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RÜCKSEITIG BETÖREND


von

01 THE BEACH BOYS: „Don’t Worry Baby“, 1964

Die feinsten drei Minuten der Beach Boys ventilieren Zweifel und Angst. Während auf der A-Seite, „I Get Around“, die Sonnenseite jugendlich-automobilen Zeitvertreibs gefeiert wird, draufgängerisch und leichtsinnig, bereut Brian Wilson auf der Rückseite, dass er sich zu einem Rennen herausfordern ließ. „I keep thinking something’s bound to go wrong“, zagt er, umfangen von hinreißenden Harmonies zur allerschönsten seiner Melodien. Stoff genug für einen Roman oder Film, ein Drama in zwei Akten, eins spannender als das andere:
eine Single, zwei grandiose Meisterwerke.

02 THE ROLLING STONES: „Play With Fire“, 1965

Eine Warnung an die Geliebte aus der High Society und nebenbei Sittengemälde einer Klassengesellschaft, die der junge Mick Jagger verachtet und verhöhnt, in Wort und Tonfall. Verwöhntes Mädchen, Mutter stinkreich, vom Vater verlassen und ausgenommen: „Now she gets her kicks in Stepney, not in Knightsbridge anymore.“ Auch wer vom enormen Wohlstandsge- fälle zwischen diesen Stadtteilen Londons nichts weiß, bekommt hier eine Ahnung davon. „Play With Fire“ war ein früher, ja frühreifer Song von Jagger/Richards, abgenabelt vom Blues, beinahe balladesk, mit Harpsichord, aber natürlich ein Millionseller dank der A-Seite, „The Last Time“.

03 CLIFF RICHARD & THE SHADOWS: „Dynamite“, 1959

Das mediale Urteil über den 17-jährigen Cliff Richard und seine an Elvis geschulten TV-Auftritte war einhellig. Der „NME“ erkannte auf „schändlichen Exhibitionismus“, die „Times“ sah die „Moral unserer Jugend“ gefährdet, und die anglikanische Kirche forderte gar Verbote. Ein Jahr später hatte sich die Aufregung gelegt, Cliff war nun „Britain’s Golden Boy“, Rock’n’Roll wurde auf B-Seiten verbannt. Wie „Dynamite“, die Flipside von „Travelling Light“, mit den Shadows in stupender Form und einem Song, der in zwei Minuten den Höhepunkt erreicht, zu orgiastischen Schreien und finalem Trommelwirbel.

04 WANDA JACKSON: „Funnel Of Love“, 1961

Es gibt ungezählte Songs, die das Verliebtsein als Ohnmacht beschreiben, als süße Umnachtung, als Selbstauslieferung, aber wohl keinen, der sich so willenlos ins Unvermeidliche fügt. „My mind is blank“, gibt sich Wanda Jackson dem Sog des Schicksals hin, hineingezogen wie in ein Schwarzes Loch. „It’s such a crazy, crazy feeling“, seufzt sie, „I get weak in the knees, my poor old head is reelin’.“ Man möchte ihr in den Trichter folgen, nicht nur der Worte wegen, sondern auch weil dieses Wunderwerk aus entwaffnender Melodie und musikalischer Perfektion kaum eine Wahl lässt. Die A-Seite, „Right Or Wrong“, ist nebensächlich.

05 SAM COOKE: „A Change Is Gonna Come“, 1964

Nichts gegen „Shake“, die Midtempo-Soulnummer wird ihrem Zweck durchaus gerecht als Anleitung zum Tanz sowie als Charts-Garant. Doch war es die B-Seite, die Sam Cooke unsterblich machte, oft gecovert und ein Fanal des Aufbruchs in den Annalen der Bürgerrechtsbewegung. „I just need some comfort/ Some kind of belief/ That this war we’re fighting/ Can really bring some peace.“ Ein Song von immenser politischer Bedeutung mithin, aber auch ein Track von großer musikalischer Überzeu- gungskraft, aufwühlend gesungen und fantastisch orchestriert. Cooke selbst überlebte das Jahr nicht, er wurde Ende ’64 erschossen.

06 MARIANNE FAITHFULL: „Sister Morphine“, 1969

Das Original, geschrieben von Jagger/Faithfull/Richards und ursprünglich die Flip von „Something Better“. Es hing sehr viel ab vom Erfolg dieser Single, die Sängerin war seelisch angeschlagen, ein Hit hätte ihr Auftrieb gegeben. Jagger selbst übernahm die Produktion, das Echo war überaus positiv. Bis bei Decca die ersten Beschwerden besorgter Bürger eingingen bezüglich des rückseitig fatalistisch besungenen Drogensiechtums; das Label zog die Single aus dem Verkehr.

07 THE EVERLY BROTHERS: „I Wonder If I Care As Much“, 1957

Don und Phil Everly waren 20 und 18 Jahre alt und gerade der High- school in Tennessee entwachsen, als sie die Chance erhielten, eine erste Single für Cadence aufzunehmen. „Bye Bye Love“ vom erfolgsverwöhnten Songwriter-Gespann Felice und Boudleaux Bryant wurde ihnen zugeteilt, es brauchte aber noch einen Song für die B-Seite. Die Zeit drängte, also schlugen die Brüder einen Schuld-und-Sühne-Tearjerker aus eigener Feder vor mit der Anfangszeile „Last night I cried myself to sleep“. Die Recording-Session dauerte keine zwei Stunden, doch selten danach klangen ihre brüderlichen Harmonies so innig verwoben, nie besser.

08 SCOTT WALKER: „The Plague“, 1967

Die gloriosen Jahre mit den Walker Brothers schienen endgültig vorbei, Scott Walker veröffentlichte seine erste Solo-Single seit den frühen Sixties, damals noch als Scott Engel. A-Seite war eine überaus schmissige Anverwandlung von „Jackie“ aus dem Fundus von Jacques Brel, zur B-Seite erkor der Ex-Amerikaner und Neoexistenzialist „The Plague“, eine eigene Komposition voller Bilder des Ekels und Entsetzens. „Flying towards me, wrapped in laughter/ A woman’s face, a terrible taste of the morning after kisses and goodbyes“, erinnert sich Scott mit Schaudern, derweil beiständige Mädchenstimmen schiefe La-la-las entbieten.

09 NICK LOWE: „Heart Of The City“, 1976

August ’76, Stiff Records, Bestellnummer BUY 1 und der Vorbote einer neuen Zeit, noch mit Pub-Rock-Flusen, schon mit Punk-Flausen. Nick Lowes Solo-Debüt-7′′ wartete auf der Vorderseite mit „So It Goes“ auf, ein patentes Stück Beat ohne viel Trad-Gepäck, doch war es die gehetzte Raserei auf der Rückseite, die mit ihrer absolut fettfreien Produktion Anlass zu schönen Hoffnungen gab. Nick „Basher“ Lowe ist brünstig, kommt aber selten zum Zug. „Maybe I’m in with a chance“, kalkuliert der Paarungswütige, „I hear a clickety-clack/ There’s a girl, my Lord/ I see her stop, check, turn and double back/ I’m looking for a lover in the heart of the city.“

10 ELVIS PRESLEY: „Blue Moon Of Kentucky“, 1954

Eine musikhistorisch wichtigere Single gab es nie. Nicht von ungefähr gelten die Sessions am 5. und 6. Juli 1954 in den Sun-Studios von Memphis als Geburtsstunde des Rockabilly. Eine Spontangeburt, zu der neben Elvis auch Gitarrist Scotty Moore und Bassist Bill Black ihren Beitrag leisteten. Blues-Veteran Arthur Crudup hatte „That’s All Right“ verfasst, die A-Seite der resultierenden Single, indes „Blue Moon Of Kentucky“ von Bluegrass-Pionier Bill Monroe einer anderen, weißen Traditionslinie entsprang. Die Legende von Mama Blues und Papa Country, die ein Baby zeugten und es Rock’n’Roll nannten: Hier bleibt sie lebendig, auf 45 rpm.

Text und Inhalt der Playlists wurden aus der aktuellen April-Ausgabe des Rolling Stone entnommen. 


EIN KLEINES STÜCK VERGANGENHEIT

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