Türchen 24


von

John Cale: „Child’s Christmas In Wales

Natürlich ist das surrealistisch verspielte Eröffnungsstück von „1919“, John Cales Kammerpop-Verneigung vor nahezu der gesamten Hochkultur Europas, nicht wirklich ein klassischer Weihnachtssong, auch wenn er einem durch das schummrige Zusammenspiel von Slide-Gitarre, Bass, Klavier und Orgel so vorkommt, als würde es einen mit Wärme umhüllen wie das brutzelnde Feuer in einem Kamin. Die weit geöffneten Kinderaugen zum Fest hatte Cale aber doch als Referenz im Sinn, vor allem auch seine eigene Kindheit im walisischen Garnant, die er zumindest über den Titel auch an das Werk eines anderen berühmten (Sprach-)Melodikers aus Wales anbindet: Dylan Thomas. Ein paar Anspielungen auf dessen poetischen Stil hat Cale, nachgewiesenermaßen Verehrer des Dichters, einfließen lassen, sie aber vor allem auch um seine eigene, dadaistische Sprachkunst erweitert. Das, was dem Hörer um die Ohren brummt, ist dann gleichsam anheimelnd und unheimlich: „With mistletoe and candle green / To Halloween we go / Ten murdered oranges bled on board ship / Lends comedy to shame / The cattle graze bold uprightly / Seducing down the door/ To saddle swords and meeting place / We have no place to go.“ Es soll Menschen geben, die bevorzugen neben der watteweichen „1919“-Fassung eher die reduzierte Klavierversion auf „Fragments Of A Rainy Season“, doch das ausgefallenere Geschenk ist natürlich die von Nico gesungene Variante, die Cale 1979 mit der Sängerin im CBGB’s aufnahm. (Marc Vetter)