Drachen“ dabei. Crawford ist ein nachdenklicher Bürokrat, stellt sein Licht unter den Scheffel, Starling muss es daher für uns alle noch einmal verbalisieren: Crawford hat die legendäre FBI-Abteilung für Verhaltensforschung (gehuldigt aktuell in der David-Fincher-Serie „Mindhunters“) aufgebaut.

Crawford ist nur ein Besucher in dieser Horror-Welt voller Kannibalen, Haut-Überstülper und Schlächter, er lebt nicht in ihr. Er ist der Mann, der am Abend nach Hause geht. Am Schluss ist Crawford Witwer geworden. Als er sein eigenes Ende kommen sieht, den nächsten Herzinfarkt, trifft er die berührende Entscheidung. „Statt einen Krankenwagen zu rufen und alles noch einmal durchzumachen, suchte er einen Trost darin, dass er sich auf die Seite des Bettes rollte, wo früher seine Frau gelegen hatte.“

… und Hannibal Lecter bleibt nicht zu fassen. Warum hat es keiner geschafft ihn zu besiegen? „Indianer kennen keinen Schmerz“, heißt das Sprichwort, aber manchmal tut es auch der Gedanke an den Gedächtnispalast, der alles ausblendet. Was wurde Ende der Neunziger im Feuilleton, sogar von Harald Schmidt, über diese Konstruktion diskutiert!

Auf den Gedächtnispalast, einer Mnemotechnik, greift Lecter nicht nur zurück, um sein gigantisches Wissen jederzeit abzurufen (bei ihm ist das Gedankengebäude so groß wie der Topkapi-Palast), er hilft ihm auch, Schmerzen zu unterbinden. Unter härtester Folter kühlt er sich die Stirn am imaginierten, kühlen Stein einer Statue im Palast. Sein Geist besiegt den Körper.



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