Altherrentum und Krieg

Unser Kolumnist Rocko Schamoni erklärt, wie Putin ganz nebenbei den Pazifismus abschafft und alle Antiwaffenhandelsinitiativen überflüssig macht.

Ich bin seit vielen Jahren Pazifist. Also nicht, dass ich Waffen nicht gut fände. Waffen sind technische Wunderwerke mit häufig unglaublichen Fähigkeiten und Wirkungen. Ich habe Waffen schon immer gemocht, habe mich meine ganze Kindheit und Jugend im norddeutschen Dorf damit glückvoll umgeben und sammle selbst heute noch Messer, Macheten und Schneidwerkzeuge. Auch mit Pfeil und Bogen, Armbrüsten und Beilen kann man mir eine stille Freude bereiten. Dennoch entschloss ich mich mit beginnendem Mannesalter zu einer pazifistischen Grundhaltung gegenüber Schusswaffen, aus dem einfachen und vorbeugenden Grund: Wenn sie da sind, werden sie irgendwann auch benutzt. Gegen Lebewesen, zumeist Tiere, aber auch Menschen. Die menschliche Irrationalität und Dummheit erlaubt unserer Spezies kein friedliches Ansammeln von Waffen (wozu auch?), früher oder später wollen sie eingesetzt sein, schießen, verletzen und vor allem töten ist ihr Wesenszweck. Dass Deutschland seit vielen Jahren zu den größten Waffenproduzenten der Welt gehört, war mir dementsprechend schon immer ein Gräuel, und der Held im Kampf gegen diesen Wahn ist und bleibt Jürgen Grässlin („Schwarzbuch Waffenhandel“), dessen Bücher ich nur jedem empfehlen kann.

Über die verbliebenen letzten Schieß- und Truppenübungsplätze an der Ostsee haben wir uns lange lustig gemacht und darauf gewartet, dass diese Relikte des deutschen Altherrentums (zusammengebacken aus überkommenem Ehrgefühl und vergorenem Nationalstolz) bald für alle Zeiten aus unseren Landschaften und Gesellschaften getilgt werden würden. Hätten getilgt worden sein sollen.

Doch nun ist uns das alles genommen, durch den irren Selbstverblendeten. Abgesehen von den unglaublichen Verbrechen, die er der Ukraine und ihren Bürgern antut, hat er in den wenigen Tagen seit Beginn seines Idiotenkrieges alles zunichte gemacht, wofür wir seit so vielen Jahren gelebt haben. Denn ich war stolz auf unsere sogenannte „westliche Verweichlichung“. Gibt es etwas schöneres, als wenn erwachsene Männer den Stolz auf ihre Überlegenheit, die Lust auf den Sieg über den Nächsten, die Freude an ausgelebter Brutalität ablegen und sich zur Liebe und zum gegenseitigen Respekt bekennen?

Das wird sich nun wieder ändern. In kürzester Zeit waren einhundert Milliarden für die Modernisierung der deutschen Bundeswehr bereitgestellt. Mag sein, dass das notwendig ist, ich finde es in erster Linie traurig. Mag sein, dass wir uns jetzt dankbar auf unsere große Tradition als Waffenerfinder und -hersteller besinnen können – ich finde es in erster Linie entmutigend. Viele Millionen Menschen – ein Großteil der Weltbevölkerung – muss die Vision eines friedlichen Zusammenlebens aufgeben, wegen der Verblendung einer kleinen Gruppe alter weißer Männer, angeführt von einem Psychoeisblock, dem sie nicht zu widersprechen wagen. An diesem Punkt wiederholt sich die Geschichte immer und immer wieder. Es sind immer Einzelne, die in maximaler Selbstverblendung erst ihrer eigenen Hybris zum Opfer fallen und dann die von ihnen verführten Völker mit in den Abgrund reißen. Das ist der Grund fürs Militär: Die Möglichkeit, dass dem Führer des Nachbarlandes die Sicherungen durchbrennen und er napoleonische Fantasien bekommt, gegen die man sich wehren muss. Deswegen der ganze Aufwand – wegen der psychischen Probleme Einzelner. Diese Einzelnen gilt es, frühzeitig in den Griff zu bekommen. Und jetzt, während diese kleine Gruppe Verblendeter dieses unglaubliche Verbrechen begeht, wünsche selbst ich als Pazifist den Ukrainern mehr und bessere Waffen und sehne mich nach Methoden, wie man die Berserker der Verblendung – die russischen Truppen – in ihre stumpfen und überheblichen Grenzen verweisen kann. Das Feuer des Hasses, den ein einzelner Mann geboren hat, greift um sich und frisst sich in uns hinein. Ich bete darum – als strenger Atheist –, dass dieses dunkle Feuer sobald wie möglich – von den Russen selbst – gelöscht wird.

Als wir neu im Dorf waren, verachteten die anderen Dorfjungs mich und meinen Bruder. Sie forderten uns auf, ins Unterdorf zu kommen, dort sollten wir uns unsere Begrüßung abholen, was eine ordentliche Tracht Prügel bedeutet hätte. Ich war zehn Jahre alt und hatte mir aus alten Eisenteilen einen Morgenstern gebaut, der über eine Kette an einem Schlagstock befestigt war. Ich ließ, als wir ins Unterdorf gingen, diesen Morgenstern eisern polternd über den Asphalt schlorren. Als wir ankamen, verschwanden alle Dorfjungs schweigend in ihren Häusern. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass wir die besseren Waffen besaßen. Wir hatten nie wieder Probleme miteinander.

Autorenbild von Kerstin Behrendt

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