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Unfrieds Urteil: Böhmermann, Colbert, Welke – wie die Fernsehclowns die Meinungsbildung übernehmen

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Unfrieds Urteil: Böhmermann, Colbert, Welke – wie die Fernsehclowns die Meinungsbildung übernehmen

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Wenn in der guten uralten Zeit was Wichtiges passierte, warteten die progressiven und kulturell versierten Milieus gespannt, was Jürgen Habermas zur Lage schreiben würde. Oder Klaus Theweleit. Der Mainstream schaltete abends die Tagesthemen ein.

Wenn man heute einen geistigen Input zur Lage will, schaut man auf dem Smartphone, ob Jan Böhmermann schon ein „Neo Royale“-Video dazu gepostet hat. Oft hat er das. Die Chance ist nicht gering, dass es auch noch gut ist.

Haben Fernseh- und Internetclowns die Intellektuellen abgelöst als Leitfiguren und die Nachrichtensendungen als Leitmedien, über die sich ein größer werdender Teil der Gesellschaft seine politische Meinung bildet? Die Frage stellt sich grundsätzlich. Und speziell, da Stephen Colbert an diesem Dienstag die CBS-Late-Show von David Letterman übernimmt. Einer der ersten Gäste wird Präsidentschaftskandidat Jeb Bush sein.

Nachrichtenmoderatoren spielen Nachrichtenmoderatoren

Colbert wurde berühmt und wichtig, weil er in „The Colbert Report“ auf Comedy Central einen Fernsehpolitikjournalisten „spielte“. Ich setze das Wort in Anführungszeichen, weil durch Leitfiguren wie Jon Stewart („The Daily Show“) und ihn Nachdenken einsetzte, ob Fernsehleute wie Uli Deppendorf und Bettina Schausten wirklich Politikjournalisten „sind“ oder nur spielen. Ob im Gegenzug Stewart und sein deutscher Epigone Oliver Welke („heute show“ im ZDF) nur so tun, als ob sie den Nachrichtenmoderator spielen, aber de facto Politikjournalisten sind. Und deshalb im Gegensatz zu ersteren ernst genommen werden. Als Nachrichtenquelle und als Orientierung.

Jan Böhmermann
Jan Böhmermann

Dazu folgendes: Nachrichten-Satire ist ein Produkt auf einem offenbar wachsenden Markt. Es erreicht auch Schichten, die man als politikfern bezeichnet. Und vor allem Jüngere. Es passiert sogar mal, dass kleine lustige Redaktionsteams Fakten recherchieren, um die sich sämtliche Recherchejournalisten in Berlin oder Washington nicht gekümmert haben.

Häufig bleibt die Kritik aber auch an der Oberfläche. Oder bestätigt permanent das Vorurteil, dass alle Politiker sowieso blöd, machtgeil und korrupt sind. Oder reduziert sich auf Fernsehkritik. Die Welt der Fernsehleute ist das Fernsehen, weshalb sie oft ihre kleine Welt für die ganze halten

In der ersten Septemberwoche hatte Böhmermann den Schlagersänger Roberto Blanco („Ein bisschen Spaß muss sein“) in der Sendung, der neben zehn Schokoküssen posierte – offenbar die satirische Verarbeitung eines kritisierten Sprechaktes des bayerischen Innenministers (CSU), der Blanco als „wunderbaren Neger“ bezeichnet hatte. Was den üblichen, reflexartigen Protest auslöste.

Er hat „Neger“ gesagt!

Gerade Blanco (spanisch für „weiß“) hat die Rolle des Klischee-Schwarzen von vor 50 Jahren eisenhart bis heute durchgezogen, in inniger Nähe zur Union. Warum? Weil er einfach Onkel-Tom-mäßig drauf ist oder weil er die Deutschen zivilisatorisch so einschätzt und das als Geschäftsgrundlage sieht? Darüber hätte Böhmermann mit ihm sprechen können, wenn er ihn schon einlud.

Womöglich kann man mit Blanco darüber nicht sprechen. Und verglichen mit der politischen Dimension der europäischen Flüchtlingsfrage ist korrekte Sprache Pipifax, klar.
Aber die taucht ja nicht auf. So steht der Umgang mit Blanco auch dafür, dass man das Hauptthema einer digital gesteuerten Aufregungsgesellschaft selbstverständlich in die Sendung nimmt. Um zu zeigen, wie originell und kreativ man ist. Was okay ist.

Aber es will eben auf nichts hinaus. Oder doch: Gut zu unterhalten. Immerhin.

Wer auf etwas hinauswill, der wird auch anderswo nichts finden. Sagen wir bei „Pelzig hält sich“. Das ist ein Format, in das der aufrecht linke Kabarettist Frank-Michael Barwasser auch Politiker einlädt. De facto plaudert er mit ihnen lieb. Und selbstverständlich gilt das Unterhaltungsprinzip für fast jede Talkshow in ARD oder ZDF. Wenn das nicht der Zerstreuung diente, sondern „politisch“ gemeint wäre, müsste man ja permanent Programmbeschwerde einlegen. Außer bei Plasberg: Da ist das Stammtischprinzip zu offensichtlich.

Hart aber fair: Frank Plasberg
Hart aber fair: Frank Plasberg

Ergo: Weder ist der Aufstieg der Fernsehclowns die Lösung für das Problem einer unpolitischen Gesellschaft. Noch ist er ihre Folge. Die entscheidende Veränderung ist nicht kultureller Verfall oder Entpolitisierung, sondern es ist die Weise, auf die immer mehr Leute Information und Unterhaltung konsumieren. Digital, mobil, Facebook, YouTube. Böhmermann weiß, wo er Kundschaft erreicht und worauf sie steht. Er macht das so gut, dass darüber gesprochen wird. That’s it.

Satire kann die Komplexität der Gegenwart nicht einfangen

Was politischen Fernsehjournalismus angeht, so sagt es viel, dass es außer kuschelig ausgewogenen „Sommer“-Interviews und seltenen „Was nun?“-15-Minuten kein regelmäßiges, langes One-on-One-Format gibt, in dem Politiker von einem partei- und ticketlosen Journalisten knallhart aber fair rangenommen werden. Etwa jetzt der Innenminister: Warum haben die Regierung und er sich in der Prognose der Flüchtlingszahl so dramatisch geirrt, dass die infrastrukturelle Vorbereitung völlig unzureichend war – mit dem Ergebnis, das wir jetzt haben?

Man kann man nicht erwarten, dass Böhmermann das ersetzt.

Alfred Dorfer, der großartige Wiener Postkabarettist, hat mir mal erzählt, wie er den Glauben an das Aufklärungsfernsehen verlor, als er es selbst machen wollte. Es wurde einfach nicht mehr als „Stoffwechsel-Satire“. Man lacht. Und dann fühlt man sich kurzfristig besser. Aber die Komplexität der Gegenwart kann man in den kurzen Satireformaten nicht ausbreiten. Die Aufgabe eines Clowns ist es, die Leute zum Lachen zu bringen.

Wer wirklich tiefe politische Diskussionen will, muss Günter Gaus schauen – auf YouTube.

gbrci/Geisler-Fotopress picture alliance / Geisler-Fotop
Frederic/Geisler-Fotopress picture alliance / Geisler-Fotop
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