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Aus dem PlattenladenKolumne

Ein bisschen Ernst muss sein

ROLLING-STONE-Kolumnistin Ina Simone Mautz über essenzielle Erkenntnisse zu Beziehungen und Schallplatten.

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Wenn die Plattenladenklingel läutet, sprinte ich die knarzende, denkmalgeschützte Treppe hinauf und öffne gespannt die Tür: Wartet dort ein bekanntes Gesicht, oder hat Neukundschaft den Weg zu Villa Hansa Schallplatten gefunden? Will jemand „nur mal gucken“, oder ist die Person auf der Suche nach einer bestimmten Platte? Wird dieser Mensch mir gar eine Anekdote aus seinem Leben erzählen? Das ist immer das Schönste.

Vor Kurzem ist etwas Besonderes passiert: Jemand hat zweimal geklingelt, allerdings lagen drei Stunden dazwischen. Ich ahnte einen Retourenwunsch, schließlich haben viele Vinylsammler, mich selbst eingeschlossen, längst einen besseren Überblick über ihre Steuerunterlagen als über ihre Tonträger; versehentliche Doppelkäufe sind kaum vermeidbar.

Aber der Herr klingelte aus einem anderen Grund erneut: Er hatte „Things The Grandchildren Should Know“, die Autobiografie von Eels-Sänger Mark Oliver Everett, bei mir erworben und berichtete, sichtlich gerührt, dass er das Buch schon bis zur Hälfte gelesen habe und dass es wahnsinnig gut sei. Dieser Meinung ist übrigens auch Pete Townshend, der über das Werk zu Protokoll gab: „One of the best books ever written by a contemporary artist. I learned more about my own business and my own methods by reading this book than I did by reading the life of Chuck Berry, Elvis or David Bowie.“

Es geht um die Musik als Rettungsanker in einer fast schon absurden Kaskade aus Schicksalsschlägen und Verlusten. Der Returning Customer äußerte abschließend andächtig: „Ich wollte nur noch mal Danke sagen.“ Ein Dankeschön, das nicht von Höflichkeit oder Pflichtgefühl motiviert ist: welch ein Geschenk!

„Das habe ich meiner Frau gar nicht erzählt!“

An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, dem roten Stuhl in meinem Laden zu danken. Er stammt aus den 50er-Jahren, steht nach wie vor mit allen vier Beinen voll im Leben und ist immer da, wenn er gebraucht wird: als Ablagefläche für Jacken, Taschen und desinteressierte Begleitpersonen.

Mich macht es immer ein bisschen traurig, wenn Paare die Leidenschaft für Musik nicht miteinander teilen können. „180 Euro für ein Konzertticket von Neil Young, das hab ich meiner Frau gar nicht erzählt!“, raunte einmal ein Kunde und klang dabei, als würde er mir ein Staatsgeheimnis anvertrauen. Ein anderer schwärmte von seinem Vinylhimmel im extra dafür ausgebauten Dachgeschoss, wo er sich abends immer hinverzieht: „Meine Frau schaut dann Fernsehen.“

Dabei liegt die Lösung absolut nah, denn Beziehungen und Schallplatten verbindet eine ganz essenzielle Erkenntnis: Nicht jeden Kratzer hört man, und nicht jedes Störgeräusch sieht man. Man muss sich schon die Zeit nehmen, einander zuzuhören.

Auch wenn’s nicht immer so unterhaltsam ist wie die Geschichte, die Michael neulich an meiner Ladentheke erzählte: Als er sich im September 2025 auf dem Hollywood Boulevard kurz umdrehte, bescherte das Schulterblick-Zufallsroulette ihm überraschend ein bekanntes Augenpaar. Es wurde von einer markanten Hornbrille eingerahmt und gehörte Jarvis Cocker!

Pulp waren an den beiden vorangegangenen Abenden gemeinsam mit LCD Soundsystem in der Hollywood Bowl aufgetreten. Niemand außer Michael schien Cocker zu erkennen: „Schon witzig, wie alle den Walk of Fame fotografieren und die echten Helden schlendern unbeachtet an ihnen vorbei.“

Thorsten klinkte sich in unser Gespräch ein und berichtete lachend von seinen Zufallstreffen mit Unterhaltungskünstlern: Nickelback am Flughafen in L.A. und Roberto Blanco im Londoner Stadtteil Wimbledon. Er hat in beiden Fällen davon abgesehen, nach einem gemeinsamen Foto zu fragen. Ein bisschen Ernst muss sein.