Bob Dylans Never Ending Tour begann vor 36 Jahren mit einer Show, die Kritiker in der Luft zerrissen

„Dylan used to matter“, schrieb der „San Francisco Chronicle“ in einer vernichtenden Kritik seines Konzerts vom 7. Juni 1988 im Concord Pavilion.

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Bob Dylans Konzert am 7. Juni 1988 im Concord Pavilion in der Nähe von San Francisco galt damals niemandem als historischer Moment der Musikgeschichte. Es war ein Tiefpunkt in Dylans Karriere: zwei wirklich miserable Alben („Knocked Out Loaded“ und „Down in the Groove“), zwei Jahre pausenloses Touren mit Tom Petty and the Heartbreakers und den Grateful Dead als Begleitband, und viele Nächte, in denen er kaum bei der Sache schien. Er hatte sogar einen Film gedreht – „Hearts of Fire“ –, in dem er einen abgehalfterten Rockstar spielte. Das Ding war ein derartiger Kassenflop, dass viele eingefleischte Dylan-Fans nicht mal wussten, dass es ihn überhaupt gab.

Angesichts all dessen war der Nimbus, der Dylan in den Sechzigern und Siebzigern umgeben hatte, weitgehend verflogen. Ein paar Tage vor dem Concord-Pavilion-Konzert listete der „Sacramento Bee“ die Show in winziger Schrift im Konzertkalender auf, eingeklemmt zwischen Ankündigungen von Heart/Michael Bolton (18,50 Dollar), den Jets (17,50 Dollar), Robert Cray (17,75 Dollar) und Iron Maiden/Guns N‘ Roses (18,50 Dollar). „Vielleicht ist sein Plan, so zugänglich zu werden, dass er den Dylan-Mythos loswird, der ihm seit mehr als 20 Jahren anhängt“, schrieb der „Oakland Tribune“ in seiner Vorschau vom 5. Juni 1988, „und einfach Dylan der Künstler sein zu können.“

Wie Dylan in seinen 2004 erschienenen Memoiren „Chronicles: Volume One“ enthüllte, lag das gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. In plastischen Details schildert er, wie er seinem Manager Elliot Roberts auftrug, 200 Konzertdaten für 1988 zu buchen und diesen irrsinnigen Rhythmus durch 1989 und 1990 beizubehalten. „Ich dachte, ich würde mindestens drei Jahre brauchen, um zum Anfang zu gelangen, das richtige Publikum zu finden oder damit das richtige Publikum mich findet“, schrieb Dylan. „Der Grund, warum ich von drei Jahren ausging, war der: Nach dem ersten Jahr würden viele der älteren Leute nicht wiederkommen, aber jüngere Fans würden im zweiten Jahr ihre Freunde mitbringen, sodass die Besucherzahlen ungefähr gleich bleiben würden. Und im dritten Jahr würden auch diese Leute ihre Freunde mitbringen, und daraus würde der Kern meines künftigen Publikums entstehen.“

Dylans neues Publikum

„Ich brauchte dringend ein neues Publikum, weil das damalige mit meinen Platten aufgewachsen war und längst nicht mehr bereit, mich als neuen Künstler zu akzeptieren“, schreibt er weiter, „und das war verständlich. Dieses Publikum hatte in vielerlei Hinsicht seine beste Zeit hinter sich, seine Reflexe waren stumpf geworden. Die Leute kamen zum Gaffen, nicht zum Mitmachen. Das war in Ordnung, aber das Publikum, das mich erst noch finden musste, wäre eines, das nicht wusste, was gestern war.“

Der Plan trat im Concord Pavilion in Kraft, als Dylan mit Gitarrist G.E. Smith, Bassist Kenny Aaronson und Schlagzeuger Christopher Parker auf die Bühne trat – die kleinste Band seiner gesamten Karriere – und die erste Live-Version von „Subterranean Homesick Blues“ seit 1965 anstimmte. Es war der Auftakt zu vielen umwerfenden Momenten des Abends, darunter die Live-Premiere des „Blonde on Blonde“-Klassikers „Absolutely Sweet Marie“, das erste „You’re a Big Girl Now“ seit 1978, das erste „Gotta Serve Somebody“ seit 1981, das erste „Boots of Spanish Leather“ seit 1963 und das erste „Gates of Eden“ seit 1978. Als wäre das nicht genug, stand Gastmusiker Neil Young – ohne Ankündigung – einen Großteil der Show auf der Bühne, obwohl er weder das Material noch die Arrangements kannte. Dylan schob „Like a Rolling Stone“ und „Maggie’s Farm“ ans Ende des Sets, spielte ansonsten aber kaum seine bekanntesten Songs.

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Die Kritiken waren durch die Bank vernichtend. „Dylan stolperte durch die Musik“, schrieb Joel Selvin im „San Francisco Chronicle“. „Es gab zerfranste Schlussakkorde, einen schluderigen Mix und einen tastenden, unsicheren Ensemble-Sound, dem ein ungeprobt aufgetretener Gitarrist wie Young zweifellos nicht half. Smith rief Akkordwechsel raus und dirigierte die Band mit ständigen Handzeichen, doch das Chaos behielt die Oberhand. Dylan selbst murmelte Texte vor sich hin, ließ sich auf keinen seiner Songs wirklich ein und warf die Stücke hin, als könnte er es kaum erwarten, endlich von der Bühne zu kommen.“

Die vernichtenden Kritiken

Selvin schloss seine Rezension mit einem besonders harten Abgang: „Dylan used to matter. Seine Platten waren persönliche künstlerische Statements mit einer Integrität, die im Pop selten war. Selbst als er begann, einen Strom mittelmäßiger Alben zu produzieren, konnte man auf das gelegentliche Glanzstück zählen. Sein Konzert am Dienstag schien zu sagen, dass er selbst nicht mehr erkennen kann, was an seiner Arbeit besonders ist.“

Was Joel Selvin nicht wusste – und was im Sommer 1988 niemand hätte ahnen können, nicht einmal Dylan selbst –: Er hatte gerade die erste Show einer Tournee erlebt, die nach 36 Jahren und mehr als 3.700 Konzerten immer noch läuft.

Und der Plan, den Dylan in „Chronicles“ skizziert hat, wurde makellos umgesetzt. Ein Großteil der Gelegenheitsfans und Babyboomer ist seinen Shows längst ferngeblieben. Was geblieben ist, ist eine treue Gemeinschaft, jung und alt, die kommt und genau weiß, was sie erwartet. Niemand rechnet mit „Mr. Tambourine Man“, „Knockin‘ on Heaven’s Door“ oder „Like a Rolling Stone“. Wenn es ihm gefällt, fünf Jahre lang fast ausschließlich Songs seines 2020er-Albums „Rough and Rowdy Ways“ zu spielen, kommen sie trotzdem, wann immer er in die Stadt kommt.

Ein neuer Tourstart

Diese Woche beginnt ein neuer Abschnitt der Tour. Anders als die Konzerte zu Jahresbeginn sind diese nicht als „Rough and Rowdy Ways“-Shows angekündigt. Sie finden außerdem in großen Outdoor-Locations statt, wo er sich die Bühne mit Vorgruppen wie Lucinda Williams und Jimmie Vaughan teilt. Das könnte auf eine Setlist ähnlich dem Outlaw Festival der Sommer 2024 und 2025 hindeuten, wo er „Rough and Rowdy Ways“ weitgehend beiseitelegte und stattdessen auf Covers setzte – Bo Diddleys „I Can Tell“, Bobby „Blue“ Blands „Share Your Love With Me“ – sowie eine Handvoll seiner eigenen Klassiker, darunter „Desolation Row“, „All Along the Watchtower“ und „Don’t Think Twice, It’s All Right“.

Andererseits ist es gut möglich, dass er einfach bei „Rough and Rowdy Ways“ bleibt. Was auf einem neuen Tourleg von Dylan passiert, lässt sich erst wissen, wenn es losgeht. Was man sagen kann: Die Leute lagen falsch mit ihrer Einschätzung des Eröffnungsabends 1988. Hört euch die Aufnahme an. Es ist ein unglaubliches Konzert. Das Chaos rund um Neil Young und eine Band, die die Songs nicht kannte, macht es nur noch besser.

Andy Greene schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil