Telepathe: Tanz mit dem Nachbarn


von

Die Rockmusik wurde ihnen zu langweilig. Bis vor drei Jahren spielten Melissa Livaudais und Busy Gangnes noch in der Zwei-Gitarren-Bass-Schlagzeug-Band Wicked. „Wir wollten irgendwann mehr machen als nur Gitarre und Schlagzeug zu spielen, wir wollten alles machen und wie Produzenten arbeiten“, sagt Livaudais, die hoch gewachsene junge Frau mit dem schwarzem Pagenschnitt und klobiger Hornbrille. Ihre Mitstreiterin Busy Gangnes fügt hinzu: „Für Rock haben wir uns sowieso nicht interessiert, wir hörten damals viel lieber HipHop oder Chicago House.“

Umgeben von hunderten anderer Bands gründeten die beiden also mitten in New Yorks kreativstem Viertel Williamsburg/Brooklyn ihre Band Telepathe, beschafften sich Synthesizer, Drum-Machine und die unvermeidliche Audiosoftware Logic Studio. Ihre erste EP „Farewell Forest“, die 2006 beim kleinen Label Social Registry erschienen ist, haben die beiden an einem einzigen Tag in Gangnes Wohnzimmer aufgenommen. „Damals haben wir viel improvisiert und immer noch Gitarren verwendet, diese aber mit Effekten modifiziert, Sampler eingesetzt und über das alles dann gesungen“, erinnert sich die etwas schüchtern wirkende Gangnes, deren Mutter eine Opernsängerin ist und die ebenso wie Livaudais Musik studiert hat.

Vielleicht war es die musikalische Vorbildung oder aber der Überdruss an den ungezählten Avantgarde-Bands und den Folk-Ausschweifungen aus ihrer Nachbarschaft, die die beiden schließlich zu Pop-Sensibilität und Songstrukturen führten. „Wir haben diesen Witz über den ‚Williamsburg Digital Delay Pedal‘, das ist ein Effektgerät, das scheinbar jede zweite Band in Brooklyn verwendet, um Instrumente und Gesang zu verfremden. Damit klingt zwar alles schön seltsam, aber am Ende hört sich doch wieder alles irgendwie gleich an“, so Livaudais, deren mädchenhafter Charme sich mit einer gewissen Härte paart, die nach mehreren Jahren Leben in New York wohl die meisten im Gesicht tragen.

Telepathe bevorzugen gradlinige, basslastige Beats und Loops, ihr Gesang erinnert zuweilen an die Riot Girls von Le Tigre oder Bikini Kill und an die Electroclash-Queen Peaches, aber er klingt dennoch fließender. Bei Telepathe greifen die Elemente ineinander und formen sich zu einem Groove. Sie haben sich ihren Platz neben Hercules and Love Affair oder Santogold in der Reihe der New Yorker Disco- und Pop-Erneuer redlich verdient.

Dieses Gespür für Pop sollte sich auszahlen. Als ein gemeinsamer Freund dem Starproduzenten Dave Sitek von TV On The Radio die ungeschliffenen Popstücke auf Myspace vorspielte, war dieser begeistert und lud das Duo prompt zu Aufnahmen in sein „Stay Gold Studio“ ein. „Sitek lebt nur fünf U-Bahnstationen von unserer Wohnung entfernt, aber davor haben wir ihn nie persönlich getroffen. Es war unglaublich inspirierend, mit ihm zu arbeiten, er hat unseren Sound nicht etwa verändert, sondern das gesamte Potential aus unseren Ideen rausgeholt“, sagt Gangnes. Einen Monat arbeiteten die beiden in Siteks Studio an Telepathes Debütalbum „Dance Mother“.

Der Produzent stellte seine berühmte Synthesizer-Sammlung zur Verfügung und holte seinen TV On The Radio-Kollegen Kyp Malone und Shannon Funchess, die Sängerin von !!!, als Gastsänger hinzu. „Brooklyn ist klein, solche Kooperationen sind deshalb recht einfach, man schreibt den Leuten eine SMS, und eine Stunde später stehen sie dann im Studio“, sagt Livaudais, nicht ohne Stolz auf ihre gut vernetzte Wohngegend.

„Dance Mother“ lässt sich schwer fassen. Es ist eingängiger Pop und zugleich irre komplex, spielt mit Disco-Referenzen, ist aber nicht unbedingt tanzbar, vereint viele Einflüs-se, ist aber zugleich gradlinig. „Wir suchen uns Elemente aus, die wir mögen, etwa synkopische Beats aus dem HipHop, bestimmte Basslinien aus elektronischer Tanzmusik, aber auch Stimmungen und Gesangsparts von ätheri-schen 80er-Bands wie den Cocteau Twins. Daraus bauen wir uns dann einen Katalog aus Einflüssen und arrangieren diese neu“, erklärt Gangnes ihr Vorgehen.

Mit Mischpult, Drum-Computer, Midi-Keyboard, Schlagzeug und ihren Stimmen schufen die beiden jungen Frauen einen in seiner Fremdartigkeit faszinierenden neuen Pop-Entwurf, wie er zur Zeit wohl nur aus Williamsburg/Brook-lyn kommen kann. Und vielleicht haben sie recht, wenn sie auf ihrer Myspace-Site in der Rubrik „Klingt wie“ einfach nur „The Future“ schreiben.

Jacek Slaski