Villagers: Eine neue Art der Bewegung. Feature mit Albumstream.


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Man täusche sich nicht bei der Macht dieses jungen Mannes aus Dublin. Er mag klein sein, ein wenig zu dünn geraten und mit einem Babyface ausgestattet, aber er vermag es, einen an den Punkt im Leben zu bringen, den man am liebsten verleugnen und schon gar nicht benennen möchte. Man weiß nicht, wie Conor J. O’Brien es schafft, er weiß es ja selbst nicht so genau, aber er kennt den Weg zum Ende der Unschuld. Und damit ist nicht jene gemeint, die man in verschwitzten, verklärten und oft vergeigten Nächten verliert, sondern die, die man in seiner Kindheit und in den ersten Jahren der Jugend für so selbstverständlich gehalten hatte, dass man ihren Verlust erst spürte, als man plötzlich zynisch, zweifelnd, vorsichtig, vernünftig – kurz: erwachsen war.

Es passiert im Titelsong. Dreieinhalb Minuten reichen O’Brien bis zu jenem Moment, in dem er singt: „I was a dreamer staring out windows/ Out onto the main street/ Cause that’s where the dream goes/ And when I got older, when I grew older/ Out onto the streets I flew/ Released from your shackles/ I danced with the jackals/ And learned a new way to move.“ Ein Bild so simpel, so kraftvoll, begleitet von einer Musik, die den Reifegrad des Erwachsenen schon lange erreicht hat. Was „Der Fänger im Roggen“ an drei fiktiven Tagen erzählt, wird hier in einem Bild verdichtet. Großartige, bedeutende Songwriterkunst, sagt man da. Und O’Brien sagt: „Großartig? Bedeutend? Ich weiß doch gar nicht, was das ist.“ Und zuckt mit den Schultern und Lidern. Aber ist es denn das Ende der Jugend, der Unschuld, der kindlichen Naivität, das dort besungen wird? Stille. Dann: „Ja. Das gefällt mir. Das kommt dem ziemlich nahe, was ich ausdrücken wollte.“

Und wieder darf man den kleinen Mann nicht unterschätzen. Selbst wenn O’Brien nicht genau weiß, wie groß einige seiner Songs werden können, so weiß er doch ganz genau, was er tut. Da sich seine vorherige Band The Immidiate auseinandergelebt hat, nimmt er nun unter dem Namen Villagers alles selbst in die Hand. „Ich schreibe die Songs in totaler Einsamkeit, spiele die Demos allein ein. Und gebe meinen Musikern dann Tapes mit ihren Parts an die Hand, die sie lernen müssen.“ Er hat dafür den Namen Villagers gewählt, weil dieser ähnlich einem Dorf viel Raum lasse.

So funktionieren auch seine Texte: „Ich habe früher präzise geschrieben, Gegenstände benannt, Realität abgebildet. Diesmal habe ich eher mit Metaphern gearbeitet. Ich liebe das. So regt man die Fantasie des Hörers an, schafft ihm einen Raum, den er mit eigenen Bildern und Bedeutungen füllen kann.“ Und in „Becoming A Jackal“ – Album wie Song – passt einiges an Bedeutung. Aber auch hier: Vorsicht. Der Song endet so: „So before you take that song as truth/ You should wonder what I’m taking from you/ How I benefit from you being here/ Lending me your ears/ While I’m selling you my fears.“

Daniel Koch

Villagers – Becoming A Jackal by musicmusicmusic