U2 live in Köln: Kriegsflugzeuge gegen Privatflugzeuge

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U2 live in Köln: Kriegsflugzeuge gegen Privatflugzeuge

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Am Samstagabend (17.10) steht Köln noch unter Schock. Ein Mann hat Oberbürgermeister-Kandidatin Henriette Reker bei einer Wahlkampfveranstaltung niedergestochen. Die 62-Jährige befindet sich, nach dem vermutlich rechtspolitisch motivierten Attentat, zwar außer Lebensgefahr. Allen Kölnern aber wurde an diesem Tag bewusst, wie gefährlich es in Deutschland im Jahr 2015 sein kann, wenn man sich, wie die parteilose Spitzenkandidatin, für Flüchtlinge einsetzt. Als U2-Sänger Bono nach zwei Stunden das Lied „Pride (In The Name Of Love“) mit den Worten ankündigt: „Let’s sing this song for Henriette Reker“, löst sich die letzte Anspannung, und das Gemeinschaftsgefühl hat wirklich jeden erfasst. „Pride“ ist mittlerweile mehr als 30 Jahre alt, doch er wirkt von Jahr zu Jahr mehr wie Medizin. Es ist ein Song über gewaltsam gestorbene Menschen, deren Traum von anderen weitergelebt wird, ursprünglich galt er Martin Luther King. Bono erinnert nun in einem Atemzug an Palästina, Syrien, Reker und den toten Füchtlingsjungen Aylan: „One boy washed up on an empty beach / one boy, who will forever be missed“. Das klingt nach Verwirrung, aber der Sänger hat die Situation im Griff. Mehr wird Bono, dem böswillige Kritiker nachsagen, er funktionalisiere Tragödien für seine Auftritte, zu Henriette Reker nicht mitteilen. Auch nicht beim zweiten Köln-Konzert (18.10.) – als feststeht, dass die Politikerin am Sonntagabend zur Bürgermeisterin gewählt wurde.

Kindheit im Terror-Krieg

Die Ansagen Bonos sind bei der „Innocence + Experience“-Tournee von geradezu sympathischer Fahrigkeit. Manchmal gibt es ein „Come on Deutschland!“ oder ungewohnte Song-Ankündigungen aus dem Setzbaukasten, wie „This Is Truly Truly A BEAUTIFUL DAY!“. Doch das steht immer noch im Gegensatz zu vorangegangenen Tourneen, als der Sänger die Zuschauer schon mal aufforderte ihre Handys in die Höhe zu halten um Nummern von Wohltätigkeitsorganisationen zu wählen oder SMS zu verschicken. „I Get So Many Things I Don’t Deserve“, verkündet er nun im Auftaktstück „The Miracle (Of Joey Ramone)“. Es wird ein Abend im Zeichen von Bonos Kindheit, er wuchs während des Nordirlandkonflikts auf.

Selten waren die ersten 20 Minuten besser

„We’re called the U2, we’re from the north side of Dublin“, eine Anspielung auf die Ansagen aus den Anfangstagen des Quartetts. Was folgt, das war schon bei den Berlin-Konzerten der Band so, sind die besten ersten 20 Minuten einer U2-Tour seit der Konzertreise von „Zooropa“ 1993: U2 spielen „Electric Co.“, „Vertigo“, „I Will Follow“. Es sind die Songs ihrer Jugend, beeinflusst von Punkbands. Seit 20 Jahren standen die Musiker sich nicht mehr so nah, buchstäblich so dicht wie in einem Proberaum, und bliesen ihren Sound durch die Halle. Wer das Gitarren-Riff von „I Will Follow“ hört, ja auch sieht, der braucht keine ablenkenden Einspielungen auf Videoleinwänden.

Die Videos kommen ja leider noch! Der erste Teil des Sets dreht sich um Dublin, die Cedarwood Road, in der Bono aufwuchs; den Tod der Mutter, der dazu führte, dass der 14-Jährige Künstler werden will. Seine Kindheit verbrachte er zwischen Clash-Poster plus Akustikgitarre (Kinderzimmer) und Autobomben (draußen auf der Straße). Bei „Cedarwood Road“ läuft der Sänger auf einem erhöhten Laufsteg die Straße ab, hinter ihm wird eine Comic-Landschaft auf die Leinwand projiziert. Die Power der ersten vier Songs können U2 bei dieser Exkursion nicht mehr halten. Die Bindung zum Publikum lässt nach, je prominenter die Visuals eingesetzt werden. Der Nordirlandkonflikt ist in Deutschland kein bekanntes Thema (mehr), Videos von Bombenopfern und Daten von Attentaten (17.5.74) könnten aber zumindest notwendig sein, um dem Zuschauer ein Problem vor Augen zu führen. Sicher ist die erste Hälfte des Sets auch die bedrückendste, die U2 je ihrem Publikum präsentiert haben.

Bevor eine Pausen-Leinwand runtergefahren wird, geschmückt mit Graffiti (mit einigen der schlechtesten denkbaren Übersetzungen ihrer Slogans aus dem Song „The Fly“, etwa „Ehrgeiz beißt die Nägel des Erfolgs“), kommt der erste große Höhepunkt des Konzerts. Logo. In ihrem Backkatalog haben U2 schließlich den besten Live-Song aller Zeiten: „Until The End Of The World“. Bono und Edge bekriegen sich hier mit Stimme und Gitarre, mit der Laustärke ihrer Instrumente, in den Rollen von Jesus und Judas.

Das längste Konzert – dank eines Fans

Neben den starken ersten 20 Minuten entwickelt sich das Set auf der mit einem Steg verbundenen kleinen Rundbühne zum echten Winner der Tour. Dort sind die Musiker noch dichter am Publikum, Songs werden von Gig zu Gig ausgetauscht, und ab „Mysterious Ways“ holt Bono Fans auf die Bühne. In Berlin erwischte er da schon mal einen voll verkleideten McPhisto („I Haven’t Seen This One For A While“), sie spielten ein überwältigendes Berliner „Zoo Station“ – das es vielleicht nie wieder auf einer so kleinen Bühne zu hören geben wird –, oder sie nahmen polnische Flaggen aus dem Publikum entgegen, um dann die Tourpremiere des Solidarnosc-Songs „New Years Day“ zu feiern. Beim ersten Köln-Gig erwischt Bono einen weiblichen Fan, die sich noch ein Autogramm vom Schlagzeuger Larry Mullen Jr. abholt – die anderen drei hatten schon bei einem Akustikgig in Oberhausen 2014 unterschrieben, auf ihrem T-Shirt. Dort vorne an der Rundbühne, man merkt es spätestens dann, ist der Platz für Die-hard-Fans und Mitreisende reserviert.

Beim zweiten Abend darf eine Anhängerin zunächst „Trash, Trampoline and the Party Girl“ auf der Akustikgitarre spielen, doch weil ein anderes Lied gewünscht war, wird noch spontan „Angel Of Harlem“ drangehängt. Unfreiwillig wird so das Set um ein Stück auf 27 erweitert, und der Auftritt damit historisch: Das längste Konzert der „Innocence + Experience“-Tour. Toll! Der Fan darf Edges Akustik-Gitarre gar ungefragt behalten, das hat Bono über den Kopf seines eigentlichen Saitenmanns hinweg entschieden.

Bei „Sweetest Thing“ setzt sich Bono gar selbst, ein sehr seltener Anblick, ans Klavier. In einer Parodie auf Weltklasse-Pianisten hämmert er in einer Tour die vier Akkorde des Lieds. Bono hatte sich ja im vergangenen Jahr die Hand verletzt, einige Finger sind gelähmt. der 55-Jährige kann nicht Gitarre spielen, aber den Kurzeinsatz machen die strapazierten Glieder mit. Er wiegt sich auf dem Schemel zurück und grinst wie Elton John, und wie der in seinen weit anspruchsvolleren Klavierduellen mit Billy Joel immer wieder gewonnen hat.

Der schwächste Teil des Konzerts besteht in dem folgenden geradezu Musical-artigen Abschnitt, einem Quasi-Medley, in dem Bono zunächst über seine Verantwortung als Musiker berichtet. „Bullet The Blue Sky“, ursprünglich ein Song über Krieg in Lateinamerika, wird hier zum Monolog über das Selbstverständnis des reichen Musikers, die Welt retten zu können, aber Gefahr läuft abzuheben. „Have You Forgotten where you cam from? You’re Irish!“. Dann die, immerhin sehr gelungene, sarkastische Ergänzung der „Bullet“-Zeile „Can You See Those Fighter Planes?“ um „… When You’re Flying In A Private Plane?“. Der Song mündet in einem Auszug aus „Zooropa“, das der Sänger kryptisch mit „I’m Not Dangerous, I’m In Danger“ einleitet. Die Leinwände zeigen Flüchtlinge auf Bahnschienen; dabei drehte „Zooropa“ sich 1993 doch um die virtuelle Besiedlung eines Planeten, der nur aus Video- und Klangwellen besteht, die Band hatte in den frühen Neunzigern Angst vor dem „Vorsprung durch Technik“ und einer Welt im Informationsüberfluss. Hier wird das Lied umfunktioniert für Menschen auf einer ganz anderen Odyssee, und es passt irgendwie nicht.

Alles Gute, Bill! Bill wer?

Gegen Ende der Deutschlandkonzerte ist Bono immer auf die Flüchtlingskrise zu sprechen gekommen, und wie positiv er die deutsche Regierungsarbeit bewertet. In Berlin sagte er noch „Thank you, Germany, for teaching the world a lesson“, was einen beschämt zurücklassen könnte. Knapp einen Monat später, in Köln, wirkt auch er zurückhaltender. Über die Verteilung der Flüchtlinge in Europa sagt Bono: „I Know It’s Not Fair, It Is A Burden. But You Helped Making Europe Not Just A Thought But A Feeling“. Er bedankt sich bei den „Peacemakern“, die den Mut zu Kompromissen hätten.

Er schafft es ja sogar gegen Ende, ein Geburtstagsständchen für Bill unter den tausenden Zuschauern anzustimmen. Für Bill? Wer? Bill Gates. Um welchen Bill es sich handeln sollte, hat Bono, der ihn in „Beautiful Day“ kurz namecheckte, erst nach dem Ständchen verraten – vielleicht, weil sonst nicht alle Zuschauer mitgemacht hätten. Denn natürlich stecken Gates und seine Stiftung zwar Millionen in den Kampf gegen Aids, aber für viele ist er vor allem der böse Mann von Microsoft. Bono weiß halt, wann er auf Nummer sicher gehen muss.

Auch am Ende. Wer die U2-Setlisten verfolgt, bangt doch sehr. Womit wird die Band den Abend ausklingen lassen? Es gibt auf der Tour bislang drei Möglichkeiten. Zur Auswahl steht der größte Hit, „One“, das als Schluss-Stück viel wirkungslosere „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“, sowie … Treffer: Beim zweiten Köln-Abend sind „Bad“ und „40“ an der Reihe. Die frühen Songs. Edge und Adam tauschen Gitarre und Bass, und während das Publikum den Chor übernimmt, „How Long To Sing This Song“, leuchtet Bono den anderen Bandmitgliedern mit dem Riesenscheinwerfer den Weg von der Bühne. Was für ein Abgang.

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