Talentschuppen 2.0 – So war das Reeperbahn-Festival 2014

Manchmal, gerade zu nächtlichen Stoßzeiten, sind die feierseligen Besucher des Reeperbahn-Festivals von jenen aus aller Welt, die zum ersten Mal durch dieses buntschimmernde Disneyland Norddeutschlands flanieren, kaum zu unterscheiden – gäbe es nicht die üblichen Stoffbändchen, welche die bis zu 30.000 Besucher des Festivals unmissverständlich als Teilnehmer der größten Musiksause der Stadt kenntlich machen würden.

Auch in diesem Jahr kann das Reeperbahn-Festival, ein Amalgam aus Nachwuchs-Castingshow, Branchentreff und ausgedehnter, mehrtägiger Party mit Musikbeschallung, durch mehr als 400 Konzerte, höchstwahrscheinlich einen Besucherrekord verzeichnen – nicht zuletzt deswegen, weil man sich als überdimensioniertes Straßenfest versteht. Noch einmal 2000 Feierbiester und interessierte Musikliebhaber mehr als im letzten Jahr dürften angelockt worden sein. Nicht nur durch Headliner wie Clueso oder den Beatsteaks (die allerdings eher Geheimkonzerte gaben), sondern vor allem durch Hundertschaften kleinerer Bands, die noch auf ihren Durchbruch hoffen oder gerade ihre erste Platte unter die Menschen bringen wollen.

Die Berliner Sängerin Balbina ist eine von ihnen. Sie singt im uebel&gefährlich – einem der 56 verschiedenen Veranstaltungsorten im vierten Stock eines in der Nacht für Nichthamburger allerdings ziemlich übel und gefährlich aussehenden Betonbunkers – von Alltäglichkeiten wie der Möglichkeit, mit Seife Flecken wegzuwischen. Aber die Art, wie sie singt – von zwei Gitarristen und einem Schlagzeuger ziemlich leidenschaftlich und sichtlich vergnügt begleitet – ist hier die Sensation. In einem blühendweißen Kostüm, das am Bauch ausgeschnitten ist und sich dann doch als Kleid verweigert, fügt sie ihren mit tiefer Stimme intonierten Songs bisweilen komische, aber dramatische Stimmeffekte hinzu. Sie lallt, sie imitiert einen Kuckuck, verzerrt ein Keuchen, gluckst und singt: „Ich bin durcheinander – eigentlich zu jung um alt zu sein.“ Balbina spielt keine Musik, sondern führt im Grunde eine Theaterperformance auf. Als hätte René Pollesch Lena Meyer-Landrut durch eine Diskurspop-Maschine gejagt. Eine echte Entdeckung.

Im Anschluss zersägen Esben And The Witch aus Brighton alle Zweifel an der soeben dargebotenen melancholischen Kontemplation und zelebrieren von ihnen selbst als Nightmare-Pop bezeichneten Krach in technischer Perfektion. Immer wieder taucht die düstere Sängerin ab und werkelt an der Technik herum. Das Schlagzeug pulsiert, manchmal klingt es, als würden Portishead eine Liaison mit The Cure eingehen – und dann wird das Drumgewirbel von fiependem Feedbackgewitter eingeholt. Ohne Stroboskopeffekte sind diese Klagegesänge nicht zu haben.

Man fragt sich, wenn man an den unzähligen Ständen mit der üblichen Getränkeversorgung und ausreichender Verköstigung (passend zum Standort gibt es natürlich Fischbrötchen satt), aber auch einigem Kunsthandwerk wie selbst gestalteten Tour-Postern und T-Shirt-Bedruckung vorbeikommt, wie all die vielen Clubs und Konzertstätten im Konkurrenzdruck miteinander an gewöhnlichen Wochenenden existieren können. Sie befinden sich fast allesamt in unmittelbarer Nähe. Doch für einen Konzertmarathon wie das Reeperbahn-Festival ist das ein Segen.

Nur wenige Fußmärsche weiter und man befindet sich zum Beispiel in einem rotglasierten Clubraum namens Angies’s und lauscht der Songwriterin Gossling. Wenn Helen Croome, wie die Australierin eigentlich heißt, anfängt zu singen, schmunzeln alle. Schon Ihre Sing-Stimme reißt Rekorde auf der Piepsstimmenskala, doch ihre zuckrigen Ansagen („You Are Lovely, Guys!“) übertreffen das noch. Auch wenn die Sängerin etwas bieder daherkommt, singt sie herzallerliebste, von Folk infizierte, manchmal etwas pathetisch aufgeladene Love-Songs im Bubblegumpop-Kostüm. Dazu wippt sie am Keyboard hin und her.

Auf der Reeperbahn lassen sich im Sekundentakt musikalische Kontraste erleben. Am einfachsten lässt sich das fraglos genießen, wenn man sich als Besucher treiben lässt – von einem Ort zum nächsten, vielleicht sogar ohne vorher einen festen Plan zu haben. Sicher, das ist auch eine im Nachhinein abgerungene Stärke des Hamburger Musikfestes: Schließlich haben die Hansestädter ihr Event ganz am Ende des Festivalkalenders platziert, so kommen allerhand von Plattenfirmen als Geheimtipps gehandelte und rechtschaffen motivierte Bands zu Wort.

Triggerfinger sind solche mehr als motivierten Musiker. Sie spielen auf einem Showcase ausschweifenden Schweinerock am Rande zur Parodie. Der Sänger ist ein ausgemachter Stenz und wird begleitet von zwei nicht minder testosterongesteuerten Begleitmusikern. Der Bassist gleicht frappierend dem in die Jahre gekommenen Francis Black von den Pixies. Bekannt wurden die Belgier ausgerechnet mit einem Cover des Lykke-Li-Songs „I Follow Rivers“. Aber Triggerfinger haben ansonsten nichts mit der 28-Jährigen gemein. Sie schrammeln humorlos, posen, säuseln dem Publikum, das sichtlich entzückt ist, die Ohren voll. Und der Drummer legt ein furioses Solo hin, das gekonnt und zugleich lächerlich ist. Dass er dazu immer wieder Ansagen über das Mikrofon anbringt und dabei trotz des furiosen Getrommels kaum Luft holen muss, ist schon spektakulär. Ziemlich grauenhafte Musik – aber großes Tennis.

Die Beatsteaks spielen derweil ihr „Geheimkonzert“ und müssen mit dem Unmut der Fans rechnen – die Location ist schneller geschlossen als manch einer Einlass finden konnte. Nicht anders war es bei Kraftklub, die einen Tag zuvor ebenfalls mit einem Geheimgig (aber außerhalb des Festivals) Fans anlocken wollten und trotz allem nicht jedem gerecht werden konnten. Von musikalischer Überzeugungskraft, die bei den beiden Bands ja aus unterschiedlichen Gründen immer ein wenig schwankt wie eine Nussschale auf der Nordsee, ist da noch gar nicht zu sprechen. Dann eben ein Neuling wie Hozier. Der Ire veröffentlicht gerade sein erstes Album und will nicht mit Steppschuhen überzeugen, sondern etwas zu wohlig geratenen Mitklatsch-Blues (ja, so etwas gibt es!) zelebrieren. Der Sänger, umringt von einer tatkräftigen aber durch und durch unattraktiv daherkommenden Band, trinkt dazu Tee und verleiht den Melodien mit tiefer Stimme mehr Gewicht, als den Songs eigentlich zukommt. Könnte aber ein Erfolg werden, wenn man an den überraschenden Charts-Triumph von Blues Pills denkt.

Als Ersatz für die inzwischen dem Zahn der Zeit erlegenen Popkomm versteht sich das Reeperbahn-Festival auch als Treffpunkt, auf dem Musik-Afficionados, Audiophile, PR-Fachmänner, Plattenfirmenbosse (und ihre zahlreichen Mitarbeiter) sowie Musikjournalisten zusammenkommen. In Talkshows wird dann vom eigenen Beruf erzählt oder gleich in Konferenzen oder Workshops vom Eindruck einer erodierenden Musiklandschaft geplaudert. Man kann dann zum Beispiel über „Leadership In The Digital And Social Age – A Constant Beta Test“ nachdenken oder als Praktiker eine Antwort auf die Frage bekommen: „Agents, Bookers, Tour, Promoters – How Do I Take My Music On The Road?“ Wem das nicht genügte, der konnte auch in allerlei Galerien vorbeischauen, an einer Führung durch die zweitberühmteste Baustelle nach dem Berliner Flughafen, der Elbphilarmonie, teilnehmen – oder der Verleihung des Rocco Clein Preises beiwohnen.

Das Wochenende des viertägigen Musik-Events gehört naturgemäß den Fans – und die durften sich rund um die Uhr an Kürzestkonzerten von Bands aus jedem Winkel des Erdballs freuen. Im N-Joy-Reeperbus zum Beispiel gibt es auch zur Mittagszeit einen Gig nach dem nächsten. Da spielt die finnische Band Neøv drei Songs aus ihrem Repertoire, bedankt sich artig nach ihrem 15-Minuten-Auftritt und glänzt mit melancholischem Dreampop, schnittigen Trompetenklängen, Pfeifeinlagen sowie einem Sänger, der in seine Stimme mehr Sehnsucht hineninlegen kann als 20-30 andere, die unter dem Label Singer-Songwriter ihre offengelegte Brust dem Publikum entgegenhalten.

Auch Jesper Munk nennt sich nach dem in den letzten Jahren einfach gut verkäuflichen Begriff „Singer-Songwriter“. Aber der erst 21-Jährige hat sein ganz eigenes Verständnis davon. Das ZDF nannte ihn bei einem Auftritt „Deutschlands gehypten Blues-Act“ und selbst die BRAVO ist schon auf den irgendwie wie der junge Bowie aussehenden Münchner aufmerksam geworden. Mit seiner Band vereint er völlig unbekümmert Blues, Rock, Punk, Folk und was der Genrekatalog noch so herzugeben hat. Manchmal ist das in seiner durchaus schweißtreibenden Pointiertheit aufregend, oft aber textlich unreif („I love you/what more can I say/I need you darling/more and more every day“).

Als Kontrast dazu wirkt Judith Holofernes, inzwischen solo unterwegs, aber mit gut aufeinander abgestimmter Band, nicht gerade wie ein Jungbrunnen. Sie singt immer noch mit großer Neugierde und verschmitztem Humor vom Erwachsenwerden. (Angesagt wurde sie als „humorvolle, poetische, naive Sängerin“!) Dazu wird das Publikum zum Ententanz animiert, es darf klatschen, tanzen, herumalbern – und Holofernes singt ihre ganz eigenen Fassungen von Elvis-Costello-Songs. Man will nicht Schlager dazu sagen, weil es keiner ist und sowieso viel zu clever daherkommt, aber die eigentlich mit jedem Song vor allem auch auf der Bühne angerührte Kleinmädchenironie wirkt mit der Zeit ermüdend. Musik für die glutenfreie Generation. Und ja: Holofernes tritt natürlich im Blümchenkleid und mit Netzstrumpfhose auf.

Das Publikum zeigt sich auf der Reeperbahn doch sehr wählerisch. Manchmal geht es mit, lässt sich verzaubern, dann klatscht es höchstens gelangweilt und verlässt nach wenigen Songs den Raum. Das Festival fördert das Binge-Hören ja auch mit seinem kaum überschaubaren Programm. Das französische Indie-Popduo The Dø gehört aber zu den am meisten gefeierten Musikern auf der Reeperbahn. Streng genommen sind das natürlich keine Newcomer, in Frankreich standen sie schon auf Platz eins der Charts. Aber das das hält Olivia Merilahti und ihren multiinstruentalen Begleiter Dan Levy nicht davon ab, ausschließlich Songs von ihrer neuen Platte zu spielen. Die Sängerin kommt im stechend roten Ganzkörperanzug mit aufgesticktem Bandlogo auf die Bühne und wirkt wie ein cartoonesker Mix aus Jeunets Amélie und der altklugen Comicstrip-Figur Mafalda. Dazu macht sie Karate-Kicks und Schattenboxen auf der Bühne, von einem frenetisch klatschenden Publikum begleitet. Sicher – alles etwas sentimental und saccharingestärkt, aber rundherum sympathisch und trotz technischer Aussetzer in der Mitte des Gigs sehr tanzbar.

Glücksfall ist natürlich auch das vom Altweibersommer angetriebene Sonnenwetter. Es trägt dazu bei, dass allseits gute Stimmung herrscht und das sehr gemischte Publikum auf seine Kosten kommt. Zu den Indie-Girls und Hipster-Kids gesellt sich durchaus oft ein Weintrinkerpublikum, das interessiert bei einem Auftritt der neuseeländischen Rocker und Chartsstürmer von I am Giant mitwippen kann – auch wenn der Sänger wie wildgeworden über die Bühne hechtet und der Schlagzeuger wegen der Hitze in dem kleinen Club-Kabuff namens Kaiserkeller mehrmals Wasser über seinen nackten Oberkörper ausgießen muss.

So bleibt das Reeperbahn-Festival auch im neunten Jahr seines Bestehens ein Schauplatz irritierender Vielfalt, die erst einmal entdeckt werden will. Angelegt als Nachwuchs- und Club-Festival bedient es zu gleichen Teilen Musikfans und Branchen-Insider. Und in Hamburg ist man zu Recht stolz auf die Etablierung eines eigenen Talentschuppen 2.0.


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