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Highlight: Michael Stipes erstes Interview nach der Trennung von R.E.M.

Michael Stipe im Interview: „Alles was ich sehe, ist wundervoll. Moment. Tote Vögel würde ich nicht fotografieren“

Es tut sich gerade was im Leben des Michael Stipe: Unlängst veröffentlichte der ehemalige R.E.M.-Sänger mit „Your Capricious Soul“ seine Solodebüt-Single, deren Erlöse der „Extinction Rebellion“-Bewegung zugute kommen. In Berlin, wo er einen Wohnsitz hat, bewirbt er derzeit mit dem Kollegen Mike Mills das 25. Jubiläum des R.E.M.-Albums „Monster“, das als Reissue neu aufgelegt wurde. In der Galerie und Fotobuchhandlung „Bildband Berlin“ stellte der 59-jährige sein neues Fotobuch „Michael Stipe with Douglas Coupland: Our Interference Times: A Visual Record“ vor. Darin versammelt er in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Coupland Aufnahmen, die den Übergang von der Analog- zur Digitalfotografie und damit eine chaotische Welt abbilden sollen. ROLLING STONE traf Stipe zum Gespräch über den Dächern des Holzmarkt 25 in Berlin, einem „Kreativdorf“ mit Studios, Galerien, Clubs und Restaurants.

Michael Stipe signiert sein Buch

Ihr Bildband wird mit dem Abdruck Ihres Songtexts zum R.E.M-Lied „Hope“ von 1998 eröffnet, zeigt handschriftliche Änderungen und Notizen. Was möchten Sie damit ausdrücken?
Das Thema dieses Songs und das meines Buchs gehen Hand in Hand. Deshalb habe ich „Hope“ darin abgedruckt: Es geht um das Chaos beim Songwriting. Das Stück handelt von einem Menschen, der schrecklich krank ist – und der sich entschieden hat, einer neuen Medizintechnik zu vertrauen um sein Leben zu retten. Es macht ihm große Angst, gerade, weil diese Methode experimentell ist. Das verbindet den Song mit dem Bildband: Wir befinden uns seit ungefähr 30 Jahren in einer verrückten Periode. Fotografie wandelt sich vielleicht endgültig vom Analogen zum Digitalen. Es ist nicht beängstigend, aber befremdlich, wie einfach Fotografie geworden ist.

Warum?
Es ist die Technik, die ich manchmal befremdlich finde, aber auch die Motive, die ich sehe. Um 2005 herum wurde mir klar, dass Digitalkameras ihren Aufschwung erfahren. Auch ich fing an, Dinge anders zu sehen und aufzunehmen. Im Jahr 2007 startete ich ein Experiment: Ich machte einen Online-Kalender auf, „Future Epicentre“, und darin veröffentlichte ich jeden Tag ein Foto, aufgenommen mit meiner Digitalkamera – so wollte ich zeigen, wie digitale Technologie die Art ändert, mit der ich Bilder mache.

Fotografie verändert die Art, wie wir Politiker wahrnehmen

Können Sie uns ein Beispiel nennen?
In meinem Buch ist die Nahaufnahme einer Glühbirne abgebildet. Den Glühfaden hätte ich mit einer normalen Kamera niemals fotografieren können, nicht mit meinen herkömmlichen Linsen. Oder nehmen Sie Insekten, das Innere des Auges. Mit Film hätte das niemals funktioniert, das wäre Materialverschwendung. Deshalb verändert Digitalfotografie schlicht die Weise, wie wir Gegenstände oder Lebewesen wahrnehmen. Es verändert aber auch die Art, wie wir debattieren, wie wir über Politik reden, wie wir Politiker wahrnehmen. Unsere Sicht auf die Welt verändert sich radikal. Hier kommt auch der Unterschied zwischen den Generationen ins Spiel.

Adam Berry Getty Images


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