
Wo Felix Michael Jackson auflauerte
Wie jemand 50.000 Autogramme sammelte – und 100.000 Mineralien.
Die Tonträger in meiner Sammlung habe ich zum letzten Mal gezählt, als ich auch noch die Tage bis zu den Sommerferien gezählt habe. Seitdem liegt meine Priorität bei den vielen Geschichten, die Musik mir erzählt. Es kommt aber nicht selten vor, dass Menschen Villa Hansa Schallplatten besuchen und mich in einem beiläufigen Nebensatz darüber informieren, wie viele LPs in ihrem Archiv lagern. Das sind meist deutlich mehr, als ich in meinem Vinylgeschäft habe – schätze ich jedenfalls, denn ich zähle ja nicht.
Vor ein paar Wochen stand ein Herr in meinem Laden, der eine besonders beeindruckende Zahl verkündete: Er besitzt 50.000 Autogramme! Ich dachte, ich hätte mich verhört, zu viel laute Musik in der Jugend. Aber er wiederholte die gigantische Zahl: 50.000! Gibt es überhaupt so viele Stars? Andererseits: Sind wir nicht alle Stars irgendwie? Sly & The Family Stone wussten bereits 1969 die Antwort: „Everybody is a star who can rain and chase the dust away.“ Zahlreiche Coverversionen, von The Jackson 5 bis Madonna, unterstreichen die Korrektheit dieser Aussage.
Tricks, um Autogramme zu bekommen
Schon als Teenager hatte der aus einem Dorf in der Nähe von Weiden in der Oberpfalz stammende Autogrammjäger Felix seine Tricks, um an begehrte Unterschriften zu kommen: Als Michael Jackson Ende der Neunziger im Bayerischen Hof in München logierte und natürlich alles abgesperrt war, steuerte Felix den Hintereingang fürs Personal an. Er schnappte sich eine herumstehende Getränkekiste, um wie ein beschäftigter Praktikant zu wirken, denn: Wer arbeitet, wird nicht verdächtigt.
Tatsächlich gelangte er ins Hotelgebäude und wartete im WC, bis MJ samt Entourage in der Lobby auftauchte. „Ich bin einfach zu ihm gegangen, obwohl seine Bodyguards das verhindern wollten, habe ihm eine Vinylsingle hingehalten, er hat sie unterschrieben und gesagt: ‚Thank you, my boy!‘ Dann ist er in den Aufzug rein und war auch schon wieder weg.“
1000 Prominente hat Felix in knapp 30 Jahren getroffen, er arbeitet gerade an einem Buch über all die besonderen Begegnungen. Und dann erfahre ich, dass er auch noch steinreich ist: „Ich sammle neben Autogrammen auch Fossilien und Mineralien“, erzählt er, „da habe ich um die 100.000 Stück. Ich habe sogar meinen eigenen Steinbruch!“ Felix’ Steinbruch liegt im Altmühltal und habe Seltenheitswert, denn der dortige Plattenkalk sei etwa eine Million Jahre älter als der normale, der bloß 150 Millionen Jahre alt ist. „Da gibt es die ganzen Vorläufer der Fische, die dann später in den berühmten Lagerstätten gefunden wurden.“
Spätestens jetzt wusste ich: Das ist eine Story für meine Plattenkalk-Kolumne im „Rollenden Stein“! In der schwedischen Provinz Dalarna wurde ein ehemaliger Steinbruch aufgrund seiner phänomenalen Akustik in die Open-Air-Bühne Dalhalla verwandelt. Diesen Sommer werden dort Massive Attack, José González, Morrissey, ZZ Top und Alice Cooper auftreten.
Ein Meilenstein in Felix’ Autogrammjäger-Biografie war die Anschaffung seiner sogenannten Sicherheitsausrüstung: Mit Security-Jacke und Knopf im Ohr kommt man hierzulande (fast) überall durch. Als bei einer Autogrammstunde die Menschenmenge zu sehr in Richtung Signiertisch drückte, sorgte Fake-Security-Felix kurzerhand für Ordnung und bekam zum Dank als Einziger ein Foto mit dem berühmten Schauspieler.
Sabrina und Ingo stehen mit einer Kettcar-LP an der Kasse, haben es dann aber doch nicht eilig mit dem Bezahlen, weil sie lieber noch weiter Felix’ Anekdoten lauschen möchten. Solche Momente im Plattenladen sind unbezahlbar.