Wie weit kommt Deutschland bei der WM 2026? Eine Prognose
Das Team von Trainer Julian Nagelsmann will mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung zu den Turnier-Favoriten aufschließen.
Es tat weh, zwei Jahre warten zu müssen – aber wie groß ist der Glaube wirklich, dass die DFB-Elf beim Mammut-Turnier in Mexiko, Kanada und den USA Weltmeister werden kann? Flashback: Nur Stunden nachdem Deutschland unglücklich gegen Spanien bei der Heim-EM 2024 ausgeschieden war (Stichwort: Cucurella), sagte Trainer Julian Nagelsmann vor versammelter Presse einen denkwürdigen Satz. „Dass man zwei Jahre warten muss, dass man Weltmeister wird, tut weh.“
Die offenen Münder der Journalisten beantwortete er dann mit einem Lachen: „Die gefällt euch, die Aussage, da werden die Augen groß. Was soll ich sagen, dass wir in der Vorrunde ausscheiden? Natürlich wollen wir Weltmeister werden, das will jede Mannschaft.“
Wer will dem Nationaltrainer da widersprechen. Vielleicht hofft auch Curaçao heimlich auf den Pott. Doch wenn der erste Gegner der Deutschen im Turnier, der eher nach Cocktail als nach Herausforderung klingt, am Ende mit null Punkten nachhause fährt, dann setzen sich die Spieler dort eben in die Sonne am Strand und machen sich nichts daraus. Wenn es für Deutschland nach zwei verpatzten Weltmeisterschaften wieder nicht für die nächste Runde reicht, dann fliegt man zurück in ein Land, das von Worten wie Rentenreform, Tankrabatt und Inflation inzwischen täglich Hautausschlag bekommt. Besser also, die Kicker genießen die maximal fünf Wochen in der Ferne.
Gigantomanie oder Nüchternheit
Welche Chancen hat die DFB-Elf denn nun, wenn es ab Donnerstag (11. Juni) losgeht? Das Finale steigt am 19. Juli im MetLife Stadium in New Jersey. Allein die Halbzeitshow mit Madonna, Shakira und BTS ist ein Wahnsinn, für manche Ticketpreise bekommt man in den Staaten ein Haus. Egal wer hier spielt, es dürfte sich um ein Giganten-Duell handeln mit zwei Teams, die nach acht Spielen einige Widrigkeiten und Wetterkapriolen überstanden haben.
Deutschland macht sich Mut: 2014 ging es ja auch unter der brütenden Sonne in Brasilien. Der Unterschied ist dennoch deutlich. Jogi Löw hatte nach dem Sommermärchen eine Elf geformt, die seit 2006 bei jedem Turnier mindestens im Halbfinale stand, klare Anführer im Team hatte und der die Verjüngung 2010 sogar im Turniermodus gelang. Zur Wahrheit gehört es natürlich, dass das 7:1 gegen den Gastgeber eine Casino-Nummer der Fußballgeschichte war und mit etwas Pech und ohne Libero Manuel Neuer schon im Achtelfinale gegen Algerien hätte Schluss sein können.
Vielleicht sollte Julian Nagelsmann deshalb im sicher bequemen Team-Hotel weniger dieses Spiel zur Motivation zeigen, sondern eben das gegen Algerien, wo kaum etwas funktionierte und doch das entscheidende Tor gelang. Oder noch besser – das Viertelfinalspiel gegen Frankreich 2014. Die Bleus waren gegen den DFB natürlich nicht Underdog, doch sie wurden nach einem frühen Tor von Matts Hummels nach einem Eckstoß abgekocht. Eben jene Equipe Tricolore wartet möglicherweise im Viertelfinale 12 Jahre später, sollten beide Mannschaften als Gruppenerster durchkommen. Und wie zuletzt zu besichtigen war, sind gelungene Standards durchaus noch mehr ein Mittel zum Sieg – vor allem gegen rasante, gewitzte Teams.
Weichen in der Vorrunde stellen
Aber nach all den Blessuren der letzten beiden Turniere sollte der Blick sowieso erst einmal auf die Vorrunde gelegt werden. Curaçao, so exotisch es anmuten mag, ist natürlich jener Glücksfall fürs erste Spiel, den nur die Los-Lotterie gewährt. Erinnerungen an Saudi Arabien (2002) und Costa Rica (2006) werden wach. Da können die eher vorne als hinten begabten Deutschen schon einmal etwas fürs Torverhältnis tun. Sechs Tage später wartet dann die Elfenbeinküste, die soeben Frankreich in einem Testspiel 2:1 geschlagen hat. Es wird das für den DFB bekanntlich schwierige zweite Spiel, Unentschieden oder Niederlage bei entsprechender Sorglosigkeit nicht ausgeschlossen.
So wäre die anschließende Partie gegen Ecuador zwar noch keine Zitternummer (denn es kommen ja sogar einige Gruppendritte weiter), aber eine Standortbestimmung. Denn wenn Deutschland Zweiter wird, erwartet sie im Sechzehntelfinale ein weiterer Gruppenzweiter. Das wäre dann jemand aus Gruppe I, also neben Frankreich Norwegen, Senegal und der Irak. Norwegen oder Senegal wären wohl die wahrscheinlichste Variante, die Skandinavier womöglich etwas mehr. Die posierten zuletzt als Wikinger und haben eben Erling Haarland. Unmotiviert würden sie nicht ins Match gegen Deutschland gehen. Es wäre eine unbequeme Angelegenheit.
Für solche Momente hat Nagelsmann seine Rollengespräche geführt. In den letzten Testspielen kristallisierte sich ja heraus, dass im Sturm wohl Havertz stehen wird, weil er mit den spielbegabten Wirtz und Musiala eher harmoniert als der aus dem Tritt gekommene Woltemade. Wenn es nicht läuft, wird Undav reingeschickt – aus taktischen Gründen wohl sogar sehr früh im Spiel. Der Stuttgarter ist derzeit in glänzender Form und wer will ihm nach den unglücklichen Schmähworten seines Trainers nach einer Top-Leistung verwehren, motiviert bis in die Haarspitzen zu sein.
Kommt es zur Revanche?
Der Erfolg in den USA, Kanada und Mexiko wird aber wohl nicht über die Offensive gehen, sondern – es bleibt eine Binsenweisheit – über die kompakte Defensive. Die fängt bei der DFB-Elf bei Nmecha und Pavlovic an, die als Abräumer und Spielgestalter aus dem eigenen Drittel die Grundlage legen, dass es gegen schnelle Gegner nicht zu viele Konter gibt. Kimmich wird als Außenverteidiger öfter Richtung Mitte rotieren, das war zuletzt bereits zu sehen. Er muss also nicht darauf verzichten, das Spiel zu machen. Das muss kein Nachteil für die Verteidigung sein.
Mit Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah stehen auch zwei Innenverteidiger zusammen, die sich gut ergänzen und für nichts zu schade sind. Speziell Schlotterbeck ist zwar für ein überraschendes Tor, aber auch für eine fatale Grätsche gut. Und wie Kimmich und der offenbar auf der anderen Seite nun gesetzte Brown auf Olise, Mbappé und Dembelé reagieren würden, kann man sich mangels entsprechender Leistungsvergleiche der letzten Zeit nicht vorstellen.
Ach ja, sollte es nur zu einem zweiten Platz in der Vorrunde reichen und Norwegen/Senegal geschlagen werden, könnte im Achtelfinale Brasilien warten. Trainer Ancelotti, immer noch ein Italiener, aber mit fünf Champions-League-Titeln dekoriert, dürfte verhindern, dass am Ende ebensoviele Tore auf dem Programm stehen, aber die Gier nach einer Revanche könnte äußerst groß sein. Einigen wir uns darauf: Deutschland sollte lieber Erster werden.
Bleiben vor allem noch ein paar Faktoren, die bei der Trump-WM eine Rolle spielen könnten: Fitness, wenig Verletzungspech (Karl hat es leider schon getroffen, er wäre ganz sicher für einige Überraschungsmomente gut gewesen), Resilienz gegen Reise- und Wetter-Stress, Schweigen über politische Zustände, die der Fußball eh nicht ändern kann, genügend Mitspieler im Team bei den Mario-Kart-Challenges im Hotel.
Frühzeitig Ehrgeiz entwickeln
Eine Weltmeisterschaft der Extreme benötigt auch einen Gewinner, der diese Gigantomanie abtun oder in sich aufsaugen kann. Während man Nagelsmann kaum nachsagen kann, bescheidene Erfolgswünsche zu haben, ist das bei den Männern auf dem Platz nicht ganz so eindeutig. Für viele ist es die erste WM, der Ehrgeiz entflammt wahrscheinlich erst bei entsprechenden Erfolgserlebnissen – und das können auch zielgerichtet unters Stadiondach gehämmerte Bälle oder robuste Zweikampfsiege sein.
Wenn die DFB-Elf etwas reißen will bei diesem Turnier mit stumpfen Rasenbelegen und elenden Trinkpausen, dürfte die Körperlichkeit eine große Rolle spielen. In der Vergangenheit, das zur eigenen Sicherheit, war das schon öfter der Fall. Und Zauberer Wirtz zeigte sich ja auch bei dem großen Triumphlauf mit Leverkusen als ebenso filigraner Techniker wie auch rabiater Ackerer, der sich nicht zu schade ist, die Bälle zur Not auch im eigenen Sechzehner zu erobern.
WM-Prognose: Im Viertelfinale ist Schluss
Deutschland wird ein besseres Turnier spielen als noch in Katar und Russland. Es wird diesmal über die Vorrunde hinausgehen. Ob man Erster oder Zweiter wird, wäre für den Turnierverlauf nicht entscheidend, im Viertelfinale würde fast sicher ein Gegner warten, der entweder eine Klasse stärker oder eine Spur besessener ist, um zu gewinnen. Prognose: Es wird wie auch bei der EM 2024 bis ins Viertelfinale gehen, dann ist nach einem wahrscheinlich durchaus offenen Spiel dennoch Schluss.
1994 ging es in den USA auch nur bis in die Runde der letzten 8, dann war Bulgarien als Hürde zu groß. Damals stellte sich die DFB-Elf mit schlechter Stimmung und auch einer gewissen Überheblichkeit selbst ein Bein. Das wird bei diesem Turnier nicht der Fall sein. Am Ende könnte es heißen: viel Potenzial, im Angriff phasenweise superb, aber doch ein wenig zu brav für den Titel.