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Lady Gaga Born This Way


Universal 2011


von

Der eine oder andere hat es gelesen: Lady Gaga hat einige ihrer neuen Songs im Online-Spiel Farmville versteckt. Als kleine Trophäen, die ihre Fans finden und hören können, wenn sie ein paar Spezialaufgaben lösen.

Sympathische Idee, denkt man zuerst, na klar, vernetzt und so, typisch Gaga – bis man begreift: Farmville? Der nervige Mist mit den Schafen und Zäunen, der unerwünscht die schönen Facebook-Seiten verstopft? Zu dem einen ständig lästige Leute einladen? 45 Millionen Nutzer hat die Game-Community – schon deshalb fühlt es sich cooler an, nicht dabei zu sein.

Und mit diesem Gedanken hat man den Zugang zu „Born This Way“, dem neuen Lady-Gaga-Album, praktisch schon verspielt. Das am meisten erwartete Album jenseits von Entenhausen und Berghain, die Platte, die möglicherweise einen Zeitgeist zusammenfasst, wie es kein Essay aus der „Spiegel“- oder „New York Review Of Books“-Redaktion schaffen kann – es ist genau so uncool wie Farmville. Weil es eben auch Millionen Nutzern in aller Welt gefallen soll. Weil es ein Gruß, eine Botschaft, ein Liebes- und Kaufobjekt für all die unzähligen Splittergruppen der weltweiten Gaga-Gemeinde sein muss, die im vorab veröffentlichten Titelsong vorgerechnet werden.

Bei einer Veröffentlichung dieser Dimensionen (die CD kommt am 23. Mai in die Läden) wäre das an sich keine große Überraschung – wenn Lady Gaga nicht neben ihrer Massentauglichkeit diesen unfassbaren Quecksilber-Underground-Charme hätte, wenn man sich nicht auch als gestandener Seen-this-been-there-Zuschauer immer wieder von ihr ertappt und verdattert fühlen würde. Und wenn man nicht tief drin im kunstsinnigen Herzchen die Hoffnung hätte, dass eine derart ungewöhnliche Figur auch wirklich ungewöhnliche Musik macht. Wie ihr es mit einigen Singles der bisherigen Karriere ja auch gelungen ist, mit „Bad Romance“ oder … Oder was eigentich?

„Born This Way“ bietet High-Energy-Discorock-Stampf („Marry The Night“), Ballermann-La-La, wie es die Holländer in den 80er-Jahren nicht schlimmer hinbekamen („Americano“), Vengaboys-artigen Nineties-Viva-TV-Rave („Scheiße“) und sogar echten Bonnie-Tyler-Deostift-Werbung-Rock („Yoü And I“). Dass das eine oder andere Stück seine kleinen Raffinessen hat, dass gerade dieser Lakritze-mit-Lachs-Stilmix manchmal schon wieder wie ein Statement riecht, versteht sich fast von selbst. Aber das sollte genauso klar sein: Auch für Fans von tendenziell discotauglichen Künstler wie den Pet Shop Boys, Paul Kalkbrenner oder Hercules & Love Affair ist „Born This Way“ auf ganzer Strecke eine echte Zumutung. Das aktuelle Britney-Spears-Album ist musikalisch meilenweit interessanter.

Aber genau da hat uns die Lady nun mal wieder bei den Eiern erwischt. Denn wer Ernst macht mit so etwas wie demokratischem (nicht sozialdemokratischem!) Pop, mit menschlicher Disco, mit Musik als universeller Sprache, mit Songs als Quellcode für ein Netzwerk, in dem ein besseres Leben möglich ist – der kann nicht anders klingen. Der kann nur die Elite ausgrenzen, die Geschmackselite. Die ein Saxophonsolo höchstens dann gut findet, wenn es in einem Blumfeld-Stück auftaucht. So muss man „Born This Way“ hören: als das Ding, das von allen Millionen Monstern geliket wird, die eure popkulturellen Witze nicht verstehen.

Lady Gaga weiß, dass der Schrei nach Freiheit nicht raffiniert klingt. Beim Eurovision Song Contest hätte sie mit jeder dieser Nummern abräumen können.


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