Tori Amos: Traum vom Agentenleben


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So hatte sich Tori Amos ihre Rückkehr aus dem „Winterschlaf“, wie sie die letzten Monate bezeichnet, nicht vorgestellt. Bei einem Konzert in London wollte sie die Songs vom neuen Album „Abnormally Attracted To Sin“ vorstellen, nur sie allein mit ihrem Piano. Am Tag des Auftritts lag sie mit einer Lebensmittelvergiftung im Bett. Überlegte noch kurz, ob es nicht irgendwie geht, und sagte dann ab: „Wenn es keine magische Erfahrung werden kann, ist es auch für die Zuschauer ein Desaster. Manchmal ist es wichtig, nein zu sagen. Und ich sage sehr selten nein, wenn es um Auftritte geht.“

Schließlich wurde ein Ersatztermin gefunden, und im Herbst wird Amos dann auch noch in Trio-Besetzung durch Europa touren – damit tröstet sie sich über die Unpässlichkeit hinweg. Und erzählt nun eben am Telefon, was es mit den neuen Stücken auf sich hat. Tori Amos hat fast immer ein übergeordnetes Konzept, ein bestimmtes Motiv, das sich durch ihre Alben zieht. Auf „Abnormally Attracted To Sin“ ist es das Zusammenspiel von Macht und Abhängigkeit, von Manipulation und Moral – „und die Frage, wie eine Frau in dieser patriarchalischen Welt ihre eigene spirituelle Sexualität finden kann. Ich untersuche vor allem, was Sünde kulturell bedeutet. Kirchenväter haben einst entschieden, was in der Bibel steht und was nicht – je nachdem, was ihnen passte und was nicht. Mein Vater widerspricht da natürlich, aber so war es doch. Deshalb muss jeder Mensch für sich selbst überlegen, was die Wahrheit ist.“

Amos‘ Vater war bekanntermaßen Geistlicher – und dieses Erbe lässt die 45-Jährige bis heute nicht los. Die Frage, warum sich so viele Menschen so sehr von religiösen Institutionen beeinflussen lassen, beantwortet sie zunächst mit einem kleinen Seufzer. „Ich bin ja nur eine Pfarrerstochter, keine Expertin. Aber ich glaube, man muss den Menschen nur irgendwie einreden können, dass sie allen anderen überlegen sind, dann hat man schon gewonnen. Das funktioniert beim Christentum so, beim Islam, wo auch immer. Intoleranz herrscht janicht nur im Mittleren Osten, sondern praktisch in jedem Land, und ich versuche immer, mit meinen Songs dagegen anzugehen.“

Ein Kampf gegen Windmühlen, das ist ihr bewusst. Doch diese so sanft wirkende, immer leise und bedächtig sprechende Frau hat nicht umsonst flammend rote Haare. Da schlummert immer noch eine Revolutionärin in Tori Amos, die sich mit ihrem begrenzten Spielraum nicht abfinden mag: „Ich frage mich manchmal, ob ich ohne Musik nicht eine Undercover-Agentin werden würde, die versucht, das Menschenhandel-Geschäft zu infiltrieren. Wirklich! Wenn ich Mark (Hawley, ihren Ehemann) und Tash (ihre achtjährige Tochter) nicht hätte, würde ich einen ganz anderen Weg wählen, ein ganz anderes Leben. Und wenn ich keine Musik hätte. Die Vorstellung, dass es all diese Frauen und Kinder gibt, die so leiden, löst bei mir immer das Gefühl aus, dass ich nicht genug tue. Eine Seite in mir möchte gegen all die Leute ankämpfen, die diese Verbrechen zulassen.“

Doch weil diese Aufgabe wohl selbst für Tori Amos momentan zu anstrengend ist, kehrt sie schnell zum Pragmatismus des Alltags zurück- und der ist auch nicht ohne Schwierigkeiten zu bewältigen: „Ich habe eine tolle Ehe und die wundervollste Tochter, aber wenn man so lange wie ich im Musikgeschäft ist und ein kleines Königreich leitet- das ist ein Scherz! – dann gibt es jeden Tag Herausforderungen und Konfrontationen. Entweder sieht man das als große Qual- oder als Gelegenheit, wieder mal durchs Feuer zu springen und heil rauszukommen. Manchmal hat man dazu keine Lust, aber so geht es uns ja allen. Doch gerade in diesen schwierigen Zeiten des Umbruchs- mit Kriegen, Finanzkrise und so weiter- muss sich jeder überlegen, wie er sich rüsten kann. Wie man diese traumatische Zeit überlebt. Man kann nicht immer mit entscheiden, was passiert, aber man kann immer entscheiden, wie man darauf reagiert. Jeder hat diese Macht.“

Im Song „Welcome To England“ singt sie: „You better bring your own sun!“ Ob es das Wetter ist, die Welt oder nur ein Song: Wenn Tori Amos etwas nicht passt, dann versucht sie, es zu ändern. Manchmal rabiat, manchmal vorsichtig, meistens furchtlos. Diesen Kampfgeist hat sie durchaus gemein mit einer anderen beliebten Rothaarigen, die immer sang: „Ich mach‘ mir die Welt, wie-de-wie-de-wie sie mir gefällt…“ Ob Pippi Langstrumpf manchmal auch von einer Karriere als Undercover-Agentin geträumt hat?

Birgit Fuß