Eurosonic / Noorderslag Tag 1: ein Besuch in der Sesamstrasse
Wir berichten aus dem holländischen Groningen vom Eurosonic / Noorderslag-Festival. Auftritte von Jake Bugg, Death Hawks und Rangleklod.
In den putzigen Gasschen reiht sich ein Venue ans nächste. Ganz
klar Groningen ist eine Studentenstadt. Die Erklärung für das hohe
Aufkommen der Veranstaltungsorte ist denkbar einfach wie genial:
Wer hier nachts Alkohol ausschenken möchte, der muss dies als
Begleitung bei Liveshows tun. In einer Stadt, deren Bevölkerung aus
Rasselbanden junger Studenten besteht - eine
Win-win-Situation.
Gleich das erste Konzert ist ein Volltreffer. Ohne den Tag vor
dem Abend loben zu wollen: Death Hawks aus Finnland könnte zum “
Next-Big-Thing” des Festivals werden. Die Band besteht aus vier
Blondschöpfen, jeder mit reichlich Körperbehaarung, einer kleiner
als der andere. Die Reitstiefel von Lockenkopf-Sänger und Gitarrist
Teemu Markkula lassen vermuten, dass draußen in den Gässchen ein
paar Ponys darauf warten zurück ins Hotel geritten zu werden.
Musikalisch bieten sie Psychedelic-Rock der 70er: Zeitweise
erinnert der Auftritt an Screamin' Jay Hawkins, wilde Laute,
schamanenhafter Gesang, aber auch an die frühen, guten, Kings of
Leon fühlt man sich erinnert.
Wären da nicht ein paar unvermutete Saxophoneinlagen mit
Hüftgymnastik irgendwo zwischen Elvis und Jagger und
Blues-Brothers-Optik. Viele Fransen in Leder und Jeans, bauchfreier
Schlagzeuger, reichlich Haare, ordentlich Schweiß … in den 45
Minuten nimmt das Ganze ordentlich an Fahrt auf. Am Ende erleiden
die Jungs synchron einen epileptischen Anfall, ekstatisch werden
Instrumente gekloppt, sich im Kabelsalat und Schweißpfützen auf der
Bühne gewälzt und verheddert. Die vier liegen erschöpft, zuckend am
Boden, während die E-Gitarre ihren letzten Ton krächzt - Sturm und
Drang hat neue Protagonisten!
Für das nächste Konzert dreht man sich gerade mal um 180 Grad. Auf der gegenüberliegenden großen Bühne tritt ebenfalls ein schmächtiger Typ auf: Jake Bugg, der hoch gehandelte Blues-&-Folk-Crooner aus Nottingham. Abgesehen von der kleinen Statur: keinerlei weitere Gemeinsamkeiten mit der Vorgänger. Bugg und der Grund, warum er in aller Munde ist, wird mir weiterhin ein Rätsel bleiben. Mag sein, dass er ein viel versprechender Songwriter ist; seine Songs sind erdig und haben definitiv eingängige Melodien. Doch das täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass er am heutigen Abend wie ein Erdmännchen aus Alvin and the Chipmunks klingt. Einen Song lang ist er defintiv radiotauglich – doch auf Konzertlänge wirkt er ermüdend. Anders gesagt: Bugg muss sich live noch finden. Gemessen am heutigen Auftritt wäre er meiner Meinung nach eher eine Bereicherung für die "Sesamstrasse".
Letzte Station der Nacht ist Vera, ein Club, der seit 30 Jahren
Sprungbrett für einige Karrieren gewesen ist. Eine Bordüre an der
Wand informiert darüber, wer hier schon alles den Vera Poll, den
eigens ausgerichteten Nachwuchspreis, gewonnen hat: Giant Sand, U2,
Sonic Youth, Nirvana, die The White Stripes und und und.
Die Liste ist lang, die Nacht kurz. Auf der Bühne das
Elekro-Frickel-Duo Rangleklod: Kurze Tracks, markante Stimme von
Esben Andersen, die neben Beats angenehm viel Raum einnimmt. Dazu
sirenenhafter Gesang seiner charmanten Begleitung im
Pailettenkleid. Rangleklod ist definitiv im Rennen für den Preis
der freundlichsten Band des Eurosonic: Sie bedanken sich nicht nur
ausgiebig nach jedem Song, sondern verteilen zudem auch
Visitenkarten im Publikum: "Damit Du uns nicht vergisst." Rangleklod, ich gelobe mein Bestes, doch es gibt noch so viel zu
sehen und nochmehr zu hören!
Die neue Ausgabe mit dem großen Jahresrückblick 2012. Dazu: Unsere Gespräche mit Billy Gibbons von ZZ Top, die gerade aus ihrer Schaffenskrise fanden, Scott Walker, dem Verweigerer des Pop und Tocotronic, die 20-jähriges Bandbestehen feiern. Passend dazu die exklusive Live-CD mit den besten Songs von Tocotronic von 1993 bis 2012.