Future of Music

Achtung, Newcomer! Wir feiern mit tollen Bands und Musiker:innen die Zukunft der Musik. 25 Gründe zur Zuversicht

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Lola Young

Lola Young

Die erfolgreichste unter den hier versammelten 25 Musiker:innen singt mit kraftvoller Stimme schonungslose Wahrheiten. Ein Zusammenbruch auf der Bühne war der Wendepunkt für sie

Lola Young sitzt an einem Flügel in der Crypto.com Arena in Los Angeles, ihre Hände schweben über den Tasten. Es ist fünf Monate her, seit sie das letzte Mal auf der Bühne stand, und alle im Saal haben ihre Augen auf sie gerichtet. Sie wartet einen Moment und beginnt. Die melancholische Melodie einer kargen, reduzierten Version ihres Hits „Messy“ erfüllt die Arena. Der Song baut sich langsam auf und bereitet den Weg für die entwaffnende Kraft ihrer Stimme.

Jemand flüstert leise: „Wow!“, als sie in die erste Strophe gleitet, ihre Stimme kratzend, schmerzvoll und zerbrechlich. Dann stürzt sie sich in einen hochfliegenden, der Schwerkraft trotzenden Gesang, und der Klang ist tief und bewegend und – „Mein Mikrofon spielt verrückt, sorry, Leute!“, ruft Young, unterbricht ihren eigenen Song mit ihrem rauen Südlondoner Akzent und rückt das Mikrofon an ihrer Hüfte zurecht. „Es macht irgendwie nur Lärm und Lärm.“ Verstärkung trifft ein. Ein paar Techniker laufen auf die Bühne, um ihr zu helfen, denn alles muss jetzt sofort geklärt werden.

„Ich möchte Musik machen, zu der man weinen, lachen, sich trennen und verlieben kann.“

Es ist Youngs Probezeit, nur wenige Tage bevor sie bei den Grammys auftritt – als Teil eines Medleys, das alle Nominierten für den „Best New Artist“ präsentiert. Lola Young ist eine der Anwärterinnen in diesem Jahr, und sie arbeitet jedes Detail ihres Auftritts aus.

Die Bühne ist genau so gestaltet, wie sie bei der Preisverleihung sein wird, und darunter stehen Tische mit Pappfiguren von Lady Gaga, Chappell Roan und Bad Bunny als Platzhalter für die Stars, die am Sonntag den Saal füllen werden … Julyssa Lopez

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Dexter In The Newsagent

Dexter In The Newsagent

Vielseitiger Dance-Pop aus einem Südlondoner Schlafzimmer

Dexter In The Newsagent bekam ihren Künstlernamen durch einen Scherz auf einer Party in der Highschool verpasst. „Jemand fragte: ‚Wie heißt sie denn?‘ Und ich sagte: ‚Dexter‘, weil ich das so lustig fand“, erinnert sie sich. (Für „In The Newsagent“ war etwas mehr Brainstorming nötig: Der Name entstand aus der Notwendigkeit, ihre Google-Such-Ergebnisse von der Serien­mörder-­Serie abzugrenzen.)

Die als Charmaine Ayoku geborene Singer-Songwriterin aus Südlondon schaffte mit ihrem Debüt-Mixtape „Time Flies“ 2025 den Durchbruch – ein Bed­room-­Pop-Projekt mit Anklängen an PinkPantheress und Clairo. Aufgewachsen bei nigerianischen Eltern in der Nähe von Brixton, hatte sie 2019 ein prägendes Erlebnis, als sie Solange sah: „Das hat mich daran erinnert, dass eigentlich alles möglich ist.“ Sie begann während der Covid-Lockdowns Musik zu machen. Als Nächstes steht ihr richtiges Debütalbum an. „Im Moment“, sagt sie, „versuche ich einfach jede Menge Spaß zu haben.“ Jaeden Pinder

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Modern Woman

Modern Woman

Avantgarde-Post-Punk, der es sich nicht leicht macht

Wer’s einfach haben will, ist hier falsch. Die Lieder von Modern Woman sind literarisch-musikalische Collagen aus Post-Punk, Noise-Rock, Folk und Avantgarde, bei denen man Widersprüche, Perspektivwechsel und grelle Kontraste aushalten muss. „Eigentlich klingen unsere Songs oft chaotisch“, gibt Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Sophie ­Harris zu, „aber genau das macht für uns einen Teil des Reizes aus.“ Aber auch fürs Pu­bli­kum. Das konnte man in Deutschland schon bei den Auftritten der Band aus East London im Vorprogramm von Ezra Furman erleben.

Harris, deren herrlich eigentümlichem Gesang eine Sozialisation zwischen Björk und Sioux­sie Sioux anzuhören ist, findet zwar, dass die Vielfalt der Geschmäcker der Bandmitglieder – neben ihr sind das David Den­yer (Violine), Juan Brint-Gutiérrez (Bass) und Adam Blackhurst (Schlagzeug) – den Sound des Modern-­Woman-­Debüts „Johnny’s Dreamworld“ prägt. Doch allein schon der pop-­poetische Kosmos, aus dem sie selbst schöpft, würde für viele Bands reichen. Wenn man sie fragt, was ihr erstes musikalisches Aha-­Erlebnis war, kann sie sich nicht entscheiden, ob es der Moment war, als in „The Rip“ von Portishead Akustikgitarre und Synthie-Arpeggios aufeinandertreffen, oder der, als sie zum ersten Mal Odetta singen hörte.

Sie liebt gleichermaßen den Humor in der Lyrik von John Betjeman, das Gefühl des Unheimlichen im Alltäglichen in Raymond Carvers Kurzgeschichten und die Poesie von Emily Dickinson. Und wenn man es sich nicht zu einfach macht, kann man Spuren von alldem in Songs wie „Neptune Girl“, „Dashboard Mary“ oder „Killing A Dog“ entdecken. Gunther Reinhardt

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Asher White

Asher White

Wilder, kreativer Indie-Pop von einer Bandcamp-DIY-Künstlerin

„Ich bin das Gegenteil einer Perfektionistin“, sagt Asher White, eine Multiinstrumentalistin aus dem Großraum Chicago, deren komplexe Indie-Pop-Kompositionen die Klangfarben der seltsamen, zusammengewürfelten Instrumente widerspiegeln, die sie sammelt. White, im Jahr 2000 geboren, veröffentlichte ein Dutzend selbst aufgenommene Alben auf Bandcamp, bevor sie ihr Studium abschloss und bei einem Label unter Vertrag genommen wurde. 2024, nachdem sie ein Jahrzehnt lang mehr oder weniger im Verborgenen aufgenommen hatte, erntete sie Lob für „Home Constellation Study“, ein Album mit kunstvollen Folk-Pop-Perlen. (In den Linernotes werden ihr „Fake-Mellotron, Glitzer, Glockenspiel, Granularsynthese, Handpercussion“ und mehr zugeschrieben.)

Letztes Jahr unterschrieb sie beim Indie-­Label Joyful Noise, spielte auf dem Transrechte-­Festival Liberation Weekend und veröffentlichte „8 Tips For Full Catastrophe Living“, das zwischen zarten Melodien und hämmerndem Doom Metal hin und her schwankt. „Es ist irgendwie schön, so viel Musik veröffentlicht zu haben, auch wenn es erfolglos war, denn ich kann darauf vertrauen, dass ich es tun werde, egal was passiert“, sagt White, die mittlerweile in Brooklyn lebt. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich sofort Ruhm verdiene, nur weil ich Musik mache. Aber ich nehme ihn gern an! Wenn er mir angeboten wird.“ Zach Schonfeld

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Paul Holland

Paul Holland

Verträumter Folk-Pop eines cleveren Kosmopoliten

Es gibt praktisch keine Menschen, die Sonnenblumen nicht mögen, ob echte oder die von van Gogh. Man freut sich einfach, dass es sie gibt. Mit dem Debütalbum von Paul Holland ist das ähnlich. „Sunflower“ erscheint am 21. Mai und hört sich erstaunlich undeutsch an für jemanden, der in Ulm aufgewachsen ist. Das liegt daran, dass Holland amerikanischen Soft Rock genauso liebt wie britischen Folk – und dass er den Vorteil der Zweisprachigkeit auf seiner Seite hat: Sein Vater stammt aus London, die Mutter aus München. Und er selbst fühlt sich immer dort zu Hause, „wo ich mich mit Menschen umgebe, die mir guttun, und ich mit mir selber im Reinen bin“. Momentan ist das Berlin. Dass er englisch singen würde, war für ihn früh klar, deutsche Musik hat er nie viel gehört. Es passt gut, dass er jetzt mit dem ebenso aufgeschlossenen Jesper Munk unterwegs ist. Einige Solo-Konzerte stehen auch an. Von einer großen Tour mit Band träumt Paul Holland noch – aber wahrscheinlich nicht mehr lange. Clevere Planung ist für ihn kein Problem. Nach der Albumproduktion waren seine Reserven erst mal aufgebraucht, also hat er ein Crowdfunding gestartet, um eine Vinyl-Auflage und hübsche Shirts finanzieren zu können. Mit Erfolg.

Seit drei Jahren lebt er von der Musik. Das ist natürlich oft nicht einfach, doch er möchte es auf keinen Fall anders. Seine Leidenschaft ist kompromisslos: „Ein Plan B lenkt meiner Meinung nach zu viel von Plan A ab, demzufolge habe ich keinen.“ Was sich Paul Holland für die Zukunft erhofft? „Wenn es mir gelingt, den Leuten zu zeigen, dass ich mehr bin als ‚nur‘ der Typ mit der Gitarre und den ruhigen Folk-Stücken, dann hätte ich schon viel erreicht.“ Birgit Fuß

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Die Spitz

Die Spitz

Absurd energiegeladener Punkrock aus Austin

Als letztes Jahr die E-Mail von ihrem Management eintraf, in der stand, dass sie als Vorgruppe der Foo Fighters auftreten würden, schrie Chloe de St. Aubin, die Schlagzeugerin von Die Spitz, vor Freude. Sie saß neben ihrer Bandkollegin, der Gitarristin Eleanor Livingston, und versuchte sich auf die Hausaufgaben für ihre Online-College-Kurse zu konzentrieren. Doch ihr Punk-Quartett, das sie erst wenige Jahre zuvor gegründet hatten, war natürlich wichtiger. Ihre fast absurd energiegeladenen Konzerte und ihr Debütalbum, „Something To Consume“, hatten ihnen eine treue Fan­gemeinde beschert, und sie waren bereit für den nächsten Schritt. „Wir drehten uns im Kreis“, sagt de St. Aubin. „Ich dachte: Wir machen gar nichts – was sollen wir tun? Und dann schaute ich auf mein Handy.“ Sie hatten sich diesen Auftritt als Vorband der Foo Fighters in einem Stadion mit 61.000 Plätzen in Liverpool im Juni 2026 gesichert – ihre größte Show aller Zeiten.

Der Weg zu diesem Triumphmoment – einem von vielen, die sie dieses Jahr erleben werden, da sie auch bei Coachella, Outside Lands und Lollapalooza auftreten – begann bereits 2022, als Livingston, Bassistin Kate Halter und Gitarristin Ava Schrobilgen alle dieselbe Highschool in Austin besuchten. „Wir standen total auf Rockbands, rauchten jede Menge Gras und feierten gerne“, sagt Livingston. „Also dachten wir: Wir sollten eine Band gründen.“ Nachdem sie ihre Besetzung mit de St. Aubin vervollständigt hatten, entwickelten sie ein Ritual, bei dem sie alle paar Songs die Instrumente tauschten und à la Iggy Pop ins Publikum sprangen.

Letztes Jahr wurden sie bei Jack Whites Third Man Records unter Vertrag genommen, nachdem sie bei einem SXSW-Showcase gespielt hatten. „Ich hatte die Grippe und war total krank“, erinnert sich Livingston. „Ich dachte: Bin ich gerade gestorben? Und sie sagten: Ihr wart der Hammer!“ Heutzutage spielen sie vor viel größerem Publikum und lieben es. „Das Schöne daran, vor so vielen Menschen zu spielen, ist eine Energie, die nicht viele Menschen erleben“, sagt Livingston, „vor allem wenn sie deine Texte kennen und so. Es ist, als hättest du den Gipfel eines Berges erreicht. Es ist verdammt noch mal besser als Sex. Es ist ein verrücktes ­Gefühl!“ Andy Greene

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Baumgart

Baumgart

Der nächste Clueso? Zwischen Pop, Electro und HipHop baut sich Baumgart seine eigene Nische – und zeigt Haltung

cheißegal ob Berlin oder Iserlohn/ Nirgendwo fühl ich mich angekommen“, singt Baumgart in „Der schlimmste Ort ist in mir drin“. Egal wo man ist, immer nimmt man sich selbst mit. Das kann der 22-Jährige gut: universelle Gefühle in Reime verpacken, bei denen man sofort zustimmend nicken möchte.

Aufgewachsen ist er in Dortmund, momentan wohnt er in Hamburg. Vor allem aber lebt er für seine Musik. Das ging schon ganz früh los: In der zweiten Klasse entdeckte er den Kinderchor, und während andere lieber aufs Fußballfeld wollten, schrieb er mit vierzehn „erste kleine Lieder“, deren Texte er jetzt natürlich nicht mehr so gut findet. Er lacht verlegen. Unter seinem Käppi hat Baumgart ein offenes, freundliches Gesicht, das zu seiner Musik passt. Er mischt Singer-Songwriter-Electropop mit ein bisschen HipHop und singt auf sehr direkte Weise von dem, was er erlebt. Das war bisher schon eine Menge.

„Wenn ich ausgelacht wurde, dachte ich immer: Euch beweise ich es! Ätsch!“

2018, mit dreizehn, nahm er bei „The Voice Kids“ teil, damals als Pepe. Er scheiterte in der Battle-Round an „Weinst du“ von Echt. Wahrscheinlich gut, so werkelte er an seinen eigenen Songs weiter. Zwischendurch hatte er ein Projekt namens Felipe, jetzt nennt er sich nur noch Baumgart – nicht um sich von der Vergangenheit abzugrenzen, sondern weil ihm der Naturbezug in seinem Nachnamen gefällt.

Als Jugendlicher hat Baumgart viel Deutschrap gehört, Sido und so, und dann das Singen ein bisschen vernachlässigt. Eine Freundin brachte ihn auf den richtigen Weg zurück: „Ich habe mir da was vorgemacht, dass ich so ein cooler Straßenrapper bin … Aber das bin ich halt nicht!“ Wenn HipHop, dann eher die Clueso-­Schule – dessen Fähigkeit, Sprechgesang mit mitreißenden Melodien zu verbinden, hört man bei Baumgart auch. Auf Instagram steht unter seinem Namen „Mache Musik und soooo“ – er legt sich ungern fest. „Meine Musik hat schon Einflüsse vom Indie-Pop, manches vom Rock, es gibt Balladen, die Strophen sind oft sehr rappig – es ist alles dabei. Ich denke nicht in Genres, sondern in Geschichten. Kommt immer darauf an, was in meinem Leben passiert. Das ist eine bunte Wundertüte!“ Dazu passt, dass sein allerliebster Sänger Freddie Mercury ist … Birgit Fuß

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Bunt

Bunt.

Positive Vibes von Stuttgarter EDM-Star

Das Wort „bunt“ beschreibt Levi Wijks Sound, seine Einstellung und seine bisherige Geschichte treffend. „Genau darum geht es bei der Marke Bunt.“, sagt Wijk: „Schweiß, Energie, Ehrlichkeit, Positivität, Glück und das Überwinden der Barrieren, die manche Künstler zwischen sich und ihren Fans errichten.“

Seit seinem Durchbruch mit einer viralen Single vor fast zwölf Jahren hat Wijk mehrere Plattenverträge hinter sich gebracht, einen Bandkollegen verloren, war pleite, hat riesige Gigs gespielt und seine Helden getroffen. Aber egal, was das Leben ihm auch zugemutet hat, er war in seiner Herangehensweise stets positiv, und seine laute, lebhafte, arenenfüllende Musik hat ihn zu einem der größten aufstrebenden Stars der EDM-Szene gemacht. Er freut sich darauf, in diesem Frühjahr beim Coachella zu spielen: „Hoffentlich bin ich der Erste, der in die Menge springt, um einen riesigen Moshpit zu starten!“ Zach Schonfeld

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Maria Basel

Maria Basel

Wilde, weit offene Melange aus Klassik, Pop und Electronica

Sie kommt aus einer Musikerfamilie: Großvater Komponist, Mutter Konzertpianistin, Vater Cellist. Klassik war Maria Basel, die in der Ukraine geboren wurde und jetzt im Bergischen Land lebt, also quasi in die Wiege gelegt. Trotzdem hat sie sich nach einer Klavier-Ausbildung entschieden, in alle möglichen Richtungen zu gehen, hat Jazz gespielt und war DJ. Jetzt macht sie „eine wilde Mischung aus Klassik, Pop, R&B, Electronica“ – wenn man überhaupt irgendwelche Schubladen aufmachen möchte. Sie lässt sich ungern festlegen, experimentiert gern mit verschiedenen Genres.

Auf ihrer aktuellen EP „The Longing“ ist das schön zu hören: Sie macht weite Räume auf mit ihrem Klavier und ihrer ätherischen Stimme, es pluckert und pocht, eine sanfte Melancholie legt sich auch über die lauteren Momente. Und ähnlich unbegrenzt ist auch ihre klare Vorstellung von einer besseren Welt: „Ein Traum wäre es, wenn ich von der Musik leben könnte. Wenn ich in einer Welt leben würde, in der Musik nicht ständig entwertet wird durch ex­trem schnellen Konsum, KI und Streamingplattformen, die Künstler:innen ausbeuten. Eine Welt, in der es auf die musikalische Qualität, das Gefühl, die Liebe und Echtheit ankommt. Eine Welt, in der man nicht ständig gezwungen wäre, zum Content-­Creator-­Clown zu werden, um Menschen, die sowieso schon überreizt sind, zu erreichen. Eine Welt, in der Frauen in der Musik­industrie nicht unterrepräsentiert sind.“ Und so weiter. Es ist ein langer Weg, aber irgendwer muss ja loslaufen. Birgit Fuß

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WordsOfAzia

WordOfAzia

Poetische Selbsterkundung einer Nomadin

Eine Kosmetikerin bringt sanft ein neues Paar Acrylnägel bei WordsofAzia an, während wir es uns für ein Gespräch in einem Pariser Schönheitssalon gemütlich machen. „Ich habe das Gefühl, dass es etwas Besonderes hinzufügt, wenn ich Gitarre spiele.“ Die französisch-ivorische Singer-Songwriterin, geboren als Nelly Azia Seyden, sucht immer nach Schönheit – auch in der Kultur ihrer Vorfahren, der Bété, einer Untergruppe des Kruo-Volkes der Elfenbeinküste, das für seine energiegeladenen Tänze und Lieder bekannt ist. Aufgewachsen sowohl in ihrer Heimatstadt Sékouan als auch in Paris, tauchte WordsofAzia in ihr ivorisches Erbe ein, indem sie ihrer Mutter beim Singen und Tanzen zusah. Ihr Vater war ein begeisterter Sammler afrikanischer Musik und machte sie mit der nigerianischen Legende Fela Kuti und der kapverdischen Sängerin Cesária Évora bekannt.

Auf ihrem Debüt, „Modern Wihegou“, mischt sie traditionelle Bété-Rhythmen mit einem Hauch von Soul und Jazz. Das Album ist reich an westafrikanischen Instrumenten wie der Kora und der Djembe und voller Themen wie Herkunft, Spiritualität und Hoffnung. „Bei meinem letzten Besuch in meinem Dorf bat mich meine Mutter, etwas Erde in meine Hände zu nehmen und ein Gebet an meine Vorfahren zu flüstern“, sagt sie. „In Zukunft möchte ich diese Rituale – das Feiern, das Beten, die Verbindung zu unserem Land – nutzen und das in meiner Musik zum Ausdruck bringen.“ Chinonso Ihekire

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Marc Richter

Marc Richter

Er nennt es Neue Deutsche Kunst, nutzt KI – und Ideenreichtum

Top oder Slop? Wenn es um die Zukunft der Popmusik geht, ist KI der rosa Elefant im Recordstore. Von Software kreierte Bands wie The Velvet Sundown oder Breaking Rust bevölkern zunehmend Spotify und YouTube, während die Musikindustrie zwar lautstark jammert und klagt – aber längst an neuen, interaktiven Geschäftsmodellen bastelt. Keine guten Zeiten für Indie-Musiker:innen und kleine Labels. Marc Richter beobachtet diese Entwicklung mit Sorge, glaubt aber an die schwer totzukriegende Kraft des Authentischen. Der Mittfünfziger startete in Freiburg als Punk und gründete Ende der Neunziger in Hamburg das experimentelle Label Dekorder. Bei der Chicagoer Plattenfirma Thrill Jockey hat Richter als Black To Comm bisher vier Alben mit abstrakter Endzeit-Elektronik veröffentlicht. Und als wäre das alles noch nicht genug, produziert er auch Kurzfilme.

Unter dem Alias Neue Deutsche Kunst hat der sehr entspannt wirkende Vollbartträger jetzt ein Album veröffentlicht, das zu hundert Prozent auf KI basiert: Musik, Videos, Cover, Songtitel, einfach alles. Richters Interesse an künstlicher Intelligenz begann 2022 mit Bildgeneratoren wie Stable Diffusion: „Das war Ende Covid, man war viel zu Hause und hatte Zeit für Experimente. Vorher war das eher ein Thema für Programmierer, mit der neuen Software ging es auch ohne technische Kenntnisse. Ich habe eigentlich nur wegen der Soundtracks zu meinen Filmen damit angefangen. Das läuft auch parallel zu meiner anderen Musik.“

Das vor Kurzem veröffentlichte Album „Keine Nichtmusik“ ist ein sperriger, aber nicht unangenehm zu hörender Brocken Avantgarde, liefert Klangcollagen voller Brüche und Gegensätze. Als hätte Frank Zappa mit einer Folksängerin aus den Siebzigern gearbeitet oder das Sun Ra Arkestra eine Margarine-Werbung eingespielt. Existierende Musikstile zwischen Jazz, Easy Listening und Pop werden nicht einfach imitiert, sondern genüsslich zerlegt und seziert. Die Texte sind purer Dada, ein Song heißt „Schlingen siefen und Fässe binden“. Videos, allen voran das großartige „Hugs & Kisses“, sehen aus wie mit einem Cast von Aliens gedreht – und vermitteln trotzdem eine zärtliche Intimität. Als der zehnminütige Kurzfilm im Februar bei der Woche der Kritik lief, einer Nebenveranstaltung der Berlinale, waren Jury und Publikum davon sehr angetan. „Es sind ja lauter künstliche Kreaturen, die in ‚Hugs & Kisses‘ vorkommen“, sagt Richter, „aber viele Zuschauer sagten hinterher, der Film habe sie sehr berührt.“ … Jürgen Ziemer

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Ravyn Lenae

Ravyn Lenae

R&B mit Ambition von der „Love Me Not“-Hitschreiberin

Vor zwei Jahren, im Mai 2024, spielte Ravyn Lenae an einem lauen Abend vor einem großen Publikum an der UC Davis. Der Auftritt an der Universität fiel auf denselben Tag, an dem sie die verträumte R&B-Single „Love Me Not“ als Vorbote ihres zweiten Studioalbums, „Bird’s Eye“, veröffentlichte. „Natürlich kannte niemand den Song“, erinnert sich die 27-Jährige. „Und sobald die Trommeln einsetzten, sah ich, wie sich die Stimmung im Publikum komplett veränderte.“ Als sie die Reaktion des Publikums beobachtete, dachte sie bei sich: „‚Love Me Not‘ hat etwas ganz Besonderes.“ Sie hatte recht: Im ­April 2025, fast ein Jahr nach der Veröffentlichung, schaffte „Love Me Not“ es auf Platz 81 der „Billboard“ Hot 100, und im Sommer war es bis auf Platz 5 geklettert. (Es wurde auch in Millionen TikToks verwendet.) „Als wir den Song fertig hatten, wusste ich, dass es ein großer Song war – er hat etwas an sich, das jeden Nerv trifft, zumindest bei mir“, sagt sie. „Es war nur eine Frage der Zeit.“

Tatsächlich war ihr Durchbruch das Ergebnis jahrelanger Arbeit: Sie unterschrieb 2016 als strahlende 17-Jährige bei Atlantic Records und hat seitdem auf diesen Moment hingearbeitet. Jetzt, da sie ihrem dritten Album den letzten Schliff gibt, sucht Lenae nach der goldenen Mitte zwischen Geduld in der Gegenwart und dem Stillen ihres Hungers nach etwas Neuem. „Was die Leute jedes Mal von mir erwarten können, ist, dass ich etwas Neues ausprobiere, auch wenn ich den Regler nur ein kleines bisschen nach links drehe“, sagt sie. „Jedes Mal werde ich auch noch das letzte Teilchen hinterfragen.“ Larisha Paul

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Oklou

Oklou

Verspielter, futuristischer Alt-Pop aus Frankreich

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die französische Sängerin Oklou „Choke Enough“, ein Debütalbum voller glitchiger Zukunftsvisionen und beiläufiger Tiefgründigkeit. Von Kritikern und Fans gleichermaßen gelobt, etablierte sie sich damit schnell als neue Kraft in der experimentellen Popmusik. Außerdem wurde sie Mutter, veröffentlichte eine Deluxe-Version des Albums mit einer Zusammenarbeit mit FKA twigs und tourte um die Welt. Als ich sie erreiche, kehrt sie gerade in ein Café auf dem französischen Land ein, wo sie mittlerweile lebt. „Ich habe mich um meinen Sohn gekümmert, mich um mein Haus gekümmert, mich ausgeruht“, sagt sie. „Um ehrlich zu sein: Ich hatte zu viel gearbeitet.“

Die 32-Jährige, geboren als Marylou Mayniel, besuchte als Kind ein Konservatorium in Westfrankreich und erhielt eine klassische Ausbildung in Klavier und Cello. Das Musiktheorie-Wissen ist ihr geblieben, auch wenn sie glaubt, dass ihre eigentliche Musikkarriere erst begann, „als ich meinen eigenen Computer bekam“. Ihr Album zeichnet sich durch flackernde Produktionen ihrer häufigen Mitwirkenden A. G. Cook, Danny L. Harle und Casey MQ aus, die eine verschwommene, verspielte Qualität erzeugen, die zu ihrem fragmentierten lyrischen Ansatz passt. „Ich glaube, der Versuch, der Energie von Kindern näher zu sein als der von Männern, ist etwas, das mich interessiert“, sagt sie. Leah Lu

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Tabea

Tabea

Liebeslieder ohne Kitsch aus Berlin

Ihre Debütsingle hieß „300 Gramm“ – so viel, wie ein Herz wiegt. Das passt, denn bei der Berlinerin Tabea geht es grundsätzlich um Liebe. Aber ohne Kitsch: „Meine Tränen sind aus Rauch und Alkohol/ Der Doktor sagt, das ist ’ne Traumareaktion.“ Ihr Sprechgesang klingt erstaunlich entspannt, hier und da schwingen Billie-Eilish-Vibes mit. Sie beschreibt die Chance, die Verbundenheit gerade in schweren Zeiten bietet, so einfach wie effektiv: „Bin manchmal traurig, aber wenn du mal trauriger bist/ Mach ich ’nen Drink aus Gin und Zuckerwattebrause für dich!“ Das neue „Wildberry Lillet“ ist „Zuckerwattebrause“ noch nicht geworden, aber Tabea steht immerhin bei Sony unter Vertrag – da wird noch einiges gehen. Ihre aktuelle Single „Das neue Hässlich“ beschäftigt sich mit Trauer, auf tröstliche Weise. Birgit Fuß

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Young Miko

Young Miko

Bad Bunny hat es vorhergesagt: Die puerto-ricanische Rapperin ist das nächste große Ding

Bad Bunny zierte 2023 das Cover der Sommer-Doppelausgabe des US-ROLLING STONE und wurde gefragt, welche Künstler:innen seiner Meinung nach die Zukunft der Musik verkörpern. Die erste Person, die er nannte, war Young Miko: „Sie ist eines der neuen Gesichter, die gerade durchstarten, und ich mag sie sehr. Ich habe das Gefühl, dass sie den Leuten noch viel zu zeigen und noch nicht alle ihre Tricks preisgegeben hat.“

Young Miko erinnert sich genau an den Moment, als sie den Interview-Videoclip sah. Ein Fan markierte sie auf Social Media, und sie flippte aus – schockiert und begeistert zugleich, dass einer ihrer Helden sie herausgegriffen hatte. „Das hat mich total überrascht, und ich habe mich so sehr darüber gefreut!“, erinnert sie sich heute. „Es hat mich als Künstlerin und als Mensch definitiv motiviert, mich weiterzuentwickeln.“

Damals veröffentlichte die puerto-ricanische Rapperin einen Hit nach dem anderen, während sie Schwung für ihr Debütalbum aufbaute. „Ich war definitiv in einem Flow-Zustand“, sagt sie. „Ich hatte das Gefühl, dass ich jedes Mal, wenn ich das Studio betrat, total verliebt in das war, was wir da schufen.“ Als „att.“ 2024 erschien, bewies es, dass Bad Bunny recht hatte: Die Fans strömten in die Welt, die Miko auf dem Album erschaffen hatte, das Trap-, Reggaeton- und HipHop-Sounds mischt und dabei unverwechselbare Zeilen auf Spanisch über Ausgeh-Abende, ihren Weg an die Spitze und ihre Selbstliebe und Akzeptanz als lesbische Frau liefert. „Ich war vom ersten Tag an so kompromisslos“, sagt sie. „Das Erste, was die Leute an mir erkannten, war, dass ich offen queer war und für Frauen sang.“ Alle Teile passten zusammen, und Miko kletterte weiter nach oben.

Im November 2025 veröffentlichte sie ihr zweites Album, „Do Not Disturb“, begeisterte das Publikum in den großen Hallen vor Billie Eilish und spielte zwei ausverkaufte Abende in Puerto Ricos berühmtester Arena, dem Coliseo de Puerto Rico José Miguel Agrelot, bekannt als El Choli. So vieles davon ist für Miko, die früher das Geld, das sie als Tätowiererin verdiente, für Studiozeit sparte, immer noch ein wenig verwirrend. Als sie El Choli ausverkaufte, dachte sie an jene frühen Tage zurück, als Musik noch nur ein Traum war. „Als wir die Bühne aufbauten, liefen meine Freunde mit Walkie-Talkies durch die Gänge“, sagt sie wehmütig. „Früher haben wir uns alle in einem Studio getroffen, in das wir kaum passten, und hatten Mühe, eine Pizza zu bestellen, damit wir was zu essen hatten.“

Miko hat sich auch Gedanken über die Zukunft der Musik gemacht. Ein paar Leute, die sie gerade toll findet: „Da ist Kwn, ich liebe, was sie macht. Es ist so cool zu sehen, wie eine Schwester aus der Community total abräumt“, sagt sie. „Und Destin Conrad, der ebenfalls queer ist und unglaubliche Musik macht.“ Sie lobt Katseye, mit der sie kürzlich zusammengearbeitet hat, und die K-Pop-Gruppe Illit.

Das Wichtigste, was sie für ihre eigene Karriere gelernt hat, stammt aus der Arbeitsphase an „Do Not Disturb“, einem Album, das sich um die Idee dreht, einen Gang herunterzuschalten und der eigenen Gesundheit Priorität einzuräumen. Vor Beginn des Projekts hatte sie an Burn-out und Erschöpfung gelitten, und eine Pause zu machen ermöglichte es ihr, den Kopf frei zu bekommen und kreativ zu werden. „Ich bin an einem Punkt, an dem ich meine Freiheit und den inneren Frieden, den ich sowohl als Mensch wie auch als Künstlerin empfinde, sehr schätze“, sagt sie. „Es macht mir große Freude, dass die Dinge immer größer werden. Ich hoffe nur, dass das für mich nie aufhört – ich bin hungrig darauf, weiter zu wachsen.“ Julyssa Lopez

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Magda

Magda

Experimentierfreudiger Pop einer Multiinstrumentalistin

Magda tanzt und schunkelt gern auf mehreren Hochzeiten – und warum auch nicht? Die 22-jährige Saarbrückerin studiert momentan in Linz Schauspiel, sie spielt Klavier und war 2024 als Violinist mit Berq unterwegs. Für ihre Debütsingle, „Brich mich“, und die EP „Pflaster“ hat sie gleich bei Warner Music unterschrieben – aber nach zu großem Druck klingt ihre Musik nicht. Eher nach Spaß am Ausprobieren. Ob großes Orchester, wilder Chor oder kleines Geklimper, der Mittelpunkt ist sowieso Magdas mitreißende Stimme und ihre originelle Art, Katastrophen auch mal in eine lustige Ballade umzuwandeln („2 Versager“). Hochdramatisches wie „Wandrisse“ hat sie aber genauso drauf. Im Sommer erscheint die nächste EP, Anfang 2027 wohl das Debütalbum. Birgit Fuß

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Haylie Davis

Haylie Davis

Eine junge Singer-Songwriterin mit Laurel-Canyon-Flair

Wenn man Haylie Davis’ Musik zum ersten Mal hört, könnte man glatt meinen, man sei über ein verlorenes Album aus dem Jahr 1973 gestolpert, das in einer staubigen Plattenkiste gefunden wurde. Die 26-jährige Musikerin klingt wie eine Mischung aus Emmylou Harris und der Kult-Psychedelic-Folk-Sängerin Linda Perhacs, mit Melodien, die wie der Sonnenschein von Laurel Canyon strahlen. „Meine Einflüsse sind ganz klar, aber ich würde nicht sagen, dass ich bewusst versuche, irgendwas nachzuahmen oder neu zu erschaffen“, sagt Davis. „Meine Songs entziehen sich meiner Kontrolle mehr, als man denken würde. Ich fühle mich einfach wie eine ­Botschafterin.“

Auf ihrem Debüt, „Wandering Star“, das Anfang Juni erscheint, taucht Davis ihre Zehen in den Folk-Pop (das beschwingte „Golden Age“) und in glitzernde Americana (das Pedal-Steel-lastige „Lily Of The Valley“), was sich zu einem kohärenten Ganzen verbindet und eine neue Art von Generation-Z-Musikerin hervorbringt, die in die Vergangenheit blickt, ohne sie nur aufzuwärmen. „Klassisches Songwriting wird nie aus der Mode kommen. Und das ist etwas, wonach ich immer streben werde.“ Angie Martoccio

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Anaïs

Anaïs

Leichte Melodien, starke Präsenz

Anaïs’ Musik ist wie eine sanfte Sommer­brise. In ihren Texten führt die Münchnerin ihre Hörer durch das alltägliche Chaos, in dem man sich so leicht selbst wiederentdecken kann. Und das inklusive aller Höhen und Tiefen, umrissen mit frechen Sprüchen und Selbstironie. Ihr großer Moment kam im vergangenen Jahr: Plötzlich stand sie auf den großen Bühnen und durfte die Hallen für einen Star wie Cro aufwärmen. Anaïs war nun ein Name.

Tatsächlich aber veröffentlicht die 25-Jährige schon seit 2021 Musik, zunächst sang sie auf Englisch. Schon damals zeichneten sich ihre Melodien und Texte durch die Leichtigkeit, die sie vermitteln, aus – und Anaïs’ starke Bühnenpräsenz, die sie sich innerhalb kürzester Zeit aneignete. Ihre Auftritte sind mehr als nur ein Aufwärmprogramm für Stars: Musik für Tagträumer, Küchentänzer – und alle, die sich einfach gern in schönen Klängen verlieren. Emilia Hartmann

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Josie Miller

Josie Miller

Schlaflose Sounds und Songs von der Leipziger DJ

„Angefangen hat alles mit einem Traumtagebuch“, erzählt Josi Miller. „Ich hatte sehr intensive, lebensechte Träume. Sie haben mich genervt, ich hatte keine Lust mehr einzuschlafen, weil ich wusste, der Albtraum verfolgt mich.“ Josi Miller ist DJ. Und wurde nicht nur nachts bei dem Versuch zu schlafen von Ängsten gequält. Auch nachts im Club, hinter dem DJ-Booth, erlebte Miller Momente von Panik, in denen sie sich fragte: „Was mache ich hier eigentlich? Die Situation ist weird: Es ist laut, verraucht, ich bin alleine und spiele Musik ab. Ich bin im Flow, und dann fange ich plötzlich an, über andere Dinge nachzudenken.“

Von ihren Nächten, von Schlaf, Schlaflosigkeit, von Träumen und Albträumen erzählt Millers erstes Album, „4 Stages Of Sleep“, das bei Herbert Grönemeyers experimentierfreudigem Grönland-Label erschienen ist. Ein Konzeptalbum, das zwischen ambient und technoid, zwischen Songstrukturen und Soundflächen changiert. Neben DJ Koze das beste aus dem Club-Kontext geborene Album des vergangenen Jahres.

„Ich wollte meine Themen nicht vertexten, sondern vertonen“, sagt die 36-jährige Leipzigerin. „Ich habe überlegt, mit welchem Synthesizer, welchen Samples, welchen Vocal-Snippets ich arbeiten will.“ Und mittendrin die Schnulze „Dreams“ aus der 80er-Jahre-Romcom „La Boum“, einem eher doofen Film. „Findest du?“, fragt Miller. „Ich hab kaum eine Erinnerung daran. Aber der Song ist in meinem Kopf herumgegeistert, und der Satz ‚Dreams are my reality‘ traf genau meine Wirklichkeit.“ Unnötig zu sagen, dass Millers Coverversion ein bisschen spookier ist als das Original. Und natürlich absolut verträumt, wie in: Albtraum. Sebastian Zabel

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Moritz Jahn

Moritz Jahn

Surfen, Songs und Schauspiel

2022 lud Greenpeace Moritz Jahn auf eine Expedition durch den Amazonas ein. Der Schauspieler, bekannt aus dem deutschen Netflix-Wunder „Dark“, erforschte dort den Regenwald, surfte, schlief in Hängematten. Und fand Gemeinschaft durch Musik. „Wenn du Gitarre spielst und singst“, sagt er, „sind dir die Leute sofort zugewandt. Ganz egal, wo.“

Daheim in Berlin macht Jahn kaleidoskopischen Indie, mal episch, mal intim. Es fällt schwer, seinen Sound zu definieren: Da gibt es wallenden Electro und energischen Folk, englische und deutsche Texte. Fast so, als würde er stets in verschiedene musikalische Rollen schlüpfen. „Meine Songs begleiten mich aber meist länger als die Filme.“

Bald verkörpert Moritz Jahn übrigens einen DJ in der Serie „München Beats“, zuletzt prägten wuchtige Techno-Beats seinen Sound. Als Gegenbewegung schreibt er jetzt wieder mehr auf der akustischen Gitarre. Es lebe die Vielfalt! Fabian Broicher

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The Charcoal Sunset

The Charcoal Sunset

Zeitlose Souvenirs von einer Berliner Americana-Band

Die Berliner Americana-Band The Charcoal Sunset veröffentlichte ihr namenloses Debüt bereits im Jahr 2011 und wurde da­rauf­hin live eine Institution. Und dann kam, wie man so sagt, das Leben dazwischen, das neue Lieder inspirierte, die Band aber zu einer Pause zwang, sodass wir bis zum nächsten Album, „Souvenirs“, anderthalb Jahrzehnte warten mussten. Aber Zeit ist keine Kategorie in den Liedern von Songwriter und Sänger Juri Member, weil sie zeitlos und zugleich ewig gültig sind.

Das Amerika, auf das er sich bezieht, ist eines, das es nur in unseren Träumen gibt – und in den Songs von The Band, Gram Parsons oder Don Williams, er zitiert Lou Reed und Robert Johnson, singt Neil Youngs „For The Turnstiles“, und seine Band begleitet ihn virtuos, stilsicher und geschmackvoll. The Charcoal Sunset kennen die amerikanische Songtradition wie ihre eigene Westentasche. Auch ein Comeback nach 15 Jahren kann die Zukunft der Musik sein, und die Vergangenheit ist noch lange nicht vergangen. Maik Brüggemeyer

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Rosa Anschütz

Rosa Anschütz

Eine Parallelwelt aus Soundflächen

„Aus meinen Songs kann ich auch etwas für die Zukunft lernen“, behauptet Rosa Anschütz und beschreibt damit weniger ein künstlerisches Konzept als eine Praxis der Selbstvergewisserung. Erfahrungen werden bei ihr nicht nur nachträglich reflektiert, sondern unmittelbar in Tracks überführt. Als Klang gewordene Erinnerungsanker.

Sie gehört zu den Musikerinnen, die Songs schreiben, weil sie sich immer weiter verändern und erweitern möchten. Früher war die Berlinerin oft bei Goth-Gigs, dann in Techno-Clubs, und inzwischen liebäugelt Anschütz mit Witch House, Trap und träumt davon, eine Oper mitsamt Contemporary Dance umzusetzen. Und doch wirkt all das, in Songform gegossen, eigentümlich zeit­enthoben. Wie eine Parallelwelt, getragen von Soundflächen, über denen ihre Stimme schwebt – dunkel, eindringlich, irgendwo zwischen Gesang und Sprechen.

Rosa means dark. „Musik hat etwas extrem Psychologisches“, sagt sie und wirkt dabei, als ob diese Erkenntnis sie immer wieder selbst überrascht. Ihr im vergangenen September über Heartworm Press erschienenes Album „Sabbatical“ lässt sich als inneres Protokoll lesen: als Versuch des Loslassens und als bewusste Setzung dessen, was danach bleibt. Auch live sucht sie die Reibung. Reduk­tion trifft auf Bruch, musikalische Strenge auf performative Öffnung mit Sogkraft. Spätestens seit den Konzerten mit Cold Cave und den Gigs beim SXSW zeigt sich, dass ihre fragilen Gefüge aus Dark Ambient, Post-Punk und Cold Wave längst über lokale Szenen hinauswirken. Hella Wittenberg

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Audrey Hobert

Audrey Hobert

Unwiderstehlicher Pop zwischen Ehrlichkeit und Humor

Seit Aubrey Hobert vor knapp zwei Jahren die Szene betrat, ist viel über ihre Musik gesagt worden: Sie sei selbstreferenziell, bekennend, Stream of Con­scious­ness, nachvollziehbar. Als Kind liebte sie Popmusik und war Tänzerin. In der Highschool entschied sie, dass es eigentlich cooler sei, Autorin zu werden. Also studierte sie an der NYU Drehbuchschreiben, machte ihren Abschluss, begann als Autorin bei Nickelodeon zu arbeiten und zog bei einer Freundin aus Kindertagen ein, die zufällig Gracie Abrams war. Am Ende schrieben sie gemeinsam Songs wie Abrams’ meistgestreamte Single „That’s So True“, die auf Spotify 1,6 Milliarden Streams hat – Tendenz steigend.

Dieser Song trägt Hoberts Handschrift: eine schnell gezupfte Gitarre, Texte, die in rasendem Tempo heraussprudeln, Liebeskummer und Verwirrung, vermischt mit selbstbewusstem Humor. Hobert hat diesen Sound mit Solo-Hits wie „Sue Me“ und „Thirst Trap“ sehr wirkungsvoll weiterentwickelt. Jetzt freut sie sich darauf, wieder Songs zu schreiben. „Ich fühle mich nicht verpflichtet, noch vier ‚Sue Mes‘ und sechs ‚Thirst Traps‘ oder was auch immer zu machen“, sagt sie. „Egal was ich als Nächstes machen werde, ich weiß, dass meine melodische und strukturelle Sensibilität so tief im Pop verwurzelt ist, dass alles, was ich sagen möchte, hoffentlich funktioniert.“ Leah Lu

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Club der Harmonie

Club der Harmonie

Aufregender Klavier-Pop von einem jungen Wiener Duo

Als hätte Fiona Apple bei Arnold Schönberg gelernt, so kann man die Musik dieses jungen Duos vielleicht beschreiben. Hannah Hinsch und Juri Baumgartner aus Wien schreiben geisterhafte klavierbasierte Lieder, wagen das Atonale, verweigern sich der Auflösung – in der Musik wie in den aberwitzigen, surrealen Texten. Zugleich gibt es Hinschs helle, schöne Stimme, in der eine Klarheit liegt, eine Wärme, die diesen aufregenden Liedern etwas hinzufügt, das wohl heißt: Harmonie. Treten Sie diesem Club bei! Jan Jekal

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Absteige

Absteige

Neue Neue Deutsche Welle: Fatalistisch und gut

„Hauptsache Gitarren, Synths, Schreien“, fasst Absteige den Kern ihres Sounds zusammen. Mit dieser Formel lässt sich arbeiten. Die Gitarren sind in der Regel clean und effektvoll verhallt, die Synths ominös, das Schreien ist das Schreien einer Einsamen. Dieses klangliche Vokabular der Neuen Deutschen Welle verbindet die Musikerin aus Darmstadt mit einem Fatalismus, der an den depressiven US-Cloud-Rap der Zehnerjahre denken lässt. „Alles, alles, alles zu spät“? Für Absteige beginnt alles, alles, alles erst. Jan Jekal

Foto: David Lachapelle
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fotO: STEPH SEGARRA; ASSISTENZ: WINSLOW MCCURDY
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Foto: MILAN KOCH
Foto: MARIE SUTTER
Foto: TCS
Foto: Rosa Anschütz
Foto: KYLE BERGER
Foto: Dieter Nagl
Foto: Alice Daniela Kiste
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