Casper im Interview. Videopremiere von „Michael X“


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Als Torsten Groß vor einigen Monaten auf Casper traf, schrieb er in unserem Heft-Feature: „Inzwischen ist sogar die Top-Position der Media-Control-Charts denkbar.“ Der Rest ist inzwischen Geschichte. Ebendiese Position wurde mit „XOXO“ aus dem Stand erreicht. Nun erscheint bald die neue Single „Michael X“. Wir haben das Video dazu und holen bei der Gelegenheit noch einmal das Feature von Kollege Groß hervor.

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Als Benjamin Griffey klein war, stand er vor einem Problem: Er wusste nicht, wie er sich anderen gegenüber behaupten sollte. Also ging er zu seinem Vater und erzählte ihm davon. Da sah ihm sein alter Herr streng in die Augen und sagte: „Das kannst du, du musst es nur wollen. Und wenn dann sechs Leute vor dir stehen und dir aufs Maul hauen wollen, springst du auf den größten und gibst ihm vier Dinger, dann fassen sie dich nie wieder an.“

Gut 20 Jahre später weiß Benjamin Griffey, der sich als Rapper Casper nennt, gar nicht mehr so genau, worum es damals ging. Aber die Antwort seines Vaters hat er nie vergessen. Die Episode hat Eingang gefunden in „XOXO“, das zweite Album des 28-Jährigen: „Das Grizzly Lied“ ist eine mit Kampf- und Männerklischees gespickte Abrechnung mit dem Vater, aus der aber auch eine große Sehnsucht spricht. Und Liebe. Wie bei den meisten Songs auf diesem Album geht es um Selbstbehauptung, die Suche nach Identifikationsmodellen. Insofern imitiert die Kunst hier klar das Leben, denn das größte Wunder an „XOXO“ ist die Tatsache, dass es das Album überhaupt gibt.

Der Reihe nach: Geboren wird Casper in Deutschland, die ersten Lebensjahre verbringt er in den USA. Viel Geld hat die Familie nicht, die Mutter ist Deutsche, der Vater amerikanischer GI – ein Jahr ist er zu Hause,­ das nächste im Einsatz an irgendeinem Krisenherd. „Mein Vater ist morgens nicht mit einem schönen Hemd ins Büro gefahren, sondern er war ein Jahr im Krieg und hatte danach das Gefühl, mir beibringen zu müssen, wie man kämpft“, erinnert sich Casper.

Irgendwann zerbricht die Ehe unter dieser Belastung. Die Mutter heiratet neu, doch auch diese Verbindung verläuft nicht harmonisch. Eines Morgens, Casper ist damals elf, packt die Frau die wichtigsten Sachen, schnappt sich ihre Kinder und zieht Hals über Kopf zurück nach Deutschland.

Dort beginnt das zweite Leben des Benjamin Griffey. Als die Familie in Frankfurt landet, spricht der Junge kein Wort Deutsch. Umstellen muss er sich schnell: „Es hieß, wir gehen nicht mehr zurück, also wird ab jetzt Deutsch gesprochen“, sagt er. Die Sprache hat Casper unter anderem beim Tischdecken gelernt. Abend für Abend musste er alles korrekt benennen – Gabel, Messer, Teller -, sobald er einen Fehler machte, ging’s wieder von vorne los. Eine harte Schule.

Man muss diese Geschichte kennen, um den besonderen Status zu verstehen, den Casper in der Rap-gemeinde hat. Auch hier sitzt er konsequent zwischen allen Stühlen. Wegen seines grenzüberschreitenden Ansatzes, des nicht den Codes der Szene entsprechenden Outfits, vor allem aber wegen der völlig untypischen Texte – Casper legt sein Herz auf den Tisch, nicht seinen Schwanz. Dafür gab es Schwulenvorwürfe und dergleichen mehr.

Caspers Problem mit HipHop, wie er sich heute oft darstellt: „Viele Rap-Musiker sagen dir Folgendes: ‚Du wirst nie so cool sein wie ich, ich bin durch dein Geld reich geworden, und zum Dank ficke ich deine Mutter.'“ Er lacht: „Irgendwann denkt man sich: ‚Was für eine masochistische Scheiße ist das überhaupt, Rap-Fan zu sein?'“

Trotzdem – oder gerade deshalb! – hat er angefangen zu rappen. Mit dieser mächtigen Stimme, die man dem eher schmächtigen Kerl nicht zutrauen­ würde und die zu seinem Markenzeichen geworden ist. Chronisch heiser, bedeutungsschwanger, fordernd. Casper klaubte alles auf, was ihn geprägt hat: die Springsteen- und Michael-Jackson-Platten vom Vater, den beim Stiefvater gehörten Rap, die eigene Hardcore-Sozialisation, den Einfluss deutscher Texter wie Dendemann und Marcus Wiebusch – und packte das irgendwie zusammen und in seine Musik.

„Der Druck steigt“, der Titel des ers­ten Songs, ist symptomatisch für die Entstehungsgeschichte des Albums. Der Musiker musste vom Management in einer mühseligen Prozedur aus dem alten Vertrag herausverhandelt werden, Casper hatte Schreibhemmungen, verwarf fertige Songs, kippte Deadlines.

So ging das über zwei Jahre. Irgendwann wurde das angebliche Album in der Szene zum Treppenwitz. Ungeachtet dessen reifte Casper durch stetiges Touren und Mund-zu-Mund-Propaganda zu einer Untergrundsensation. Und jetzt scheint plötzlich alles möglich: Zwei Monate vor Veröffentlichung stand „XOXO“ auf Platz eins der Amazon-Charts, inzwischen ist sogar die Top-Position der Media-Control-Charts denkbar.

Was auch immer passiert: Auslachen wird ihn nach „XOXO“ niemand mehr.