Tocotronic: Warum eigentlich nicht Selbermachen („ausgenommen Selbstbefriedigung“)?


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„Was du auch machst, sei bitte schlau / meide die Marke Eigenbau. Heim- und Nettwerkerei / stehlen dir deine schöne Zeit. Wer zuviel selber macht / wird schließlich dumm / ausgenommen Selbstbefriedigung.“ OBI, Hornbach und Toom werden sie nicht mögen, diese ersten Zeilen. Und die katholische Kirche die letzte sicher nicht. Aber Tocotronic waren ja noch nie eine Band, die in erster Linie gemocht werden will. Intelligente, oft gar intellektuell überlegen scheinende Provokation ist da schon eher ihr Metier. Das merkte man auch kürzlich, als Tocotronic mit „Macht es nicht selbst“ eine Vorabsingle präsentierten, die sich mal wieder herrlich gegen die Zeichen der Zeit bürstet und ein Abgesang auf Selfmade-Individualismus und/oder Heimwerkertum ist. Auch das Video dazu war eine Augenweide: Brennende Heimwerkerbären, die durch Pappwände stürzen und sich zuvor mit Leim bespritzen, als praktizierten sie gerade besagte „Selbstbefriedigung.“

Der Sinn des Ganzen? Den erklären Tocotronic noch einmal ausführlich in der Titelstory des aktuellen Rolling Stone. Dirk von Lowtzow: „Der Text wendet sich gegen eine Form von kreativer Selbstmobilisierung, die in der heutigen Zeit permanent von jedermann eingefordert wird. Dem wollten wir eine ganz klare Absage erteilen. Weil dahinter oft die Ideologie steht, dass nur die Sachen etwas wert sind, die man aus sich selbst geschöpft hat.“ Negativ am Selbermachen sei vor allem die Tatsache, dass dabei eine „Zweiklassengesellschaft“ entstehe, so von Lowtzow: „Einmal die Leute, die Zeit haben, sich permanent selbst zu erfinden und kreativ zu mobilisieren. Und dann die, die weder die Zeit haben, das zu tun, noch das kulturelle Kapital dafür besitzen.“ Jan Müller verweist hingegen auf die „Tragik“ des Selbermachens: „Man denke nur an die unendlich vielen, mit viel Mühe gebauten Myspace-Seiten, die sich kaum ein Mensch anguckt. Es ist ja nicht so, dass Leute, die ihre Sachen selber machen, die Gewinner wären.“