Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Text zum Ende des Jahres incl. einzigartigem Lederarmband

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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Text zum Ende des Jahres incl. einzigartigem Lederarmband

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Folge 152

Ich habe Simon Joyner vergessen. Ich will es gleich zu Beginn so klar sagen.

Wie viele andere alternde Männer hatte auch ihr ergebener Chronist zum Ende des Jahres mal wieder das dubiose Vergnügen, seine 20 liebsten Alben des Jahres auflisten zu dürfen.

Wie ich aber eben fassungslos feststellen musste, habe ich dabei das Album, das ich wohl mit mehr Freude und Gewinn gehört habe als jedes andere, schlicht vergessen: Simon Joyners „Step Into The Earthquake“. Ist mir noch nie passiert so was.

Was will mir ein solcher Schnitzer sagen? Dass ich abdanken sollte? Dass ich Wichtigeres im Kopf hatte? Dass diese ganzen blöden Listen ohnehin des Teufels sind, denn man müsste ja, um bloß nichts zu vergessen, das Jahr über Notizen machen? Und das semibuchhalterische Verwalten von Musik: nein, das sollte es dann auch nicht sein. Ach, und mir ist ja meist ohnehin erst im März des darauffolgenden Jahres klar, was meine Lieblingsplatten waren.

Vielleicht sollte man wirklich aufhören mit den öden Listen, die als Empfehlung ja nett gemeint sind und der Selbstvergewisserung dienen, künstlerische Arbeiten aber in eine Reihung packen, die ohnehin nur beim Sport (oder vielleicht in der Politik) funktioniert. Was ist überhaupt ein „bestes Album eines Jahres“: eine Platte, die man in diesem Zeitraum für künstlerisch besonders zwingend hält oder eine, die man besonders gerne gehört hat? Wie gut ist die beste Platte des Jahres 2017 im Vergleich mit der besten Platte von 1966? Kann nicht auch ein Album von 1973 die beste Platte des Jahres sein? Kann nicht auch ein Doppelalbum von 1969 ganz viel über 2017 sagen? So wie in der Literatur? Muss immer alles weitergehen?

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„Step Into The Earthquake“ ist Simon Joyners ungefähr 327. Album. Alles, was seine Musik von Anfang an ausgemacht hat, ist hier in kathedralenartiger Pracht vorhanden: das immer etwas Liederliche, das Leiernde, das Eiernde, das Schiffbrüchige, das sich wie besessen Auftürmende – und diese sich scheinbar der Kontrolle des Sängers entziehende Kippelstimme. Bitte nicht „Americana“ sagen: Mit wohlfeilem Pedal-Steel-Geheul haben diese Sermon-artigen Stücke nichts zu tun. Joyner kocht seine stramm herunterreduzierte Dylan/Reed/Cohen-Suppe bei hoher Flamme in einem ollen verbeulten Blechtopf; die Texte stochern in den hintersten Ritzen des Gefühlshaushalts herum. Im über 18 Minuten dauernden Schlusslied ertrinkt alles in Feedback und Joyner singt: „I dreamed I saw Lou Reed tonight / He was stuck on the same bill as me.“ Es ist das schwächste Stück der Platte.

Wie konnte ich nur Simon Joyner vergessen?

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Die Stadt hängt voll mit Plakaten. Darunter auch eines, das irgendein teures Simsalabim des niederländischen Magiers Hans Klok ankündigt. Warum haben eigentlich alle Magier denselben Friseur? Oder lassen sich doch zumindest die gleiche Magier-Frisur schnitzen? Mir scheint diese genormte Magier-Frisur (die aussieht, als habe man circa 1988 ein Best-of aus den Frisuren von John Parr und John Farnham veranstaltet) irgendwie gegen magische Fähigkeiten zu sprechen. Klok nennt sich selbst übrigens nicht Magier. Er nennt sich „Illusionist“. Ich dachte immer, ich sei Illusionist.

Eben nun hörte ich Klok im Radio, er gab ein Interview. Ein netter Mann. Im Interview sprach er aber sehr wohl von sich als Magier. Und sagte interessanterweise, dass Magier die neuen Rockstars seien. Das passt ja gut zum Tod des Rockstars, den der geschätzte und in Frisuren-Angelegenheiten unbedenkliche Autor David Hepworth (früher als Redakteur beim leider vor einigen Jahren eingestellten Magazin The Word) in seinem neuen Buch „Uncommon People: The Rise and Fall of the Rockstars“ ausruft. Little Richard, so Hepworth, sei der Erste und Cobain der Letzte gewesen; wie auch die Jazz-Ära habe die Rockstar-Ära genau 40 Jahre gedauert. Heute seien Rockstars praktisch unmöglich, weil sie sich theoretisch dauernd für alles entschuldigen müssten. Gute Erklärung.

Hans Klok

Mit beidem sollte man sich dringend beschäftigen: mit der Klok-Frisur und dem Rockstar-Tod. Vielleicht sind die Rockstars ja auch so moribund, weil es ihnen an strahlkräftigen Frisuren gebricht. Mal weiterverfolgen.

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Jared Leto muss ganz dringend aufhören so zu starren.

Wann immer mir irgendwo – auf einem Magazin-Cover oder Im Internet – Jared Leto begegnet, starrt er. Hier glaubt jemand, seinen Blick gefunden zu haben. Ich vermute, Jared Leto hält diesen Blick für charismatisch. Tatsächlich ist er einfach nur stressig. Wenn Jared Leto bei mir daheim herumsäße und so gucken würde, ich käme wohl nicht umhin, ihn achtkantig rauszuschmeißen. So wird nicht geguckt bei mir. Das kann er gerne in der „Blade Runner“-Fortsetzung machen, aber nicht bei mir zuhause.

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Bei Saturn gewesen. Dort eine halbe Stunde mit offenem Mund im Durchgang gestanden und auf der riesigen Leinwand die soeben als DVD veröffentlichte „MTV Unplugged“-Folge mit Peter Maffay angeschaut. Alles, was ich dort sah, war faszinierend: Maffays Hemd, seine Augen, wie er zwischendurch Wasser trinkt, der Perkussionist … alles.

Der Perkussionist scheint mir dieser kahlköpfige, stets freundlich lächelnde Typ zu sein, der überall mitperkussioniert, wo es in Richtung ordnungsgemäßer Rock/Pop-Verwaltung zu gehen hat: Sting, Pink, Elton John, Eric Clapton, Peter Maffay. Stets ist der Mann dabei und bedient Windspiel und allerhand Geklöppel.

Ray Cooper

Habe soeben recherchiert: Ja, er ist es! Ray Cooper heißt der Mann, ein anderer Name wäre auch nicht in Frage gekommen. Cooper, gebürtig aus Watford, Hertfordshire, ist tatsächlich schon 70, das sieht man ihm nicht an. In seinem deutschen Wikipedia-Eintrag (hier ist sein Alter falsch angegeben) steht folgender faszinierender Satz: „In Albert Dupontels Filmkomödie 9 mois ferme war Cooper 2013 in einem Cameo-Auftritt als Nachrichtensprecher zu sehen.“ Er dürfte der weltweit einzige Perkussionist sein, von dem sich solches schreiben lässt.

Die Deluxe-Ausgabe von Maffays neuem Unplugged-Album ziert ein Sticker: „2-CD-Edition in hochwertiger Box incl. einzigartigem Lederarmband.“ Ich habe mir ja schon aus vielen Gründen keine Maffay-CDs gekauft, aber das mit dem einzigartigen Lederarmband ist dann doch noch mal eine Abteilung für sich. „Sonne in der Nacht“ allerdings ist ein Hammer-Song. Ist so.

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Gerade wird mir klar, dass ich nicht nur Simon Joyner, sondern auch meinen zweiten Platz, „In the Kingdom of Dreams“ von Ian Felice vergessen habe. Und die zweite Platte von Big Thief, die Como Mamas, Surfing Magazines und Mavis Staples. Alles Lieblingsplatten. Was für ein Jahr!

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Jazz, Folk, Klassik und Santana

Tristar Media Getty Images
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