Teil 2

Live-Historie von U2: Frieden in Sarajewo, Glastonbury und das Comeback

E-Mail
Teil 2

Live-Historie von U2: Frieden in Sarajewo, Glastonbury und das Comeback

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Am 24. September startet die „Innocence + Experience Tour“ von U2 in Deutschland. Die Band tritt insgesamt hierzulande auf, los geht’s in Berlin (24.+25.9., 28.+29.9.), im Oktober folgt Köln (17.+18.10.).

Die Live-Historie der Iren, die 1976 erstmals zusammen im Pub auftraten und später in immer größere Stadien zogen, ist reich an Anekdoten. Egal, wie riesig die Tourneen werden, es kommt immer wieder zu spontanen Ereignissen, sei es Bühnenbesuche prominenter Kollegen, spektakuläre Song-Darbietungen, WTF-Nummern oder lustigen Pannen.

U2tour.de und ROLLING STONE haben die zehn wichtigsten Konzert-Momente von Bono und Mitmusikern gekürt. Teil 1 (1983 bis 1997) sehen Sie hier und auf U2tour.de.

Teil zwei:

„This Song was written for you, hope you like it …“:  23.9. 1997, Sarajevo, Kosevo Stadion

Den Jugoslawien-Konflikt brachte Bono schon während der „Zooropa“-Tour 1993 regelmäßig zur Sprache, vier Jahre später war es dann so weit: U2 traten nach Kriegsende als erste große Band in Sarajevo auf, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Das „PopMart“-Konzert wurde auch auf BBC Radio 1 live übertragen, die Bedingungen aber konnten nicht schlechter sein: Bono war erkrankt und konnte kaum singen. The Edge – und das Publikum – sprangen mit ein. Der Auftritt beinhaltete auch die Tourpremiere des Songs „Miss Sarajevo“, in dem Bono die Mühsal beschreibt, im Bürgerkriegs-Land ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu führen. Das Stück wurde an diesem Abend gefeiert, bei Edges Vortrag von „Sunday Bloody Sunday“ war es aber noch ein wenig lauter im Stadion.

(Sassan Niasseri)

https://www.youtube.com/watch?v=V5a-pcoAWcY

„I remember you“ – 05.12.2000, Irving Plaza, New York

Die jugendliche Ernsthaftigkeit der 80er waren der frechen Ironie der 90er gewichen – und das neue Jahrtausend bringt wieder eine neue/alte Seite von U2: Das „Muskelshirt“ der „PopMart“-Tour wird durch eine Lederjacke ersetzt, der „Dance“-Sound des „Pop“-Albums durch den eher Mainstream-näheren von „All that you can’t leave behind“. Wie ernst die Band die Rückkehr zum Rock und den eigenen Ursprüngen meint, zeigt sich kurz darauf bei diesem ersten Club-Konzert im Rahmen der Promo-Auftritte zur neuen Platte.

Vor eintausend Zuschauern – teils geladene Gäste und VIPs, teils Gewinner eines Radiogewinnspiels – spielen U2 in Club-Atmosphäre ein 14-Song-Set, das neue Lieder, Cover-Versionen von The Who und den Ramones („I Remember You“) und eigene frühere Werke nahtlos zusammenfügt. Radio-Sender auf der ganzen Welt strahlen später Mitschnitte des Konzertes aus. Ab Frühjahr 2001 startet die erfolgreiche „Elevation“ Tour, die das Konzept der direkten Rock-Show aufgreift und den Fans mittels eines Stegs durch den Zuschauerraum Nähe zur Band erlaubt. Auf große Effekte wird verzichtet. Bis heute ist dieser Mitschnitt einer der beliebtesten U2-Aufnahmen, die im Rahmen von Promoauftritten aufgezeichnet wurden.

(sabine@u2tour.de / hans@u2tour.de)

 

Eine bombastische Andacht: 03.02.2002 New Orleans, LA, Louisiana Superdome (Super Bowl)

Unter all den „Super Bowl“- Halbzeitshows sticht ein Auftritt besonders hervor: Der von U2 im Jahr 2002, beim ersten Super Bowl nach dem 11. September 2011 – ein Großauftritt vor einer Nation, die noch immer an den Folgen der Terroranschläge litt. Was die Band darbietet, ist nicht weniger als eine emotionale Mixtur aus Erinnerung, Patriotismus und Verbundenheit. Mit einem energievollen „Beautiful Day“ wird zu Beginn eine deutliche Message der Positivität, Hoffnung und des Optimismus durch die US-Haushalte geblasen. Dann kommt die Gänsehaut-verursachende Performance von „MLK“, und mit der Einblendung der Namen der an 9/11 verstorbenen Menschen wird die bis dahin gewöhnliche Halbzeitshow in eine emotionale Zeremonie gemeinsamer Verarbeitung und Erinnerung transformiert. In ihrem Ausmaß und in ihrer Fähigkeit zur Durchdringung sucht sie bis heute seinesgleichen. „MLK“ mündet in ein kräftiges „Where The Streets Have No Name“, bei dem die Namen der Opfer immer noch über die Leinwand laufen – erst beim „Love“-Part des Songs fallen diese, wie die Leinwand, in sich zusammen.

Es folgt das Bono-Bild, das seither wohl in das kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingebrannt ist: Der Sänger hebt seinen rechten Arm und zeigt die US-Flagge auf der Innenseite seiner Jacke. Eine symbolreiche Geste, die nicht nur den tief verankerten Patriotismus in der amerikanischen Gesellschaft bedient, sondern vor allem auch als ein Signal des Zusammenhalts zu sehen ist, als ein Appell zur Rückbesinnung auf die Größe und Stärke der „American People“. Der U2-Auftritt war keine normale Halbzeitshow, sondern eine bombastische Andacht – und damit genau das, was Amerika aufzusaugen bereit war. Wie so oft in ihrer Karriere vermochten es Bono und Musiker eine Befindlichkeit zu verstehen und zu fühlen. Insofern war der Auftritt nicht nur ein Meilenstein in der Karriere von U2, sondern auch ein wichtiger emotionaler Moment für die enge beidseitige Verbundenheit zwischen der Band und den USA.

(christoph@u2tour.de)

„It was twenty years ago today …“: 02.07.2005 London, Hyde Park (Live 8)

Am 2. Juli 2005 fand in mehreren Städten gleichzeitig das Live-8-Festival statt, eine Art Neuauflage des Live Aid von 1985. Live 8 sollte die Regierungschefs der G8-Staaten dazu bewegen, in der darauf folgenden Woche bei ihrem Gipfel in Schottland einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt und eine Anhebung der Entwicklungshilfe zu beschließen. Auch dieses Mal organisierte Bob Geldof das Festival, bei dem Dutzende hochkarätige Bands und Künstler auftraten: R.E.M., Madonna, Elton John, Robbie Williams – und natürlich durften auch U2 im Londoner Hyde Park nicht fehlen, die das Festival eröffneten.

Zusammen mit niemand Geringerem als Paul McCartney betreten U2 um 14 Uhr die Bühne in London und spielen den Beatles-Klassiker „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, begleitet werden sie von Blasmusikern in den beatleesken „Pepper“-Uniformen. Bis heute ist das die einzige U2-Performance dieses Songs. Es folgen „Beautiful Day“, das damals brandaktuelle „Vertigo“ und „One“. Anschließend fliegen U2 nach Wien, wo sie am Abend im Rahmen ihrer „Vertigo“-Tour ein Konzert im Ernst Happel Stadion spielten. Dort landeten sie erst um 20 Uhr, woraufhin das Konzert mit 45 Minuten Verspätung beginnen musste.

(christoph@u2tour.de)

Achtung Festival: 24. Juni 2011, Glastonbury Festival

Heute wirkt es ja fast wie der Regelfall, dass sich Bono irgendwie und irgendwo verletzt – Hand, Arm, Schulter. Als die Band ihren Auftritt beim Glastonbury 2010 wegen einer Rückenverletzung absagen musste, war das für die Veranstalter und Fans noch wie ein Schock. Das wohl berühmteste Festival der Welt feierte in diesem Jahr sein 40. Jubiläum, und U2 sollten als Headliner ihre Glastonbury-Premiere feiern. Schön wär’s gewesen!

Ein Jahr später holte die Band ihren Auftritt nach, Zusage war schließlich Zusage. Es gab 2011 ja ein nächstes Jubiläum zu feiern: Das „Achtung Baby“-Album wurde 20, dementsprechend legte die Band gleich zu Beginn des Gigs mit fünf Songs der Platte los, so viele am Stück gab es zuletzt bei der „Zooropa“-Tour 1993. Zu „The Fly“ präsentierten sie auf Leinwänden gar wieder jenes grandiose „Everything You Know Is Wrong“-Dauerfeuer an Wörtern in Zeitraffer. Davon abgesehen dokumentierte die Setlist – das letzte zu bewerbende Album, „No Line On The Horizon“, lag bereits zwei Jahre zurück – die Freiheit der Band, alle Songs aus allen Phasen berücksichtigen zu können. Wann schon in den vergangenen Jahrzehnten hatten U2 zuletzt ihr Set mit dem Underdog-Song „Out Of Control“ beendet?

Der Auftritt folgte durchaus auch einem „Back To The Roots“-Gedanken, mit U2 als Band, die sich – wenn auch als Headliner gebucht – in das Gefüge mit anderen Künstlern eingliedert und auf ihr eigenes auffälliges Bühnendesign verzichtet. Und Bono und Kollegen waren auf positives Feedback angewiesen; mit jedem verstreichenden Monat wurde „No Line On The Horizon“ von Kritikern zunehmend kritischer betrachtet. Die Fans hatten ihr Urteil auch gefällt, Die Platte verkaufte sich schlechte als diejenigen davor.

Auch Glastonbury war für U2 leider kein voller Erfolg. Die Band selbst beklagte den Live-Sound, und viele Kritiker waren natürlich gleich zur Stelle mit Vergleichen zu Coldplay, die einen Abend später Headliner waren und einen besseren Auftritt abgeliefert hätten. So oder so bot dieses Konzert Fans eine einzigartige Konstellation von Songs, die es so wohl nie wieder zu hören geben wird.

Und natürlich sind U2 immer besser als Coldplay.

(Sassan Niasseri)

E-Mail