Snail Mail
„Ricochet“ – Üppig-Indie
Matador/Beggars (VÖ: 27.3.)
Lindsey Jordan stellt die ganz großen Fragen – mit Emo-Rock.
Der Auftakt des dritten Albums von Lindsey Jordan alias Snail Mail heißt „Tractor Beam“ – ein Begriff aus der Science-Fiction, der eine künstlich erzeugte Anziehungskraft meint. Die Protagonistin wird hinaufgezogen in den Himmel, endlich frei. Das ist eine gute Einleitung für dieses Album, auf dem es viel darum geht, nicht unter dem Gewicht der großen Fragen zusammenzubrechen und möglichst unbeschwert durchs Leben zu gehen. Auch bei „My Maker“ ist das ihr Thema: Jordan möchte mit einem Flugzeug in den Himmel fliegen, aber diesmal ist nicht das Firmament gemeint, sondern die göttliche Stätte. „Oh, bouncer in the sky, let me in, I’m scared to die.“ Jordan denkt ans Sterben, aber noch mehr denkt sie ans Leben. Wie verbringt man seine Jahre? Ergibt das alles Sinn?
„Ricochet“ ist Snail Mails Coming-of-Age-Werk
„Ricochet“ ist Snail Mails Coming-of-Age-Werk. Die Musik führt die der ersten beiden Alben weiter: Nineties-Alternative-Rock, Emo und ein milder Grunge. Doch der Sound ist nun opulenter – Streicher und große Hallräume öffnen die Kulissen. Die Produktion übernahm unter anderem Mitch Easter, und das ist eine interessante Wahl. Easter produzierte Anfang der Achtziger die ersten Alben von R.E.M. und ist für den Jingle-Jangle-Sound jener Jahre bekannt.
Vielleicht spürt man seinen Stil in den Gitarrenarrangements zum Beispiel von „Butterfly“, einem gleichzeitig aufgekratzten und watteweichen Lied. Beim sanften „Hell“ denkt man wirklich ein bisschen an Easters berühmteste Klienten, der Refrain ist aber Power-Pop wie von Juliana Hatfield. „Nowhere“ verbindet Death Cab For Cutie mit Radiohead zur Zeit von „In Rainbows“. Der größte Moment gehört dem epischen Titelsong, der an die Melancholie der Smashing Pumpkins erinnert. Jordan hat einen erlösenden Gedanken: „If there’s nothing ever after/ We can do whatever we want/ Hallelujah, I’m alive.“