Eric Pfeils Pop-Tagebuch

Tambourines und Schellenkränze oder Rasselnd durchs Leben


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Zugegeben: Häufig wird das Instrument als Verlegenheits-Accessoire von Sängern benutzt, die während längerer Instrumentalpassagen nicht so recht wissen, was sie mit ihren Händen anfangen sollen. Doch gibt es genug Beispiele für den ebenso euphorisierenden wie sinnstiftenden Einsatz des Percussiongeräts. Mein liebstes „tambourine“ ist jenes, das bei Bob Dylans „Like A Rolling Stone“ zu hören ist. Immer wieder schreiben Journalisten beieinander ab, wie immens historisch doch der Schlagzeugauftakt jenes Liedes, wie charmant Al Koopers Orgelspiel oder wie revolutionär der Text des Stücks sei. Alles Quatsch: It’s all about the Schellenkranz!

Es ist eine wahre Freude, nur diesem Instrument durch das Lied zu folgen. Gespielt wurde der Part von Bruce Langhorne. Langhorne ist ein interessanter Vogel: Mit sieben Jahren verlor er zwei Finger der rechten Hand bei einem Unfall. Das hinderte ihn nicht daran, ein vielgebuchter Gitarrist zu werden, der auf zahlreichen Folk-Platten der frühen Sechziger zu hören ist. Doch beim Saitenzupfen allein mochte er es nicht belassen: Sein Spiel auf der türkischen Rahmentrommel soll Dylan zu der titelgebenden Figur von „Mr. Tambourine Man“ inspiriert haben. Was er sich da bei „Like A Rolling Stone“ zusammenklöppelt, ist göttlich! Später komponierte Langhorne die Musik für einige Peter-Fonda-Filme; 1992 gründete er eine Firma für scharfe Saucen, deren Kassenschlager eine Tunke namens Brother Bru-Bru’s African Hot Sauce sein soll. Ich finde, wer bei „Like A Rolling Stone“ mit dem Schellenkranz gerasselt und später eine Sauce mit dem Namen Brother Bru-Bru’s African Hot Sauce ersonnen hat, darf sich für den Rest seines Lebens entspannt zurücklehnen und sich allein dem Sammeln von Fotos leerer Papierkörbe widmen, falls dazu vor lauter Zurücklehnerei noch zeit sein sollte.

Der Pokal für die anmutigste Handhabung eines Schellenkranzes on film geht aber klar an Davy Jones, den Leadsänger der Monkees, beim von Drummer Micky Dolenz gesungenen Hit „I’m A Believer“. Es ist hier nicht weniger als die Einswerdung von Künstlerkörper und Instrument zu bestaunen – man sollte sich das sofort irgendwo im Netz anschauen. Manche werden womöglich der Meinung sein, Jones’ Darbietung alleine spräche schon hinreichend gegen die Verwendung von Schellenkränzen. Ich nicht. Ich verehre diesen Mann.



Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Wiedergehörte 80er-Indie-Platten for young lovers

Folge 211 Jeremy Gluck with Nikki Sudden & Rowland S. Howard – I Knew Buffalo Bill (1987) https://www.youtube.com/watch?v=w-CbnCSSjQU&list=PLAZzd-mGlQ36htjCrN7xV9Sd5FHbVBwKB Sechs Jahre nach dem Ende seiner kurzlebigen Surf-Punk-Band The Barracudas konnte der kanadische Nichtsänger Jeremy Gluck für sein erstes Solo-Album eine illustre Unterstützerschar zusammentrommeln: Mit Nikki Sudden, dessen Bruder Epic Soundtracks, Rowland S. Howard und Jeffrey Lee Pierce wusste Gluck  die führenden Köpfe einer ultracoolen Indie-Clique hinter sich, die aufs Schönste im Niemandsland zwischen Noise-Blues, romantischem Rock’n’Roll und Post-Punk herumwilderte. Das „Wild Horses“-Gedächtnisgeschrammel Nikki Suddens trifft hier wiederholt auf Rowland S. Howards und Jeffrey Lee Pierce’ Noise-Blues-Exzesse – stets mit Gewinn, wie…
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